19. Mai 2020

Jung, aktiv und gefährdet

Die unsichtbare Risikogruppe?

Das Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Corona-Erkrankung ist nicht nur bei älteren Menschen hoch. Auch junge Menschen mit chronischen Erkrankungen sind besonders gefährdet; manchmal ist das nicht mal äußerlich sichtbar. Werden die jungen Risikogruppen von der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit übersehen? Aktivist Benni Over und Journalist Jan Kampmann wollen das verhindern. Wir haben mit den beiden über Quarantäne, ihre Sorgen und über Solidarität gesprochen.

Der Aktivist Benni Over kann sich vorerst nur virtuell für Orang-Utans einsetzen. Gemeinsam mit seiner Familie bleibt er in freiwilliger Quarantäne – bis es einen Impfstoff gibt. | © Privat

Während draußen die Corona-Beschränkungen gelockert werden, ist Familie Over in Quarantäne. Nicht weil sie sich angesteckt haben, sondern weil Sohn Benni zur Risikogruppe gehört. Benni wird dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiern; wahrscheinlich zu Hause.

“Wenn sich Benni am Corona-Virus infiziert, könnte er sterben”, sagt Vater Klaus Over. “Daher werden wir in Quarantäne bleiben, bis es einen Impfstoff gibt. Das sind keine schönen Aussichten für unsere Familie.” Benni ist an einem schleichenden Muskelschwund erkrankt; der sogenannten Duchenne Muskeldystrophie. Er sitzt im Rollstuhl und wird seit über drei Jahren beatmet.

Orang-Utan-Botschafter


Seit Ende Februar geht die Familie nicht mehr raus; niemand darf zu Besuch kommen. Sie verzichten freiwillig auf alle bisherigen Hilfen: den Intensiv-Beatmungspflegedienst, die ambulanten Hilfen und die Therapeuten. Auch die für Benni so wichtigen Therapien – Physio- und Atemtherapie – müssen jetzt virtuell mit Facetime stattfinden. “Am Abend fallen wir todmüde ins Bett. Die Belastung für uns alle kann man sich als Nicht-Betroffener schwer vorstellen”, sagt Bennis Vater.

Dabei ist zu Hause bleiben so gar nicht Bennis Art: Er leitet ein Projekt zur Rettung der Orang-Utans und des Regenwalds (siehe Interview). Normalerweise ist Benni viel unterwegs und bringt seine Botschaft live unter die Menschen. Dieses Jahr sollten 40 Schulveranstaltungen stattfinden; nun sind alle abgesagt. Aber mit Online-Formaten hält Benni trotzdem Vorträge, auch für Alten- und Behinderteneinrichtungen. Für die Arbeit am zweiten Teil zu seinem Kinderbuch „Henry rettet den Regenwald“ steht er in ständigem Kontakt mit seiner Ambulanten Hilfe Kathrin – online, versteht sich.

„Wir müssen uns doch mit anderen Risikogruppen solidarisieren. Denn diese kommen kaum vor in der öffentlichen Diskussion oder in den Talk-Shows. Sie scheinen übersehen und vergessen worden zu sein“, kritisiert Benni.

Risiko-WG

Sichtbar machen – das war auch das Ziel von Journalist Jan Kampmann, der 2016 über die VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren“ ausführlich berichtete. Nun hat er bei Facebook und Instagram im März eine Foto-Collage mit dem Hashtag “Risikogruppe” veröffentlicht. Zu sehen sind acht Menschen, die verschiedene Vorerkrankungen haben. Im dazugehörigen Text stellen sich die Personen vor und rufen dazu auf, die Empfehlungen des Gesundheitsministeriums einzuhalten. Mit Erfolg: Der Beitrag wurde tausende Male weitergeleitet.

Im April hat Kampmann mit einigen der gezeigten Menschen auf Instagram die Risiko-WG eröffnet. Diese „virtuelle Wohngemeinschaft“ macht mit ihren Bildern und Texten auf Risikogruppen aufmerksam, die nicht aufgrund des Alters gefährdet ist. “Die Medien haben zu Beginn der Corona-Pandemie lediglich über alte Leute als Risikogruppe berichtet berichtet. Nachdem wir online gegangen sind, bekamen wir etliche Anfragen. Das zeigt mir, dass sie uns nicht im Blick hatten”, sagt Jan Kampmann.

Er selbst hat auch im eigenen Bekanntenkreis die Erfahrung gemacht, “übersehen” zu werden. Nicht alle Probleme sind auf den ersten Blick erkennbar: “Manche Menschen haben nicht gewusst, dass ich auch zur Risikogruppe gehöre”, erzählt Jan Kampmann. "Die meisten sehen nur meinen Rollstuhl, wissen aber nicht, dass ich durch die Querschnittslähmung ein kleineres Lungenvolumen habe. Corona wäre gefährlich für mich.”

Wie Benni war Jan Kampmann schon in Quarantäne, bevor die Ausgangsbeschränkungen verordnet wurden. “Ich fände es gut, wenn die Kontaktbeschränkungen noch etwas länger dauern würden”, sagt Kampmann. “Wenn alles wieder normal ist, muss ich schauen, mit wem ich Kontakt habe.” Im Moment kann Jan Kampmann im Homeoffice arbeiten und sieht hauptsächlich seine Familie.

Sorgen

Doch nicht nur die Angst vor der Krankheit macht das Leben für Risikopatienten schwer. Bennis Vater berichtet, dass sich nach knapp drei Monaten der Isolation bei Benni schlechte Stimmung, Frust, körperliche Beschwerden und Wut breit machen: “Online-Therapien und Skypen können zwar überbrücken, aber das direkte, vertraute Gespräch können sie auf Dauer nicht ersetzen.”

Benni macht sich Sorgen: “Hoffentlich werden wir bei all den Maßnahmen nicht vergessen und können teilhaben, wenn das öffentliche Leben wieder losgeht!” Besonders der Kommentar von Oberbürgermeister Boris Palmer hat die Familie erschüttert. Palmer regte an, bei den Corona-Maßnahmen zwischen mehr oder weniger schützenswertem Leben zu unterscheiden. “Solche Aussagen sind Öl im Feuer für diejenigen, die sich wegen der Ausgangsbeschränkungen und der Maskenpflicht ihrer Freiheit beraubt fühlen. Wie werden sich in einer solch aufgewühlten Stimmung dann erst recht die tausenden Risikopatienten fühlen? Das alles macht Angst!”, sagt Benni.

Zu dieser Angst kommen noch finanzielle Belastungen. Die höheren Kosten für unter anderem Schutzhandschuhe oder Desinfektionsmittel wurden nicht von der Krankenkasse übernommen. Sie zahlt nur einen Betrag von monatlich 40 Euro. Aber Benni wird aktuell nicht vom Beatmungs-Intensiv-Pflegedienst betreut, sodass seine Eltern viel höhere Kosten haben. Auch die Online-Therapie wurde nach dem 30. Mai nicht mehr verlängert.

Solidarität

Ob die Corona-Krise auch positive Auswirkungen für die Menschen haben könnte, insbesondere für Menschen mit einer Behinderung? Jan Kampmann ist optimistisch: “Es gibt viele tolle Auswirkungen auf die Solidarität, die Umwelt und so weiter. Große gesellschaftliche Probleme wurden erstmal von Corona platt gemacht. Ich denke aber, dass Corona positive Effekte auf alle Menschen haben könnte – und somit auch für Menschen mit Behinderung.”

Für Kampmann ist Corona eine Gemeinschaftsaufgabe. Familie Over dagegen befürchtet, dass Corona die Gesellschaft noch mehr spalten wird: “Die Menschen müssen sich von einem konsum- und profitorientierten Leben entfernen. Jetzt wäre die Chance zu einem dringend erforderlichen Wertewandel da, der von der Politik angeschoben werden müsste.”

“Solidarität kann nur funktionieren, wenn wir uns aus unserer Komfortzone bewegen. Und das gilt nicht nur für die Corona-Krise, sondern auch für den Klimawandel”, sagt Benni, der mit seinen Projekten einen Beitrag leisten möchte für eine bessere Welt. “Denn an den Folgen der Klimakrise werden auch diejenigen leiden, die heute Rücksicht nehmen müssen, indem sie zum Beispiel eine Schutzmaske tragen. Es hängt alles zusammen.”

Martha Lubosz

Schlagworte Corona | Corona-Pandemie | Risikogruppe | Behinderung

Risikogruppen von Covid-19

Informationen der Bundesregierung


Menschen mit verschiedenen Grunderkrankungen scheinen unabhängig vom Alter ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu haben. Solche Erkrankungen können sein:

  • Erkrankungen des Herzens (zum Beispiel koronare Herzerkrankung), Bluthochdruck
  • Erkrankungen der Lunge (zum Beispiel Asthma, chronische Bronchitis, COPD),
  • chronischen Lebererkrankungen,
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit),
  • eine Krebserkrankung (insbesondere bei aktueller Therapie)
  • Nierenerkrankungen, Dialysepflicht
  • Organtransplantation
  • ein geschwächtes Immunsystem (zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht oder durch die Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr schwächen, darunter Cortison).


Weitere Informationen und Vorsichtsmaßnahmen für chronisch Erkrankte findet man bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.


Foto: Benni wird im Rollstuhl zu den Orang-Urans gebracht
Interview mit Aktivist, Buchautor und Filmemacher Benni Over

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Symbolfoto: Zwei junge Frauen bei der Beratungsstelle einer Krankenkasse.
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