Auf den Spuren der Hamburger Geschichte

Im Schatten des „Michel“, verborgen hinter einer hübschen aber unscheinbaren Häuserzeile, hat sich ein einzigartiges Symbol hanseatischer Geschichte erhalten. Hierher, in die Kramer-Witwen-­Wohnung am Krayenkamp 10, führte ein Ausflug kürzlich sechs Mitglieder des VdK-Ortsverbands Niendorf-Schnelsen rund um ihren Vorsitzenden Hans-Jürgen Leiste.

Die „gute Stube“ mit Möbeln aus dem 19. Jahrhundert und Schlafalkoven.

Obwohl gut versteckt auf einem Hinterhof, sind die Kramer-Witwen-Wohnungen, auch Krameramtsstuben genannt, schon lange kein Geheimtipp mehr für Besucher der Hansestadt. Viele Touristen werfen nach einem Besuch des nahegelegen Michel auch gerne einen Blick in die Witwenstuben und auf die kleinen Läden, Cafés und Restaurants in unmittelbarer Nähe.

Zwar ist Hamburg eine der ältesten Städte Norddeutschlands, trotzdem gibt es nur noch wenige bauliche Spuren, die heutigen Generationen einen Blick in die Geschichte der Hansestadt erlauben. Schuld daran sind nicht nur Natur- und Feuerkatastrophen oder der Zweite Weltkrieg, auch in Hamburgs Rathäusern wurde oft genug beschlossen, Teile der alten Hansestadt abzureißen. Dabei gingen schon viele architektonische und historische Schätze für immer verloren.

Um wenigstens ein Stück der wechselhaften Stadtgeschichte zu bewahren, wurden die alten Kramer-Witwen-Wohnungen 1968 auf Drängen des Denkmalschutzamtes vor dem Abriss bewahrt und umfassend saniert. Inzwischen befindet sich hier eine Außenstelle der Historischen Museen Hamburg, die es Besuchern erlaubt, in die Stadtgeschichte einzutauchen und dabei auch einen Blick auf die soziale Fürsorge längst vergangener Zeiten zu werfen.

Krameramt

Aus den kleinen Fenstern im Obergeschoss hat man einen schönen Blick.

Die typisch hamburgische Wohnanlage mit einem Vordergebäude und Hinterhofbebauung, wurde vor rund 350 Jahren vom Krameramt errichtet. Das Krameramt wiederum entstand im Mittelalter als Zusammenschluss von Kleinhändlern, Krämern also, die Eisen- und Haushaltswaren, Kräuter und Gewürze sowie später auch Seidenstoffe, Textilien und „Kolonialwaren“ verkauften und dafür einen festen Stand oder einen Laden in der Stadt nutzten. Das Amt erwarb und verteidigte jahrhundertelang seine Privilegien, schlichtete Streitereien zwischen den Mitgliedern und verfolgte illegale Konkurrenten – oft auch mit Gewalt.

Allerdings oblag dem Krameramt auch die Fürsorge für Mitglieder und deren Hinterbliebene, denn soziale Sicherungssysteme gab es kaum. Um Arme und Kranke kümmerten sich vor allem die Kirche und religiöse Stiftungen. Ämter, Gilden, Zünfte und ähnliche berufliche Zusammenschlüsse versorgten nur ihre Mitglieder, wenn diese in Not gerieten. Finanziert wurde dies durch sehr hohe Aufnahmegebühren und vor allem Strafzahlungen, die fällig wurden, wenn sich die Mitglieder in der Öffentlichkeit nicht so verhielten, wie es erwartet wurde – zumeist also wenn sie zu viel tranken, fluchten oder nicht an Beerdigungen von Kollegen teilnahmen.

Wenn heutzutage das Wort Krämer eher abwertend verwendet wird, so war das Hamburger Krameramt im Mittelalter und der frühen Neuzeit doch einflussreich und wohlhabend. So konnte es sich das Amt leisten, 1676 das Grundstück am Krayenkamp zu erwerben. In der damals nur dünn besiedelten Neustadt befanden sich vor allem Grünanlagen mit Lustgärten und Gartenhäusern. Das Krameramt ließ ein solches Gartenhaus umbauen und zusätzlich eine Gasse mit Fachwerkhäusern auf beiden Seiten errichten, sodass eine geschlossene Hinterhofbebauung mit Reihenhäusern exakt gleichen Zuschnitts entstand.

Jede Wohnung besaß ein Erdgeschoss mit einem kleinen Wohnzimmer und einer engen Kochnische sowie einer Diele mit einer schmalen Treppe in den ersten Stock. Dort befand sich die „gute Stube“ mit einem Schlafalkoven. Eine weitere Leiter führte auf den Dachboden, der als Lagerraum – etwa für Brennmaterial – genutzt wurde. Die Wohnanlage bot zunächst zehn und bald darauf bis zu zwanzig Witwen Platz. Für den Bau wurden einige der besten Handwerker der Stadt engagiert. Die ersten Bewohnerinnen durften während der Bauphase sogar Sonderwünsche anmelden, die auch umgesetzt wurden.

Armenfonds

Um hier einziehen zu können, mussten die Witwen ihre Bedürftigkeit nachweisen und einen christlichen Lebenswandel führen. Die Wohnungen durften sie dann kostenlos bis an ihr Lebensende nutzen, zudem erhielten sie aus dem Armenfonds des Amtes ein wenig Geld und bekamen Lebensmittel und Brennstoff geliefert. Um sich etwas hinzuzuverdienen, backten viele der Witwen Kuchen und Gebäck, worüber sich die Bäcker der Stadt so lange beschwerten, bis den Frauen der Verkauf ihrer Ware verboten wurde.

So gemütlich, wie es auf heutige Besucher wie die Mitglieder des VdK-Ortsverbands Niendorf­Schnelsen wirkt, war das Leben hier allerdings nicht: Die Räumlichkeiten waren eng und vor allem die kleine Küche erhielt fast kein Tageslicht. Die Möbel wurden über die Dachluken in die Häuser gehievt. Auf dem gleichen Weg mussten auch die Särge der Verstorbenen nach draußen gebracht werden, die Türen waren dafür zu schmal. Die bis zu zwanzig Bewohnerinnen teilten sich Gemeinschaftstoiletten am Ende der Gasse, das Wasser lieferten zwei Pumpen im Hof. Dafür allerdings war der Weg zum Gottesdienst in St. Michaelis kurz. Und aus den kleinen Wohnungsfenstern bietet sich auch heute noch ein herrlicher Ausblick auf den Turm des Hamburger Wahrzeichens.

Aufmerksame Besucher können in den Krameramtsstuben noch einige bauliche Besonderheiten entdecken, die einst in der ganzen Stadt verbreitet waren, heute jedoch kaum mehr zu finden sind: So sind die Schornsteine hier nicht gerade gemauert, sondern gedreht, weil der Rauch so angeblich besser abziehen konnte und der Funkenflug weniger gefährlich war. Vor den Fenstern der Häuser befinden sich zudem hölzerne Gestelle, die sogenannten Ricken, auf denen früher die Wäsche zum Trocknen aufgehängt wurde. Ähnlich wie hier sahen bis 1943 weite Teile der Hamburger Alt- und Neustadt aus. Denn aus der Hinterhofbebauung, einer frühen Form der Nachverdichtung, entwickelten sich mit der Zeit die Gängeviertel, in denen vor allem die ärmeren Einwohner lebten und wo häufig Krankheiten grassierten.

Rund 200 Jahre lebten am Krayenkamp die Kramerwitwen, bis 1866 in Hamburg die letzten rund 40 Zünfte und Ämter aufgelöst wurden. Nun übernahm die Stadt selbst die kleinen Wohnungen und brachte hier weiterhin alleinstehende Damen unter. Den Zweiten Weltkrieg überstand der Wohnkomplex fast unbeschadet, aber in den sechziger Jahren waren die hygienischen Verhältnisse und die Bausubstanz so schlecht, dass die letzten Bewohnerinnen die Wohnungen verlassen mussten. Die heutige Einrichtung der Museumswohnung stammt aus dem 19. Jahr­hundert und illustriert den Wohngeschmack der damaligen Mittelschicht, zu der die Kramerwitwen gehörten.

Leckeres Mittagessen im integrativen Restaurant „Haus 5“. | © VdK Hamburg

Hans-Jürgen Leiste gefiel der Besuch seines Ortsverbands in den Kramer-Witwen-Wohnungen: „Es war spannend, einen Blick in Hamburgs Vergangenheit zu werfen und zu sehen, wie soziale Absicherung früher ausgesehen hat. Bei allen Unzulänglichkeiten können wir heute doch froh sein, in einem Sozialstaat wie unserem zu leben. Schade ist es allerdings, dass keine Führung durch die Wohnung angeboten wurde, sodass man sich als Besucher die Geschichte der Krameramtsstuben selbst anlesen muss.“

Nicht barrierefrei

Die Kramer-Witwen-Wohnung ist täglich, außer dienstags, zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 2,50 Euro, mit Ermäßigung 1,50 Euro. Die Kramer-Witwen-Wohnung ist aufgrund der historischen Entwicklung leider nicht barrierefrei, der Abstieg über die Treppen ist nur rückwärts möglich.

Mehr zum Thema unter shmh.de/kramer-witwen-­wohnung im Internet oder in dem antiquarisch erhältlichen Buch von Reinhold Pabel: Im Schatten des Michel, Hamburg 1978.

scb

Schlagworte Kramer-Witwen-Wohnung

Symbolbild: Eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung mit Protestplakaten.
Der VdK ist die größte Selbsthilfe-Organisation in Deutschland, er setzt sich seit 60 Jahren erfolgreich für die Interessen seiner Mitglieder ein.

Foto: Die Geschäftsstelle des VdK Hamburg
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Landesverbandsvorstand Sozialverband VdK Hamburg
Symbolbild: Ein Treffen von VdK Mitlgiederinnen mit Kaffee und Kuchen
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