16. November 2021
Presse

Verena Bentele:
Realistische Ziele statt Utopien

Spätestens durch die Corona-Krise ist deutlich geworden, dass unser Sozialstaat an einigen Stellen dringend reformbedürftig ist. Wie eine angemessene medizinische Versorgung, auskömmliche Renten, eine menschenwürdige Pflege und das Aufwachsen von Kindern ohne Armut sichergestellt werden können, zeigt VdK-Präsidentin Verena Bentele ganz konkret in ihrem Buch „Wir denken neu – Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet“ auf. Viele dieser Ansätze könnten gerade auch in Nordrhein-Westfalen zu mehr Gerechtigkeit beitragen …

Horst Vöge und Verena Bentele
Bei einer „Tour der Armut“ durch das Ruhrgebiet setzte sich Verena Bentele zuletzt gemeinsam mit dem Landesvorsitzenden und Vizepräsidenten des VdK Deutschland, Horst Vöge, für einen starken Sozialstaat ein. | © www.eventfotograf.in

Schließlich gehört das bevölkerungsreichste Bundesland schon seit Jahren zu den Schlusslichtern in Sachen Armutsgefährdung: Sind davon deutschlandweit knapp 16 Prozent der Bevölkerung betroffen, liegt die Quote hier sogar bei 18,5 Prozent. Vor allem bei Rentnerinnen und Rentnern steigt im Zuge dessen der Anteil derjenigen, die mit ihren niedrigen Bezügen kaum über die Runden kommen: Ende 2020 waren bereits mehr als 155.000 NRW-Bürgerinnen und -Bürger auf Leistungen der Grundsicherung im Alter angewiesen!

Auf der Suche nach erfolgsversprechenden Lösungen verweisen Verena Bentele und ihre beiden Co-Autoren Dr. Ines Verspohl sowie Philipp Stielow infolgedessen auf das österreichische Modell als Vorbild: Dort habe es sich bewährt, alle Erwerbstätigen von Anfang an in ein einheitliches System zur Altersversorgung einzubeziehen. Dadurch sei – auch ohne Anhebung des Eintrittsalters – eine dauerhafte Anhebung des Rentenniveaus auf über 50 Prozent möglich.

Bei einer Buchvorstellung in Berlin diskutierten die VdK-Präsidentin, Moderator Gabor Steingart sowie die beiden weiteren Autoren Philipp Stielow und Dr. Ines Verspohl (von links) über die Inhalte von „Wir denken neu".
Bei einer Buchvorstellung in Berlin diskutierten die VdK-Präsidentin, Moderator Gabor Steingart sowie die beiden weiteren Autoren Philipp Stielow und Dr. Ines Verspohl (von links) über die Inhalte von „Wir denken neu". | © Henning Schacht

Zusätzlich müsse aber unbedingt auch eine der Hauptursachen für Altersarmut bekämpft werden – nämlich prekäre, schlecht bezahlte Jobs. Nach Angaben des Statistischen Landesamts erhielt bei der letzten Erhebung im April 2018 etwa jeder siebte Beschäftigte in Nordrhein-Westfalen ein Bruttogehalt von weniger als 10 Euro, 116.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wurden sogar unterhalb des Mindestlohns vergütet. Kein Wunder, dass die Betroffenen nicht nur am Ende ihres Erwerbslebens staatliche Unterstützung benötigen…

Die verheerenden Folgen im Hier und Jetzt lassen sich auch anhand der Daten zur Kinderarmut ablesen, von der in NRW inzwischen mehr als 22 Prozent aller Minderjährigen bedroht sind. Sie litten während der Pandemie vorrangig unter den beengten häuslichen Verhältnissen und den mangelnden technischen Voraussetzungen für die Teilnahme am Distanzunterricht. Hinzu kommt, dass schon zum Ende des Schuljahres 2019/20 über 9.700 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss blieben.

In „Wir denken neu“ mahnt Verena Bentele demzufolge an, dass in der Bundesrepublik endlich mehr Bildungsgerechtigkeit geschaffen werden muss – unabhängig vom familiären Hintergrund der Schülerinnen und Schüler. Zusätzlich fordert die VdK-Präsidentin bessere Betreuungsmöglichkeiten für berufstätige Mütter, deren Zahl hierzulande in den letzten zehn Jahren um 4,3 Prozentpunkte zugenommen hat, sowie die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Mit knappen finanziellen Mitteln haben ferner viele Pflegebedürftige und deren Angehörige zu kämpfen. In Nordrhein-Westfalen liegen die Eigenanteile bei einer stationären Unterbringung mit monatlich rund 2.496 Euro zum Beispiel deutlich über dem Bundesdurchschnitt in Höhe von 2.125 Euro. Infolgedessen waren Ende 2017 bereits mehr als 60.000 der insgesamt knapp 170.000 Heimbewohnerinnen und -bewohner ergänzend auf Sozialhilfe angewiesen.

Über drei Viertel der rund 965.000 Menschen, die in unserem Bundesland Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen, werden indes nach wie vor zu Hause versorgt. Um dieses gesamtgesellschaftliche Engagement weiterhin bewältigen zu können, brauchen die Familienmitglieder allerdings immer noch mehr Entlastungsangebote wie auch eine Lohnersatzleistung analog zum Elterngeld, um die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu gewährleisten.

In ihrem Buch, das im Europa Verlag erschienen ist, setzen sich die drei Verantwortlichen des Sozialverbands VdK demnach für eine Zusammenlegung der Mittel aus gesetzlicher und privater Pflegekasse im Rahmen einer neuen Vollkasko-Versicherung ein. Analog dazu solle auch das Gesundheitssystem angepasst werden. Das würde einerseits ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin bedeuten und andererseits Anreize für die Ansiedlung von Fach- und Hausärzten außerhalb der städtischen Ballungsräume erlauben: Während in Bonn 2019 beispielsweise nur 562 Einwohnerinnen und Einwohner auf eine Praxis kamen, waren es im ländlichen Kleve ganze 1.240!

Grundsätzlich sollten die Kosten für einen Sozialstaat, auf den sich alle Menschen verlassen können, nach Ansicht von Verena Bentele fairer verteilt werden und die sogenannten starken Schultern vermehrt für Schwächere einspringen. Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt der VdK unter anderem eine Digitalisierungs- sowie Finanztransaktionssteuer vor. Denkbar sei zudem eine einmalige Vermögensabgabe für besonders Wohlhabende, um die Lasten der Corona-Pandemie aufzufangen. So könnten wir die Krise als Chance nutzen – und gemäß des Buchtitels die weitere Spaltung der Gesellschaft verhindern.

Andrea Temminghoff



Verena Bentele zeigt ihr Buch "Wir denken neu"
Verena Bentele zeigt ihr Buch "Wir denken neu" | © Henning Schacht

BUCHTIPP

Verena Bentele, Philipp Stielow, Dr. Ines Verspohl:

„Wir denken neu – Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet“
Europa Verlag
136 Seiten
12 Euro
ISBN 978-3-95890-361-6

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