18. Oktober 2017

Leichte Sprache: "Experten in eigener Sache"

Menschen mit Behinderung prüfen Texte auf Verständlichkeit

Andreas Schell kommt im Rollstuhl in den Raum. Oliver Castejon-Botero wird am Arm ins Büro geführt, weil er schlecht sieht. Doch sobald die zwei Männer donnerstags von 10 bis 11 Uhr im Besprechungsraum des Sozialunternehmens „in.betrieb“ sitzen, macht ihre Behinderung sie zu Experten. Gemeinsam mit Kerstin Müller und elf weiteren Kollegen gehören sie der Prüfgruppe für „Leichte Sprache“ an.

Sie sind ein eingespieltes Team, wenn es um die Überprüfung von Texten geht (von links): Kerstin Müller, Andreas Schell, Anne-Kathrin Berg (Leiterin des Zentrums für Leichte Sprache), Michéle Nagel (Mitarbeiterin „in.betrieb“) und Oliver Castejon-Botero. | © Katie Göttlinger

Doch wie erkennt man, ob Texte leicht verständlich sind? Bei der Mainzer Expertengruppe läuft die Prüfung immer nach dem gleichen System ab. Zunächst werden ihnen die Texte von Anne-Kathrin Berg vorgelegt; die studierte Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin leitet das Zentrum für Leichte Sprache der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz.

„Ich werde von Parteien, Museen oder Behörden beauftragt, zum Beispiel Flyer in Leichte Sprach zu übersetzen“, erklärt Berg. „Dann gebe ich die übersetzten Texte mit den dazugehörigen Bildern der Prüfgruppe“. Nun kontrollieren die „Experten in eigener Sache“, ob kurze Sätze und bekannte Worte verwendet wurden. Wichtig ist auch, dass Text und Bild zusammenpassen. „In einer Broschüre musste das Bild eines Brotes neu gestaltet werden, da es nach Meinung der Prüfer wie ein Schinken aussah. Das verwirrt den Leser. Deshalb habe ich es ändern lassen“, sagt Anne-Kathrin Berg.

„Mir macht das einen riesen Spaß!“

„Besonders schlimm sind Arztbriefe“, sagt Andreas Schell. „Die Worte sind einfach unverständlich und oft in Lateinisch. Das versteht doch keiner!“ Er selbst gehört der Prüfgruppe seit einem Jahr an. „Ich möchte anderen Menschen mit meiner Arbeit helfen. Ich bin zwar selbst, wie man so sagt, mehrfach behindert, aber so fühle ich mich nicht.“
Es sind die unterschiedlichen Beeinträchtigung, die die Kompetenz der Prüfgruppe ausmachen. Oliver Castejon-Botero kann die Texte zum Beispiel nur stark vergrößert lesen. Deshalb prüft er mit einer Lupe, ob sie verständlich sind oder lässt sie sich vorlesen „Mir macht das einen riesen Spaß!“, sagt er mit einem breiten Grinsen.

Behördenschreiben sind besonders schlimm

Doch neben dem Spaß braucht es vor allem Zeit, einen Text in Leichter Sprache zu gestalten. An ihrem aktuellen Projekt hat die Prüfgruppe fast ein Jahr zusammen mit Anne-Kathrin Berg gearbeitet. Entstanden ist ein Buch bestehend aus fünf rheinland-pfälzischen Sagen und Legenden – verfasst in Leichter Sprache. Eine der Geschichten ist die Sage von der „Loreley“. Hier war die Prüfgruppe besonders kritisch mit der Grafikerin. Zu kurz war das Kleid der Loreley gezeichnet, und auch ihre Schuhe wirkten zu modern für eine Sagengestalt. In der Endversion ist das nun geändert.

Neben solchen kreativen Projekten wie dem Sagenbuch würde die Prüfgruppe gern öfter Behördenschreiben in Leichter Sprache lesen. „Es gibt ganz viele Leute, die solche Schreiben nicht verstehen. Zum Beispiel Ältere oder Ausländer. Auch denen wollen wir helfen“, betont Andreas Schnell.

Anne-Kathrin Berg sieht in diesem Bereich ebenfalls noch viel Potenzial für Texte in Leichter Sprache. Sie wünscht sich besonders von Behörden und Ärzten, dass sie sich mehr mit dem Thema befassen.

Tipp

Wer wissen möchte, wie sich Texte in Leichter Sprache anhören, der hat dazu am 16. November die Möglichkeit. Um 15 Uhr werden im Landesmuseum in Mainz Texte aus dem Buch "Sagen und Legenden: Geschichten aus Rheinland-Pfalz" in Leichter Sprache vorgelesen.

Katie Göttlinger

Schlagworte Leichte Sprache | Behinderung | Integration

VdK-TV: Leichte Sprache

Texte in schwer verständlicher Sprache sind eine Barriere für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Leichte Sprache kann diese Barriere abbauen. Doch was genau ist leichte Sprache überhaupt?

VdK-TV: Barrierefrei hören in öffentlichen Gebäuden (UT)

Mit Untertiteln: "Hören ohne Barriere" - unter diesem Motto kamen am 28. Januar 2014 in Lübeck viele Interessierte zum 1. Symposium der "Akademie für Hörakustik" zusammen.

VdK-Forderungen für einen Kurswechsel in der Sozialpolitik

Button der VdK-Aktion "Soziale Spaltung stoppen!" zur Bundestagswahl: das VdK-Logo, darunter steht "Kurswechsel jetzt!"

„Soziale Spaltung stoppen!“ lautete das Motto der VdK-Aktion zur Bundestagswahl 2017. Die zentrale Forderung, soziale Sicherheit in den Mittelpunkt zu stellen, bleibt auch nach der Wahl aktuell! Der Sozialverband VdK appelliert an die künftigen Regierungsparteien, offene Fragen zur Zukunft des Renten-, Pflege- und Gesundheitssystems anzupacken.

Mehr Informationen www.vdk.de/kurswechsel.

© VdK

Die Geschäftstellen der Kreisverbände befinden sich flächendeckend in Rheinland-Pfalz. Hier finden Sie eine Liste unserer
Kreisverbände

© imago/blickwinkel

Der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz schult die Vertrauensleute der Schwerbehinderten.
Schulungstermine 2018

© Michael Finkenzeller

Auch in diesem Jahr veranstaltet der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz Schulungen für ehrenamtliche Richter. Die neuen Termine für die Sozialrichterschulung.

© Ringhotel Haus Oberwinter

Das VdK-Hotel "Haus Oberwinter" liegt in traumhafter Umgebung oberhalb von Oberwinter mit Blick auf den Rhein.
www.haus-oberwinter.de

Symbolfoto: Zwei junge Frauen bei der Beratungsstelle einer Krankenkasse.
© AOK-Mediendienst

Der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz bietet für seine Mitglieder Beratung in allen Angelegenheiten des Sozialrechts.