19. Februar 2021

Long-COVID: Ein junger Arzt berichtet von seiner Erkrankung

VdK Rheinland-Pfalz kämpft für Anerkennung der Langzeitfolgen

Er ist jung, Arzt in einer Klinik, begeisterter Sportler. In seiner Freizeit macht VdK-Mitglied Peter Keller* Trekkingtouren im Himalaja. Doch dann infiziert er sich im Dienst mit Covid-19. Seitdem fühlt er sich krank, kann nicht mehr als Arzt arbeiten. Ein kurzer Spaziergang fühlt sich an wie eine Bergbesteigung. 

Symbolbild eines jungen Arztes. | © Unsplash

„In der Regel heilt die Erkrankung (Anmerkung der Redaktion: Covid-19) folgenlos aus. Zu den Langzeitfolgen (…) kann zum jetzigen Zeitpunkt keine wissenschaftlich gesicherte Aussage getroffen werden.“ Mit diesen Argumenten begründet die Unfallkasse Hessen (UKH), warum sie die Folgen der Covid-19-Erkrankung von Peter Keller nur für einen Monat anerkennt. „Als wäre ich von einem auf den anderen Tag wieder gesund gewesen“, sagt Keller, der fast ein Jahr nach der Covid-19-Erkrankung bei Spaziergängen immer noch eine Herzfrequenz von 110 Schlägen pro Minute hat.  

„Ich erkenne mich selbst kaum wieder“, sagt Keller heute. Vergangenes Jahr arbeitete der Anfang 30-jährige Rheinland-Pfälzer im Rahmen seiner Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin auf der Intensivstation eines hessischen Krankenhauses. „Ich war körperlich fit und belastbar“, erinnert er sich. Dann kamen die ersten Covid-Patienten auf seine Station. Schließlich wurde die Intensiv- zu einer reinen Corona-Station. Er infizierte sich.  

Immer wieder Luftnot 

Es fing an mit Kopfschmerzen, dann kamen übers Wochenende Gliederschmerzen, Husten und Fieber dazu. Als am Montag dann auch der Geschmackssinn weg war, war ihm klar: „Corona“. Ein PCR-Test bestätigte seine Vermutung. „Aufgrund von dem, was ich auf den Stationen als Arzt gesehen hatte, wollte ich vermeiden, ins Krankenhaus zu müssen“, sagt der junge Arzt. Sein Zustand wurde aber zunehmend schlechter. Tags und auch nachts immer wieder Luftnot. „Insgesamt war ich fast vier Wochen zu Hause in Quarantäne.“ Mit dem Ende der ­Quarantäne-Zeit konnte die Unfallkasse Hessen keine Folgesymp­tome mehr erkennen und bewilligte somit auch keine Leistungen. „Ich dachte ja zuerst selbst: ,Das wird schon wieder‘. Und lies mich deshalb nur wochenweise krankschreiben“, sagt Keller. Aber es kam immer wieder zu Rückfällen – erst tageweise, dann wochenweise. Er fühlte sich wie in der Akutphase der Erkrankung.  

Unfallkasse lehnt ab

Anfang Juni versuchte Peter Keller eine Wiedereingliederung im Krankenhaus. Erst nur zwei Stunden, mit dem Ziel weiter aufzustocken. Doch er merkte: „Es geht nicht. Nach drei Wochen musste ich die Wiedereingliederung komplett abbrechen“. Er macht eine Reha und Atemphysiotherapie. Die Unfallkasse Hessen sah keinen Sinn in der Maßnahme, die Kosten übernahm deshalb Kellers Krankenkasse.

Er trifft in der Reha andere Betroffene mit ähnlichen Covid-­Langzeitfolgen; deren Reha wird von der Berufsgenossenschaft gezahlt. Doch der ärztliche Gutachter der Unfallkasse Hessen kann das nicht nachvollziehen: Kellers Symptome kämen schließlich auch in der Allgemeinbevölkerung vor und könnten „… nicht als Erkrankungsfolge anerkannt werden, da sie zu unspezifisch sind und ihre Ursache vielfältig sein kann.“ 

VdK legt Widerspruch ein 

Keller lässt sich vom VdK beraten und konsultiert weitere Spezialisten in zwei unterschiedlichen Unikliniken. Ende 2020 wird bei ihm eine Herzmuskelentzündung als Folge von Covid-19 diagnostiziert. Anfang 2021 wird ihm ärztlich ein weiterhin eingeschränkter Geruchs- und Geschmackssinn bestätigt. 

VdK-Sozialrechtsexperte Thomas Roos legt Widerspruch gegen den Bescheid der UKH ein. „Wir klagen bei Ablehnung des Widerspruchs natürlich auch vorm Sozialgericht für unser Mitglied. Denn aus unserer Sicht ist eine Kausalität zur Langzeiterkrankung da; es sprechen mehr Argumente für Langzeitfolgen als dagegen. Eine positive Entscheidung vor Gericht scheint mir daher möglich.“

Mit Blick auf die beruflichen Perspektiven des jungen Arztes sagt Roos: „Die Anerkennung der Langzeitfolgen ist für Herrn Keller wichtig, da ihn nur dann die UKH bei der Erarbeitung einer beruflichen Perspektive finanziell unterstützen wird.“

Peter Keller hofft, bald noch einmal einen zweiten Versuch mit einer beruflichen Widereingliederung starten zu können. „Ich will und kann mir einfach nicht vorstellen, dass mein Zustand so bleibt. Ich möchte beruflich und privat wieder das machen, was ich vor meiner ­Erkrankung an Covid-19 gemacht habe.“

Als Arzt arbeiten und den Himalaja bereisen scheint derzeit aber wie ein Wunschtraum für den Anfang 30-Jährigen – solange seine Herzfrequenz schon bei einem Spaziergang um den Block 110 Schläge pro Minute überschreitet.

*Name von der Redaktion geändert

Katie Scholl-Göttlinger

Schlagworte COVID-19 | Berufskrankheit | Langzeitfolgen

Covid-19 als Berufskrankheit

Laut Bundesregierung setzt eine Anerkennung als Berufskrankheit voraus, dass die Betroffenen im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium arbeiten oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maß besonders ausgesetzt sind. Der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz hat bei den zuständigen Stellen in Rheinland-Pfalz nachgefragt, wie zurzeit generell die Anerkennung von Covid-19 als Berufskrankheit für medizinisches Personal gehandhabt wird.

Für die Berufsgenossenschaft Wohlfahrtpflege (zuständig für den gewerblichen Bereich, u. a. medizinisches Personal in privaten Kliniken) sagt Randolf Mäder, Geschäftsführer BGW-Bezirksverwaltung Mainz: „Wenn eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Langzeitfolgen auf die Covid-Erkrankungen zurück­gehen, dann steigen wir in ein Reha-Verfahren ein. Wir haben auch Covid-Sprechstunden etabliert.“

Jörg Zervas von der Unfallkasse Rheinland-Pfalz (zuständig für Erkrankte im öffentlichen Dienst): „Für uns ist das Thema auch neu. Bisher sind bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz weit über 300 Meldungen – zum Teil auch mit Langzeiterkrankungen – eingegangen. In keinem Fall mit Langzeiterkrankungen konnte bisher das Verwaltungsverfahren soweit abgeschlossen werden, dass eine Anerkennung oder auch eine Ablehnung der Langzeitfolgen erfolgen konnte.“ Grundsätzlich müsse durch eine Einzelfallprüfung geklärt werden, ob eine Kausalität gegeben sei, so Zervas. Erst wenn mehr dafür als dagegen spreche, würden Symptome als Langzeitfolgen von Covid anerkannt.

Das System verlangt somit etwas, das beim derzeitigen Wissensstand zu Covid-Langzeitfolgen kaum möglich ist. Deshalb würde es aus Sicht des VdK Sinn ergeben, in dieser besonderen Pandemie-Situa­tion eine Beweislastumkehr anzuwenden. Das heißt, die Leistungsträger müssten nachweisen, dass es sich bei den Symptomen nicht um Covid-Erkrankungsfolgen handeln kann.

Doch hier ist die Politik gefragt. Erst wenn sich die Gesetzeslage ändert, können auch Berufsgenossenschaften und Unfallkassen handeln. (KG)



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