24. Juni 2020

Angefeindet und rausgeschmissen

Immer mehr Menschen mit Behinderungen werden angefeindet und nicht bedient, wenn sie keine Maske tragen oder zu wenig Abstand halten. Geschäftsinhaber*innen kennen oft die Gründe nicht – und verstoßen gegen Gesetze, wenn sie trotz ärztlichem Attest den Zutritt verweigern.


„Bei uns häufen sich Anrufe von Menschen, die nicht in Geschäfte gelassen wurden, weil sie keine Maske tragen – obwohl sie ein ärztliches Attest vorzeigten“, berichtet Mechthild Gerigk-Koch von der Antidiskriminierungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz. „Doch wer keine Maske tragen kann, weil er zum Beispiel lungenkrank oder Trauma-Patient ist, muss trotzdem bedient werden.“ Leider sei das in Geschäften und beim Personal kaum bekannt.

Diese Erfahrung machte auch Jutta Busch aus Worms. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte sie sich eine eigene Maske genäht. „Doch als ich sie aufgesetzt habe, bin ich zusammengebrochen“, erzählt die VdKlerin. „Ich hatte eine Panikattacke und hyperventilierte. Der Arzt hat mir ein Attest geschrieben, aber als ich in den Kaufhof wollte, hat der Sicherheitsbeamte mich abgewiesen. Zwar war er freundlich und wollte mein gewünschtes Produkt holen, aber ich habe mich gefühlt, als ob ich die Pest hätte.“
Daraufhin setzte sich Frau Busch mit der Antidiskriminierungsstelle in Verbindung und schrieb an die Kaufhof-Zentrale in Essen. Die entschuldigte sich, dankte für den Hinweis und gelobte Besserung – was offenbar klappte. „Als ich wieder im Kaufhof war, bin ich ohne Probleme reingelassen worden“, berichtet die 61-Jährige.

Mechthild Gerigk-Koch von der Antidiskriminierungsstelle lobte die schnelle Umsetzung. „Das Warenhaus hat den Fehler sofort eingesehen und sein Personal informiert. Manche Geschäftsinhaber aber glauben, dass sie jeden Kunden des Ladens verweisen können, weil sie Hausrecht haben. Das ist aber nicht ganz richtig.“ Laut Rechtslage sei die "Ausübung des Hausrechts nur innerhalb der vom Antidiskriminierungsgesetz (AGG) gesetzten Grenzen zulässig“, so Gerigk-Koch. „Ein Geschäftsinhaber darf also niemanden wegen einer Behinderung des Ladens verweisen.“

VdK fordert Betroffenen bei zu stehen

VdK-Mitglied Jutta Busch hat ihre schlechte Erfahrung nachdenklich gemacht: „Ich bin fit und konnte mich wehren. Doch was machen andere Menschen mit Behinderung, die dazu nicht die Kraft haben?“

Diese Frage beschäftigt auch VdK-Landesverbandsvorsitzenden Willi Jäger. Er forderte, mehr aufzuklären und den Betroffenen vor Ort beizustehen: „Mischen Sie sich ein, wenn Sie mitbekommen, dass jemand diskriminiert wird! Und zwar nicht nur, wenn es um gesetzliche Regelungen geht, sondern auch, wenn Menschen mit Behinderungen grob und unfreundlich angegangen werden.“ So sei ein blinder Passant beschimpft worden, weil er an der Ampel jemandem zu nah kam. „Ein sehbehinderter Mensch meint es nicht böse, wenn er den 1,5-Meter-Abstand nicht einhält“, so Jäger. „Blindenhunde sind auf einen 0,5-Meter-Abstand trainiert, den halten sie ein. Tiere kann man ja nicht einfach umprogrammieren wie einen Computer.“ In solchen Situationen gelte es, mit Augenmaß zu handeln und ruhig zu bleiben. „Wir sind in einer Krise, da müssen alle zusammenhalten – mit Verständnis, Höflichkeit und Menschlichkeit.“

Michael Finkenzeller

Schlagworte Corona | Diskriminierung | Hausrecht | Maskenpflicht

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