Als das Grauen aus der Elbe kam – die Hamburger Choleraepidemie von 1892

Als bedeutende Hafenstadt wurde Hamburg häufig in seiner Geschichte von Seuchen heimgesucht: Um 1350 raffte die Pest viele Einwohner dahin, ein englisches Schiff brachte 1529 den bis heute rätselhaften „englischen Schweiß“ in die Stadt, an dem rund 1100 Bürger starben. Später suchten die Spanische Grippe, die Hongkong-Grippe und nun Covid-19 die Stadt heim. Am tiefsten im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert ist jedoch die große Cholera-Epidemie von 1892. Rund 100 Jahre später bilanzierte der Hamburger Mediziner und Mikrobiologe Stefan Winkle in seinem Standardwerk „Kulturgeschichte der Seuchen“: „Die Hamburger Choleraepidemie ist ein trauriges und lehrreiches Beispiel für die Strafe menschlicher Versäumnisse auf dem Gebiet der allgemeinen Hygiene.“

Als Erinnerung an die Choleraepidemie wurde 1896 im Innenhof des Hamburger Rathauses der ­Hygieia-Brunnen fertiggestellt. Der griechischen Mythologie zufolge ist Hygieia eine Tochter des Asklepios und gilt als Göttin der Gesundheit und Schutzpatronin der Apotheker. | © pixabay.com/Karsten Bergmann

Der Hamburger Hafen ist um 1890 nicht nur für das junge deutsche Kaiserreich das Tor zur Welt. Jedes Jahr kommen auch tausende Auswanderer an die Elbe, um von hier aus ihr Glück in Amerika zu suchen. Unternehmen wie die Hapag verdienen viel Geld mit den Emigranten und lassen immer größere Schiffe über den Atlantik fahren. Die Wirtschaftskraft der Stadt täuscht jedoch darüber hinweg, wie unmodern und sogar mittelalterlich viele Teile Hamburgs noch immer sind. Eine große Zahl der rund 320.000 Einwohner lebt dicht zusammengedrängt in den Gängevierteln und Hinterhöfen. Oft bewohnen fünfköpfige Familien bloß ein kleines Zimmer. Bis zu 20 Familien teilen sich wenige Klos und Wasserzapfstellen. Armut, Krankheiten und Elend gehören zum Alltag in den Vierteln zwischen Hafen und Innenstadt. Auch in Sachen Trinkwasserversorgung ist die Hansestadt rückständig. In Rothenburgsort wurde nach dem großen Brand von 1842 zwar ein neues Wasserwerk angelegt. Aber den Rat des damaligen Ingenieurs William Lindley, die Kapazitäten zu erweitern, wenn die Stadt wächst, ignoriert der Senat wegen der Kosten jahrzehntelang. So gibt es um 1890 in Rothenburgsort lediglich vier große Klärbecken, in denen die gröbsten Verschmutzungen einfach auf den Boden sinken. Das Trinkwasser stammt direkt aus der Elbe. Altona, das damals zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein gehört, besitzt hingegen schon seit 1859 eine Sandfiltrationsanlage und damit eine deutlich bessere Trinkwasserqualität. In Hamburg hingegen ist das Wasser so schlecht, dass sich in den Leitungen Muschelkolonien ansammeln und die Bürger im Trinkwasser Würmer und sogar kleine Aale finden. Erst 1890 beschließt der Senat endlich, die Wasserversorgung zu modernisieren. Als die Baumaßnahmen allmählich beginnen, ist es jedoch zu spät.

Denn in Kabul ist die Cholera ausgebrochen. Über den Kaukasus breitet sie sich unaufhaltsam nach Russland aus, erreicht bald Moskau und St. Petersburg. Der Erreger, das sogenannte Kommabazillus, ist erst kurz zuvor von Robert Koch entdeckt worden, der nun in Berlin das Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten (das heutige Robert Koch-Institut) leitet. Vor allem aus Russland stammen viele der etwa 5.000 Auswanderungswilligen, die im Sommer 1892 auf ihre Überfahrt nach New York warten – im Gepäck die Cholera. Lager und Baracken für die Emigranten gibt es im Hafengebiet und vor allem am Amerikakai. Abwässer, Kot, Dreck und das Stroh der Krankenlager wird aus den Lagern direkt in die Elbe entsorgt. Die Wasserentnahmestelle der Stadt befindet sich nur vier Kilometer entfernt. Mit dem Gezeitenspiel gelangen die Verunreinigungen in die Frischwasserbecken und schließlich in die Hamburger Wasserleitungen. Der Sommer des Jahres 1892 ist wunderschön und heiß. Schon morgens hat die Elbe eine Temperatur von 22 Grad – ideal für Bakterien. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Am 15. August stirbt ein Bauarbeiter nach heftigem Brechdurchfall. Später stellt sich heraus, dass er auf dem Kleinen Grasbrook gearbeitet und gegen die Hitze Elbwasser getrunken hat. Weitere Untersuchungen finden jedoch nicht statt. In den nächsten Tagen sterben weitere Arbeiter, die ebenfalls ihren Durst mit Elbwasser gestillt haben. Am 17. August sind es schon so viele Fälle, dass Hamburgs Zeitungen das Thema aufgreifen. Behörden und Mediziner beschwichtigen jedoch: Es handele sich nicht um die asiatische Cholera, sondern um eine mildere Form, die angeblich einheimische „Cholerine“. Zudem seien solche Erkrankungen nicht ungewöhnlich und kämen in jedem Sommer vor, kein Grund zur Beunruhigung also. Doch es erkranken immer mehr Menschen: sind es am 18. August noch 12 Personen, verzeichnet man am nächsten Tag schon 31 neue Fälle. Die Krankheit wütet auch nicht mehr nur in den Gebieten rund um den Hafen, sondern breitet sich in Richtung Innenstadt aus. Die Medien verschweigen das. Noch am 20. August berichten sie lediglich von choleraähnlichen Erkrankungen im Hafengebiet. Obwohl an diesem Tag weitere 36 Menschen sterben. Behörden und Politik sind unsicher und warten ab, zu groß ist die Furcht vor wirtschaftlichen Schäden. An immer mehr Orten schlägt die Seuche zu: Barmbek, Billhörner Deich, Wilhelmsburg, St. Georg. Der Krankheitsverlauf ist zumeist schnell und in der Hälfte der Fälle tödlich. Durch einen wässrigen Durchfall, und manchmal auch Erbrechen, verlieren die Kranken rasch so viel Flüssigkeit, dass sie innerhalb weniger Tage sterben, meist an Nierenversagen oder Kreislaufkollaps.

Auch im preußischen Altona gibt es die ersten beiden Toten – ein Schwede und ein Obdachloser. Stabsarzt Weisser, ein Schüler Robert Kochs, untersucht die Leichen. Sein Verdacht: Cholera. Im Eppendorfer Krankenhaus kann man sich hingegen noch nicht zu einer Diagnose durchringen. Zu groß ist die Angst vor einem Fehlalarm und den Konsequenzen. Der 21. August ist ein Sonntag, trotzdem informiert Stabsarzt Weisser per Telegramm die zuständigen Behörden über seine Befunde. Am Tag darauf fährt er nach Berlin, um seine Ergebnisse von Robert Koch persönlich bestätigen zu lassen. Erst an diesem Tag informieren auch die Hamburger Mediziner den Senat, dass wirklich die Cholera in der Stadt wütet. Während Hamburgs Medien weiter die Bevölkerung beschwichtigen, beschließt der Senat erste Maßnahmen. Kutschen werden gekauft und eilig zu Sanitätswagen umgebaut, ein Meldesystem für Infizierte wird eingerichtet und alle Erkrankten sollen in Krankenhäusern untergebracht werden. Am nächsten Tag informieren Plakate an Litfaßsäulen über die Situation und Maßnahmen zur Desinfektion. Auch Ernährungshinweise sind hier zu lesen. Demnach schützen Rotwein und Quellwasser vor der Krankheit. Beides ist für viele Hamburger jedoch ein unbezahlbarer Luxus. So breitet sich die Seuche immer weiter aus. Das Sanitätswesen ist schon jetzt völlig überlastet. In den Krankenhäusern liegen Infizierte dicht an dicht, die Leichenhallen sind voll. Weitere Schutzmaßnahmen erlässt der Senat nicht. Die Schulen bleiben geöffnet, Hotels sind ausgebucht, anlässlich des Deutschen Apothekertages findet an der Alster ein riesiges Feuerwerk statt. Und noch immer laufen Schiffe voller Emigranten aus dem Hamburger Hafen aus. Nun füllen sich auch die Bahnhöfe, wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt. Die Situation verschlimmert sich täglich. Die Leichentransporteure ertragen ihren Dienst nur noch im Suff. Die Toten werden auf Möbelwagen geschmissen, nachts nach Ohlsdorf gekarrt und in hastig ausgehobenen Massengräbern verscharrt.

Robert Koch 1896 in Kimberley/Südafrika auf der Suche nach dem Rinderpesterreger. | © RKI

Jetzt reagiert auch die Reichsregierung. Aus Berlin entsendet sie Robert Koch an die Elbe. Hamburgs Politik und Ärzteschaft reagieren verschnupft. Deutschlands bekanntester Mediziner wird ausgesprochen kühl empfangen, Ratschläge oder gar Hilfe verbitten sich die stolzen Hanseaten. Aber Koch kennt die Missstände in der Stadt: Vor 25 Jahren war er in Hamburg eine kurze Zeit lang tätig, er weiß um die prekären Wohnverhältnisse und die Schwächen der Wasserversorgung. Rasch ist ihm die Lage klar: der Tod kommt aus den Wasserleitungen. Dazu reicht ihm ein Blick auf den Stadtplan. Die Straße Schulterblatt ist zweigeteilt, die eine Seite gehört zu Hamburg, die andere zum preußischen Altona. Auf der Hamburger Seite sterben die Menschen, auf der Altonaer Seite mit eigener Wasserversorgung jedoch nicht. Koch reist sofort zurück nach Berlin, um der kaiserlichen Regierung Bericht zu erstatten. Der Senat ist froh, ihn los zu sein, Hamburgs Zeitungen berichten nur knapp über seinen Besuch und legen ihm in den Mund, dass die Lage an der Elbe sehr gut sei. Aber die Wahrheit ist eine andere. Kochs Bericht ist so desaströs, dass die Reichsbehörden bald erwägen, der Freien und Hansestadt den Status als Bundesstaat zu entziehen und sie unter Zwangsverwaltung zu stellen. Jetzt endlich ergreift der Senat weitreichende Maßnahmen. Choleraverdächtige Personen dürfen ab dem 25. August keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, sonst drohen Geld- oder Haftstrafen. Desinfektionskolonnen ziehen durch die Stadt, es stinkt nach Carbol, Lysol, Chlor und Kreolin. Die Bürger dürfen nur noch abgekochtes Wasser benutzen, das Fasswagen gratis verteilen. Am 26. August erhalten die Schulen Cholera-Ferien, öffentliche Veranstaltungen werden abgesagt, Händler müssen schließen.

Jetzt schwenken auch die Lokaljournalisten um. In einer Zeitung heißt es kritisch: „Zwei Wochen früher hätten diese Maßnahmen noch Wunder wirken können. Doch man hat zu lange gezögert, man wollte das Ungeheuerliche nicht wahrhaben.“ An diesem Tag sterben weitere 317 Hamburger. Särge werden knapp, die Zustände in den Krankenhäusern sind so katastrophal, dass es zu Suiziden unter dem Pflegepersonal kommt. Der Senat stellt Hilfsgelder zur Verfügung und lobt den Einsatz und die Besonnenheit der Bürger. Aber tausende sind inzwischen gestorben.

Am 30. August gibt es 1081 Neuerkrankte und 484 weitere Tote. Die Epidemie hat ihren Höhepunkt erreicht. Während sich in Hamburg Annoncen für überteuerte Wundermittel wie elektromagnetische Leibbinden finden, und Brauer und Schnapsbrenner ihre Werbemaßnahmen intensivieren, denn gegen eine Ansteckung helfe nichts besser als „ein hoher Pegelstand im Magen“, fordern andere Städte die strenge Abriegelung der Hansestadt.

Allmählich aber beginnen die Hygienemaßnahmen, der Verzicht auf Elbwasser sowie die Desinfektionen zu greifen. Anfang September sinken die täglichen Neuinfektionen, die Todeszahlen gehen zurück. National wie international ist Hamburg nun isoliert. Die US-Regierung beschwert sich lautstark, dass Hamburger Schiffe die Seuche nach New York gebracht haben und das trotz sauberer Gesundheitspässe der Stadtbehörden.

Eine Desinfektionskolonne während der Choleraepidemie. | © Staatsarchiv Hamburg 720-1_343-1_00034919


Auch die Medien greifen nun, einen Monat nach Ausbruch der Cholera, die jahrzehntelange Vernachlässigung der hamburgischen Wasserversorgung auf. Politik und Verwaltung brauchen einen Sündenbock: Man findet ihn im städtischen Medizinaldirektor Dr. Kraus. Ihm wird öffentlich vorgeworfen, den Senat zu spät über die Cholera informiert zu haben. Er wird entlassen, zwei Wochen später ist er tot.

Eine Wasserausgabestelle während der Choleraepidemie. | © Staatsarchiv Hamburg 720-1_343-1_00034937

Im Oktober erlischt die Seuche in Hamburg. Von rund 17.000 Erkrankten sind 8.605 verstorben. Einer kurzen Nachepidemie fallen im Frühjahr weitere 20 Menschen an der Elbe zum Opfer. Der wirtschaftliche Schaden wird auf rund 420 Millionen Mark geschätzt. Jetzt endlich bewilligt der Senat 22 Millionen Mark für ein neues, modernes Wasserwerk, wie es Altona seit Jahrzehnten besitzt. Wenige Jahre später erlässt die Stadt gegen den Widerstand der Grundeigentümer zudem ein weitreichendes, durchdachtes Wohnungspflegegesetz. Die meisten Gängeviertel und Elendsquartiere, in denen die Cholera besonders gewütet hat, werden nach und nach abgerissen. Um neue Epidemien zu verhindern wird das Hygieneinstitut gegründet und Bernhard Nocht wird zum Hafenarzt berufen. Auch in anderen deutschen Städten sorgt die Hamburger Choleraepidemie für einen Modernisierungsschub: Wohnquartiere werden saniert, aber vor allem die Wasserversorgung wird auf den neuesten Stand gebracht, so dass Cholera und Typhus hierzulande keine Chance mehr haben.

Literaturhinweis: Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Düsseldorf/Zürich 1997. Antiquarisch erhältlich.

In Kürze

Im heißen Sommer 1892 bricht in Hamburg die Cholera aus. Der erst kurz zuvor von Robert Koch entdeckte Erreger verbreitet sich über die völlig veraltete Wasserversorgung der Stadt. Das benachbarte preußische Altona verfügt über ein modernes Klärwerk und ist von der Durchfallerkrankung nicht betroffen. Während die Hamburger Behörden zunächst abwarten, verharmlosen die Zeitungen der Stadt die Lage. Nur zögerlich und viel zu spät ergreift der Senat Maßnahmen: Veranstaltungen werden abgesagt, Schulen schließen, Desinfektionskolonnen ziehen durch die Stadt und die Bürger erhalten abgekochtes Wasser. Nach einigen Wochen verschwindet die Seuche, aber über 8.000 Bürger sind tot. Erst auf diesen Schrecken hin erfolgt die Modernisierung der Hansestadt.

scb

Schlagworte Seuchen | Hamburger Choleraepidemie

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