12. Februar 2020
VdK-Buchtipp

Krank ohne klare Diagnose:
Eine Odyssee durch die Krankenhäuser

Ihre Wunden heilen nicht. Schmerzmittel, Antibiotika, Verbandsmaterial und viele Lebensmittel verträgt ihr Körper nicht. Martha Maschke hat eine seltene Krankheit, die noch nicht endgültig diagnostiziert werden konnte. Nach 39 Krankenhäusern, 27 Operationen, einer Reanimation und mehreren anaphylaktischen Schocks veröffentlichte sie 2016 ihre Geschichte als Buch: Ihre „Hommage an mein Bauchgefühl“ (inzwischen in der 4. Auflage) ist bewegend, humorvoll und überraschend positiv. Das VdK-Mitglied hat ihren persönlichen Überlebenskrimi geschrieben.


VdK: Wie beeinflusst Ihre Krankheit Ihren Alltag?
Martha Maschke: Ähnlich wie bei Menschen mit chronischen Beeinträchtigungen: Man versucht seinen Körper zu akzeptieren und nimmt ihn mit ins soziale Leben – sofern die Schmerzen es zulassen. Ich muss jeden Tag so nehmen, wie er kommt. Morgens geht es mir gut und ich verabrede mich zum Kino. Kurz vorher: Plötzlich Fieber und Schmerzen. Der Termin fällt aus. Das bedeutet nicht nur für mich eine wahnsinnige Alltagsflexibilität.

Schweigen über die Mängel im Gesundheitssystem? Das kam für Martha Maschke nicht infrage. | © privat

VdK: Was macht das mit Ihnen?
Martha Maschke: Von den einstigen Träumen ist nichts mehr da. Sie gehören in ein anderes Leben. Das klingt dramatisch und verzweifelt, ist es aber gar nicht. Es bilden sich andere Schwerpunkte, Sehnsüchte und Ziele. Und diese verlege ich nicht mehr auf eine unbestimmte Zukunft. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie kurz unsere Lebenszeit ist. Also versuche ich so intensiv wie möglich zu leben.

VdK: Und Ihr Umfeld?
Martha Maschke: Familie, Freunde und Bekannte mussten sich genauso wie ich an die Beeinträchtigungen gewöhnen. Zum Beispiel war da plötzlich der Rollstuhl. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass nur ich mit diesen Veränderungen klarkommen muss. Aber das stimmt nicht. Wenn jemand krank wird, hat das auf alle Einfluss. Es gibt dann Menschen, die das nicht schaffen. Dieser Verlust von vermeintlich besten Freunden ist hart. Die Erkenntnis bedeutet aber auch jedes Mal die Chance auf Veränderung – meistens positiv.

Das Schlimmste ist eigentlich die Skepsis, die mir immer wieder vom medizinischen Personal entgegenschlägt. Symptome werden gerne auf die Psyche geschoben, obwohl auch hier schon längst alles abgeklärt ist. So musste ich in einer Reha-Klinik über viele Tage von Mitpatienten mit Essen versorgt werden, weil der Arzt mir nicht glaubte, dass ich tatsächlich nicht in die Kantine laufen kann. Oder ganz aktuell haben mehrere Kliniken trotz gefährlich niedriger Eisenwerte keine Magen-Darm-Spiegelung bei mir durchgeführt. So wurden Darmtumore übersehen, die offenbar für meinen Blutmangel verantwortlich sind. Da wird mir lieber unterstellt, dass ich mir heimlich selbst Blut abzapfe!

Solche Erfahrungen beschreiben Sie auch in Ihren Buch. Und trotzdem kommt es nicht verbittert daher. Sind Sie nicht frustriert oder verletzt von manchen Ärzten?
Martha Maschke: Natürlich. Jedoch habe ich durch die Arbeit an meinem Buch erfahren, dass es auch eine andere Seite gibt. Menschen des medizinischen Personals berichteten mir zum Beispiel von ihren Idealen und Vorstellungen vor dem Medizinstudium oder der Ausbildung und erzählten dann oft traurig weiter, was davon übriggeblieben ist. Meistens nichts. Das hat meine Einstellung als oft „gefühltes Opfer namens Patient“ sehr nachdenklich gemacht und auf jeden Fall den Kontakt mit den Ärzten verändert.

VdK: Sie halten regelmäßig Lesungen, unter anderem auch beim VdK. Wie ist dort die Resonanz?
Martha Maschke: Meine erste Lesung mit meinem damals noch nicht veröffentlichten Buch war auf einem Ärztekongress. 120 Ärzte und ich mit meiner Kladde. Aber die Resonanz hat mich bestätigt, dass mein Buch Anklang finden könnte, denn dort fragten einige Ärzte, wo man es denn kaufen könne.

Lesungen sind grundsätzlich etwas Tolles. Ich bin meinem Verlag sehr dankbar, dass ich durch das Buch mit so vielen Menschen ins Gespräch kommen kann. Die Offenheit der anderen Mitglieder bei den VdK-Lesungen hat mich sehr bewegt. Ich habe schnell gemerkt: Eigentlich kann jeder Geschichten erzählen, wie sie mir passiert sind. Alle rühren von der mangelnden Kommunikation oder der fehlenden Zeit der Ärzte. Ich bin also mit meinen Erfahrungen nicht allein. Das finde ich erschreckend.

VdK: Was sind Ihre nächsten Pläne?
Martha Maschke: Ein Plan ist es noch nicht, eher eine Idee. Mein Verlag hat mir ein zweites Buch vorgeschlagen. Mein Wunsch wäre, es zusammen mit Ärzten zu schreiben. Viele Ärzte haben das Gefühl, dass sie keine Schwäche zeigen dürften. So als Retter in Weiß. Und da ist das Problem: Was ist, wenn er den Patienten nicht retten kann? Die starre Hierarchie macht den Patienten dann quasi zum Opfer. Ich möchte zeigen, dass auch Ärzte Menschen sind mit einem schlechten Tag und Problemen.

VdK: Als Mitglied im Sozialverband VdK haben Sie Anspruch auf juristische Beratung. Konnte der VdK Ihnen helfen?
Martha Maschke: Ja, sehr. Es ging um ein Handbike. Da ich es bereits Anfang 2016 beantragt hatte, hatte ich schon vor dem Eintritt in den VdK einen Anwalt. Dennoch haben mir die Gespräche mit Marco Saathoff, dem Kreisgeschäftsführer in Osnabrück, sehr geholfen. Seine menschliche Unterstützung gab mir das Gefühl, dass ich auch bei eventuellem Misserfolg nicht allein bin und immer mit der Hilfe und neuen Ideen des VdK rechnen kann. Das war mir enorm wichtig und hat mich motiviert durchzuhalten.
Nun ist das Handbike nach vier Jahren endlich genehmigt und die Perspektive auf ein neues und selbständigeres Leben ist zum „Kurbeln“ nahe.

VdK: Vielen Dank, liebe Frau Maschke, für das Interview!

Martha Maschke:

Hommage an mein Bauchgefühl

... die Würde des Menschen ist doch antastbar

Herzlich Willkommen in meinem Leben! Es war der 14428. Tag in meinem Leben und es wurde Zeit, dringend etwas zu verändern. Aber was und wie, wenn die Welt, bedingt durch immer wieder erneute Krankenhausaufenthalte, gefühlt immer kleiner und enger wird und der ersehnte Horizont nicht über dem fernen Ozean, sondern bereits am gegenüberliegenden Mitpatientenbett endet? Mein Aktionsradius war noch kleiner. Dieser beschränkte sich auf die Fläche einer Matratze (90 x 190 cm).
Mir blieben zwei Möglichkeiten des Zeitvertreibs: 1. Beobachten und 2. Nachdenken. Beides Anlass genug, den Stift in die Hand zu nehmen. Der täglich immer größere Papier-wust in und auf meinem Bett erzeugte unter den verschiedensten Berufssparten für Aufmerksamkeit. Und so entstand aus diesem Konvolut ein teils trauriger, lustiger, skurriler, humoristischer und dramatischer (Über-)Lebenskrimi.

Softcover
430 Seiten
4. Auflage, 2019
Verlag: Lehmanns
ISBN: 978-3-86541-991-0
16,95 €

Helen Alberding

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