Häusliche Gewalt ist keine Privatsache

Seit zwei Jahren gilt die Istanbul-Konvention, die Gewalt gegen Frauen bekämpfen soll, eigentlich auch in Deutschland. An der Umsetzung hapere es jedoch massiv meinen Experten wie Carmen Zakrzewski, Dritte Vorsitzende des Hamburger Landesfrauenrates. Denn fast im Wochentakt schaffen es grausame Morde an Frauen in die Schlagzeilen – laut Bundeskriminalamt wurden 2018 insgesamt 141 Frauen von ihren Beziehungspartnern umgebracht.

Frauen sind von häuslicher Gewalt besonders stark betroffen. Geschützte Plätze für sie gibt es nur wenige. | © pexels.com/Engin Akyurt

Häusliche Gewalt ohne tödliche Folgen schafft es hingegen kaum in die Medien, ist aber ebenfalls schrecklicher Alltag in Deutschland. Mehr als 114.000 Frauen sowie 26.000 Männer wurden 2018 Opfer häuslicher Gewalt. Das bedeutet, tagtäglich werden 384 Menschen durch körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt von ihren Beziehungspartnern verletzt. Die Dunkelziffer liegt jedoch noch um ein vielfaches höher. So schätzt das Bundesfamilienministerium, dass nur jedes fünfte Opfer Hilfe sucht.

Dabei gibt es durchaus Hilfsmöglichkeiten: Empfohlen wird, in Fällen akuter Gewalt oder Bedrohung die Polizei zu rufen. Um sich aus gewalttätigen Beziehungen zu lösen, können Frauen aber auch ein Frauenhaus aufsuchen. Fünf davon gibt es bislang in Hamburg, ein sechstes soll im Sommer eröffnet werden. Die Sozialbehörde hatte im vergangenen Jahr eine geeignete Immobilie gefunden und für rund 750.000 Euro umbauen lassen. Im letzten Herbst erhielt der neugegründete Verein „6. Autonomes Frauenhaus Hamburg“ den Zuschlag für die Trägerschaft. 32 Frauen und Kinder sollen hier bald eine sichere Zuflucht finden. Die Adresse bleibt, wie bei Frauenhäusern üblich, geheim.

Die Angebotserweiterung war dringend notwendig, denn in der Vergangenheit mussten immer wieder Hilfesuchende von den Frauenhäusern abgewiesen werden, da die bislang 209 Plätze in den Frauenhäusern und der zentralen Notaufnahme belegt waren.

Schnelle Hilfe

Frauen sowie ihre Kinder, die in ihrer Familie oder Partnerschaft Gewalt erfahren haben oder bedroht wurden, können sich in Hamburg rund um die Uhr an „24/7“, die Koordinierungs- und Servicestelle der Hamburger Frauenhäuser, wenden. Hier wird in einem ersten Gespräch zunächst geklärt, ob ein Frauenhaus tatsächlich die richtige Hilfe ist, welche Bedürfnisse im Falle einer Unterbringung bestehen und ob auch Kinder mit aufgenommen werden müssen. Bei der Weitervermittlung an eines der Frauenhäuser wird mit der Hilfesuchenden ein Treffpunkt vereinbart, wo sie abgeholt wird, damit die Adresse der Hilfseinrichtung geheim bleibt.

Sind die Plätze in Hamburg alle belegt, kann auch im Umland nach einer Unterkunft gesucht werden. Die Unterbringung ist kostenlos und steht allen Frauen offen. Im Frauenhaus teilen sich alleinstehende Frauen zumeist ein Zimmer mit einer Mitbewohnerin. Mütter leben mit ihren Kindern in einem Familienzimmer – Töchter werden meist bis zum Alter von 18 Jahren aufgenommen, Söhne oft nur bis 11 oder 14 Jahren. Für ältere Kinder wird dann eine andere Unterbringungsmöglichkeit gesucht.

Beratung

Neben Gemeinschafts- und Kinderräumen gibt es auch Unterstützung und Beratung in rechtlichen, finanziellen sowie psychosozialen Fragen. Die Mitarbeiterinnen helfen den Betroffenen auch dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Die Aufenthaltsdauer beträgt durchschnittlich zwischen vier und neun Monaten. Aufgrund des Wohnungsmangels ist sie in der Vergangenheit aber immer länger geworden. Betroffene, die schnell ihr Zuhause verlassen mussten, können zwar ohne Ausweispapiere aufgenommen werden. Grundsätzlich wird jedoch empfohlen, Papiere, Heirats- und Geburtsurkunden, Konto- und Krankenkassenkarten, Medikamente, Verträge, das Lieblingsspielzeug der Kinder sowie persönliche Erinnerungsstücke mitzunehmen.

Der Landesfrauenrat Hamburg, zu dem auch der VdK gehört, begrüßt die Errichtung eines neuen Frauenhauses, fordert von der Politik aber deutlich größere Anstrengungen zum Schutz von Frauen: „Leider decken auch sechs Frauenhäuser nicht den wirklichen Bedarf an Schutzplätzen in Hamburg. Insgesamt ist der Bedarf an gewaltfreien Räumen in Deutschland größer als das Angebot“, erklärt Carmen Zakrzewski. „Wir fordern ausreichend geschützte Plätze für Frauen, denn leider gehen die Taten auch bei häuslicher Gewalt nicht zurück. Unserer Ansicht nach muss schon im Vorfeld mehr getan werden.“

Die Politik sei aufgefordert, vor allem auch die Istanbuler Konvention endlich mithilfe eines nationalen Aktionsplanes umzusetzen. So bemängelten auch die Vereinten Nationen, dass es in Deutschland an einer umfassenden Strategie zu Prävention und frühzeitigem Eingreifen fehle und dass häusliche Gewalt noch viel zu oft als Privat­angelegenheit abgetan werde. ­Carmen Zakrzewski wünscht sich daher vor allem auch ein gesellschaftliches Umdenken: „Gewalt an Frauen ist ein relevantes, gesellschaftliches Thema. Wir vermissen den Aufschrei. Eine Solidarisierung der Männer mit Frauen gegen Gewalt an Frauen ist dringend und notwendig, damit wir nicht das siebte, achte, neunte Frauenhaus eröffnen müssen, sondern das sechste und fünfte schließen können.“

Kontakt


Alle weiteren Informationen zu den Hamburger Frauenhäusern sowie die Kontaktmöglichkeiten zur Koordinierungs- und Servicestelle „24/7“ unter

scb

Schlagworte Häusliche Gewalt | Hamburger Frauenhäuser | Schutzplätze

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