21. Januar 2019

"Die Hürden sind zu hoch!"

Entlastungsleistungen für Pflegebedürftige: Nachfrage größer als Angebot – Interview mit VdK-Expertin

Putzen, Einkaufen, Spazierengehen – solche „niedrigschwelligen Leistungen“ bezuschusst die Pflegekasse mit 125 Euro im Monat. Doch was als unkomplizierte Alltagshilfe für Pflegebedürftige gedacht ist, entpuppt sich als Schildbürgerstreich: Das Geld ist da, aber die Anbieter fehlen. Der Sozialverband VdK Rheinland-­Pfalz fordert Reformen, wie Sozialrechtsexpertin Marlen Holnick im Interview erklärt.

Marlen Holnick, Leiterin der Abteilung "Sozialpolitik und Sozialrecht" | © Michael Finkenzeller


"Pflegende Angehörige lassen sich Millionen entgehen – aus Unwissenheit". So lautete ein Zeitungsartikel aus dem letzten Jahr. Frau Holnick, ist die Bevölkerung schlecht informiert?

Das mag eine Rolle spielen, aber die Probleme liegen viel tiefer. Viele Betroffene wissen, dass sie mit 125 Euro im Monat unterstützt werden können. Trotzdem nehmen sie diese sogenannten „Entlastungsleistungen“ nicht in Anspruch.

Aus welchem Grund?

Sie finden niemanden, den sie beauftragen können. Dadurch entsteht eine absurde Situation: Das Geld steht zur Verfügung, man hat einen Anspruch auf die 125 Euro, kann sie aber nicht ausgeben. Es gibt in Rheinland-Pfalz nur rund 280 entsprechende Dienste, die Entlastungsleistungen anbieten. Und das bei einer Bevölkerungszahl von über vier Millionen, von denen über 30 000 zu Hause gepflegt werden. Das ist zu wenig.

Kann man das Geld nicht einfach einem Nachbarn auszahlen, der einem hilft?

Die 125 Euro gehen nicht auf das Konto des Pflegebedürftigen. Vielmehr beauftragt er jemanden, der dann mit der Pflegekasse direkt abrechnet. Die Pflegekasse bezahlt aber nur Anbieter, die entsprechend qualifiziert sind. Das sind meist Pflegedienste. Und es gibt nur wenige, die genau diese niedrigschwelligen Leistungen anbieten.

Können sich nicht auch Einzelpersonen qualifizieren lassen?

Die Zugangshürden sind sehr hoch. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion ADD in Trier verlangt gewisse Qualitätsstandards: Bevor man mit Pflegebedürftigen arbeiten und über die Pflegekassen abrechnen darf, muss man ein aufwendiges Konzept schreiben, umfangreich geschult werden und eine Art Praktikum machen. Das können Sie in der Regel nur, wenn Sie zum Beispiel bei einem Pflegedienst angestellt sind. Für Einzelpersonen wie Nachbarn oder Verwandte ist das viel zu aufwendig, praktisch unmöglich.

Es ist doch gut, auf Qualität in der Pflege zu achten? Gerade in den vergangenen Jahren ist viel Vertrauen verloren gegangen, zum Beispiel durch den fehlerhaften und irreführenden Pflege-TÜV oder die vielen Pflegeheim-Skandale.

Natürlich brauchen wir Qualität in der Pflege, aber wir brauchen auch unbürokratische Hilfe. Wenn jemand zu Hause gepflegt wird, bekommt er ja auch Pflegegeld, ohne dass derart komplizierte Konzepte eingereicht werden müssen. Und Entlastungsleistungen sind noch unproblematischer, weil es nicht um körperbezogene Pflege, sondern um Alltagsunterstützung geht: Putzen, Einkaufen, Spazierengehen, Unterhaltung, Spielen und so weiter. Das sind einfache Gefälligkeiten. Dafür brauchen sie keine Leistungsbeschreibung, Kostenregelung, Beschwerdemanagement und 160 Stunden Fortbildung. Eine zweckmäßige, zeitlich angemessenere Schulung über den persönlichen Umgang mit Pflegebedürftigen wäre vollkommen ausreichend.

Wenn man praktisch jedem erlaubt, in diesem Bereich zu arbeiten – entsteht so nicht die Gefahr, dass gut ausgebildete Kräfte von Laien unterboten werden?

Auch bei den offiziellen Diensten arbeiten nicht nur Profis. Zwar wird der Dienst bei der ADD zugelassen; wen er später anstellt, wird aber nicht mehr kontrolliert. Außerdem könnte der Gesetzgeber festlegen, dass man Einzelpersonen unbürokratisch beauftragen darf, wenn man zum Beispiel keinen qualifizierten Dienst findet. So wäre ausgeschlossen, dass nicht-professionelle Anbieter mit professionellen Anbietern konkurrieren. Aber davon abgesehen kann man sich grundsätzlich fragen, wie sinnvoll es ist, dass professionelle Dienste einfache Alltagshilfen anbieten.

Wieso?

Wegen der Kosten. Wenn ein Pflegedienst 60 Euro Stundenlohn abrechnet, reichen 125 Euro für nur zwei Stunden, also einmal einkaufen im Monat! Da wäre dem Pflegebedürftigen mit der unkomplizierten und günstigeren Nachbarschaftshilfe besser gedient.

Das Interview führte Michael Finkenzeller.

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