24. Januar 2018

„Ich bin Anwalt aller Zuschauer“

VdK-Mitglied Michael Jörg ist Mitglied des ZDF-Fernsehrats

Ein Blinder als Mitglied des ZDF-Fernsehrats?! Das ist für Michael Jörg kein Widerspruch. Der 55-jährige VdKler kann seit 20 Jahren keine Filme mehr sehen, trotzdem setzt er sich im Rundfunk­­rat für barrierefreie Sendungen und eine inklusive Gesellschaft ein.

Ein Mann in einem roten Pullover steht mit einer Fehrnbedienung in der Hand vor einem Fernseher.
Der Hunsrücker Michael Jörg ist blind. Bei dem Thema „barrierefreies Fernsehen“ hat er aber den Durchblick | © Katie Göttlinger

„Furchtbar aufregend!“ So beschreibt der Hunsrücker Michael Jörg seine erste Sitzung als Mitglied des ZDF-Fernsehrats im Juli 2016. „Da kommt so ein Landei aus dem Hunsbuckel und sitzt auf einmal neben dem ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck. Der fragt: Michael, willst du ein Käffchen?“, so erinnert sich Jörg wie es war, als einziger Blinder und Neuling im 60-köpfigen Rundfunkrat zu sitzen.

Dass Jörg als VdK-Mitglied diesem Gremium angehört, hat er einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2014 zu verdanken. Dieses hatte beschlossen, dass der ZDF-Fernsehrat seinen Anteil an Regierungsvertreter auf ein Drittel beschränken und stattdessen gesellschaftliche Gruppen stärker einbinden muss. Daraufhin wurde Jörg von drei rheinland-pfälzischen Verbänden (Sozialverband VdK-Rheinland-Pfalz, Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen und Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Selbsthilfe Behinderter Rheinland-Pfalz) als Vertreter für den Bereich „Inklusive Gesellschaft“ vorgeschlagen und bestätigt.

Mit Jörg haben inklusive Themen eine selbstbewusste Stimme im Fernsehrat bekommen. Denn selbst wenn sich der Hunsrücker scherzhaft als Landei bezeichnet, hatte er seine anfängliche Aufregung schnell überwunden und sich an die Arbeit gemacht. „Ich bin Anwalt aller Zuschauer“, beschreibt er seine Aufgabe als Mitglied des Fernsehrats. „Aber ich habe ein Fachgebiet, und das ist die inklusive Gesellschaft.“

Mit Mitte 30 erblindet

In diesem Bereich hat er durch sein ehrenamtliches Engagement in den vergangenen 20 Jahren schon einiges bewegen können. Nachdem klar war, dass er aufgrund einer Netzhauterkrankung schnell erblinden würde, wurde er mit Mitte 30 verrentet. Das war der Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit. „Ich habe mir gesagt: Wenn du Geld von der Gesellschaft bekommst, dann arbeitest du auch für die Gesellschaft“, begründet Jörg seine Entscheidung. Zuerst engagierte er sich bei „PRO RETINA“, einer Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen. Dann wurde er Beisitzer und schließlich Vorsitzender von „Club aktiv“ in Trier; einer Gemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten, die sich für die Gleichstellung und Selbstbestimmung behinderter Menschen einsetzt.

Mit dieser Erfahrung im Gepäck hat sich der VdKler folgende Ziele für seine vierjährige Amtsperiode im Fernsehrat gesetzt: „Ich will das ZDF für mehr Barrierefreiheit sensibilisieren. Das heißt, dass Nachrichten auch gebärdet werden, und dass es ein größeres Angebot in ,Leichter Sprache‘ gibt.“ Das ZDF biete zwar schon Hörfilme und Untertitel für einige Sendungen an; dieses Angebot sei aber nicht so einfach zu finden. Außerdem würde durch den Trend zu Filmen im Internet (Streaming-Angebote) Barrierefreiheit verloren gehen, weil diese selten Untertitel haben. Mehr Sendezeit für die paralympischen Spiele steht ebenfalls auf Jörgs Agenda.

Im „ersten Leben“ Banker

„Barrierefreies Fernsehen kostet natürlich“, weiß Jörg. Deshalb hat er sich im Fernsehrat in zwei wichtige Ausschüsse wählen lassen: den Programmausschuss Chefredaktion und den Ausschuss für Finanzen, Investitionen und Technik. Jörgs Fachkenntnis beschränkt sind nämlich nicht nur auf inklusive Themen. In seinem „ersten Leben“, wie er selbst die Zeit vor seiner Netzhauterkrankung nennt, war er ein „Zahlen-Mensch“. Der dreifache ­Familienvater hat als Banker in Luxemburg gearbeitet. Mit Haushaltszahlen kennt er sich also aus – auch wenn er Exceltabellen heute nicht mehr selbst lesen kann. „Das ist aber kein Problem, das ZDF hat mir schon angeboten, dass sie mit mir die Zahlen gemeinsam durchgehen und diese vorlesen.“
Michael Jörg ist das erste und einzige blinde Mitglied des Fernsehrats. Dies bedeutet auch für das Gremium eine Umstellung und fordert in manchen Situationen Kreativität. Sitzungsvorlagen werden ihm vorgelesen, und bei Filmeinspielern macht sein Sitznachbar eine spontane Bildbeschreibung. Ein Taxi bringt ihn aus seinem Heimatdorf Bischofsdhron im Landkreis Bernkastel-Wittlich bis zur ZDF-Pforte nach Mainz.

Den ZDF-Slogan „Mit dem Zweiten sieht man besser“ am Eingang hat seine Taxifahrerin so kommentiert. „Na, dir hat das ja noch nix genutzt,“ erinnert sich Jörg und muss immer noch herzhaft über den Kommentar lachen. Der 55-Jährige hadert nicht mit seinem Schicksal, er macht das Beste draus – für sich und alle ZDF-Fernsehzuschauer.

Katie Göttlinger

Schlagworte ZDF-Fernsehrat | Barrierefreiheit | Inklusion | Sehbehinderung

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