16. Dezember 2021
VdK-Tipp

Die EiS-App:
eine inklusive Sprachlern-App

„Ach, die ist ja einfach zu bedienen!“ Solch ein Feedback zu ihrer EiS-App ist für Anke Schöttler ein großes Lob. Sie hat in einem ehrenamtlichen Team eine Wörterbuch-App entwickelt, mit der man Gebärden und Lautsprache erlernen kann. Die EiS-App ist inklusiv gestaltet und überbrückt Kommunikationsbarrieren.

Gespräche können ganz schön anstrengend und frustrierend sein – diese Erfahrung musste der Sohn von Anke Schöttler immer wieder machen. „Aufgrund seiner Behinderung ist seine Lautsprache für andere Menschen noch nicht so gut zu verstehen – auch für uns Eltern nicht“, erzählt seine Mutter. Er muss häufig wiederholen, was er gesagt hat, um verstanden zu werden. Dabei verlieren manche Gesprächspartner die Geduld. „Die Sonderpädagogin hat deshalb allen Kindern in seiner inklusiven Grundschulklasse einen Grundwortschatz an Gebärden beigebracht. Sie verwenden die Gebärden zusätzlich zum Sprechen. Das erleichtert das gegenseitige Verstehen deutlich“, erklärt Anke Schöttler.

Ihre Suche nach einer App, mit der die ganze Familie Gebärden lernen konnte, war jedoch ernüchternd: „Für jede App musste man lesen und schreiben können, um sie zu bedienen. Unser Sohn konnte das aber noch nicht. So entstand meine Idee von einer inklusiven Sprachlern-App, die mit Lautsprache, Gebärden und zusätzlich mit METACOM-Symbolen arbeitet, die mein Sohn schon von seinem Sprachcomputer kennt.“

Was sind METACOM-Symbole?

METACOM ist ein speziell für unterstützte Kommunikation gestaltetes Symbolsystem von der Grafikerin Annette Kitzinger. Die Symbole werden in Kitas, Schulen, Werkstätten und anderen Einrichtungen für erwachsene Menschen mit Behinderung eingesetzt. Mehr Informationen finden Sie bei der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation.

Ehrenamtliches Team aus Profis

Mit der Idee im Gepäck machte Anke Schöttler 2017 beim Hackathon der ZEIT zum Thema „Die Zukunft der Bildung“ mit. Dort fand sich schnell ihr Team: vier Experten aus Pädagogik, App-Entwicklung und Marketing, die seitdem ehrenamtlich an der Entwicklung der App arbeiten. „Uns war wichtig, dass die EiS-App möglichst vielen Kindern und ihrem sozialen Umfeld hilft, Kommunikationsbarrieren im Alltag abzubauen,“ erklärt Schöttler ihre Beweggründe. „Außerdem war uns klar, dass die App keine Eintagsfliege werden durfte. Kindern, die die App für ihr selbstbestimmtes Leben nutzen, können wir sie nicht einfach wieder wegnehmen.“

Was ist ein Hackathon?

Ein Hackathon ist in der IT-Entwicklung ein gängiges Vorgehen, um Lösungen zu einem bestimmten Thema zu entwickeln. Bei dem Format kommen Menschen zusammen, die eine innovative Idee haben und/oder ihre Expertise in zum Beispiel Software-Entwicklung, Design, Marketing oder Projektmanagement einbringen möchten.

Spontanes Hilfsmittel und Übungsprogramm

„Eine inklusive Sprachlern-App“, kurz EiS-App, ist ein Wörterbuch mit derzeit rund 450 Wörtern, das intuitiv und auch mit kognitiven Einschränkungen zu bedienen ist. „Jeder Begriff wird auf vier Arten dargestellt: als geschriebenes Wort, als Symbol, als Audio-Variante und als Gebärde in einem Video. So kann jeder den benötigten Begriff anhand von Wörtern oder Bildern finden und sich dann das Wort vorlesen oder die Gebärde zeigen lassen“, fasst die Erfinderin der App zusammen. „Das Kind kann allein mit der App arbeiten. Es kann sich die Videos so oft zeigen lassen, wie es möchte, und völlig selbstständig Gebärden oder gesprochene Wörter üben.“

Screenshot aus der App
In der einfach gestalteten Übersicht der EiS-App können Nutzerinnen und Nutzer schnell den gesuchten Begriff finden. | © Wörterfabrik für Unterstützte Kommunikation

Sprachhemmungen ablegen

Primär richtet sich die App an Kinder mit sprachlichen Entwicklungsverzögerungen. „Aber grundsätzlich kann jeder die App nutzen, der nicht so gut sprechen kann, im Gespräch gehemmt ist und dabei Hilfe braucht. Inzwischen nutzen auch Schulklassen mit vielen Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die App für ihre Kommunikation. Und wir bekommen die Rückmeldung, dass auch schüchterne Kinder, die sich in einer großen Gruppe nicht trauen etwas laut zu sagen, von der App profitieren. Sie probieren die Gebärden aus, bekommen positive Resonanz und bauen so das Selbstbewusstsein auf, auch mal etwas laut zu sagen,“ erklärt Schöttler.

Gerade in Schulklassen sei die App eine spielerische Möglichkeit, einen Grundwortschatz an Gebärden aus der Deutschen Gebärdensprache zu lernen. Den Kindern mache das Ausprobieren und Gebärden-Austauschen in der Gruppe Spaß. „Uns geht natürlich das Herz auf, wenn die Kinder dank der App selbstbestimmter an der Gesellschaft teilhaben.“

So sei der Einsatzort der App auch vielfältig: in der inklusiven Klasse, im Gespräch mit Oma und Opa, in Werkstätten – und auch manch unerwarteten Nutzer hat die App: „Mir schrieb ein Busfahrer, dass er täglich gehörlose Kinder zur Schule fährt. Er hat sich riesig gefreut, dass er mit der App nun endlich leichter mit den Kindern kommunizieren kann.“

Screenshot aus der App
In der Detailansicht eines Begriffs findet man wie hier bei dem Wort "Eis" auch ein Video zur Gebärde. | © Wörterfabrik für Unterstützte Kommunikation

Videodreh mit Kindern

Und wie geht es weiter? „Die Frage ist immer, was unsere Nutzerinnen und Nutzer brauchen. Wir hören auf das Feedback, das uns erreicht“, so Anke Schöttler. „Natürlich möchten wir immer mehr Wörter anbieten. Im Frühjahr steht der nächste Gebärdenvideo-Dreh an. Die Gebärden werden von Kindern mit und ohne Behinderungen gezeigt, damit jedes Kind für sich ein Lernvorbild findet, mit dem es sich identifizieren kann.“ Die Auswahl der Wörter richtet sich nach Forschungsergebnissen der Uni Köln über einen Kernwortschatz, der 80 Prozent der Alltags-Kommunikation abdeckt, sowie aktuell relevanten Wörtern wie natürlich auch „Corona“.

„Außerdem arbeiten wir gerade an einer Aufteilung nach Kategorien, da es mit immer mehr Wörtern in der EiS-App auch irgendwann unübersichtlich wird. Auch eine Einteilung in Lernschritte wird sinnvoll. Ein weiterer Wunsch unserer Nutzerinnen und Nutzer sind Lernspiele.“

Download der App

Die App kann für Android und Apple einfach heruntergeladen werden und ist nach initialem Download der Inhalte ortsunabhängig und ohne Internetverbindung nutzbar. Sie kostet derzeit 4,95 Euro im Monat oder 49,95 Euro im Jahr. Es gibt auch günstigere Familien-Abos. Weitere Informationen finden Sie auf: www.eis-app.de.

Helen Alberding

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