Viele warten monatelang auf einen Therapieplatz

Vor Kurzem hat die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) gemeinsam mit der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) den neuen Hamburger Psychiatrie-Bericht vorgestellt. Auf 190 Seiten liefert dieser umfangreiche Informationen zum aktuellen Stand der Versorgung in Hamburg, zu den Rahmenbedingungen und zur psychiatrisch, psychotherapeutischen und psychosomatischen Versorgung.

Trotz hoher Versorgungsdichte warten auch in Hamburg Patientinnen und Patienten lange auf eine ambulante Behandlung. | © pixabay.com/geralt

Dabei werden nicht nur die medizinischen und rehabilitativen Aspekte betrachtet, sondern auch Vorschläge gemacht, um die be­stehende Versorgung zu verbessern. Die Analyse für Hamburg zeigt auch: Die Stadt verfügt über ein sehr dichtes Netz wohnort­naher psychiatrischer Krankenhausabteilungen und Tageskliniken, darunter neun Krankenhaus­abteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie mit insgesamt 1621 Betten sowie 29 psychiatrischen Tageskliniken mit 605 Behandlungsplätzen.

Versorgungsnetz

Daneben gibt es in der Hansestadt weitere sieben Krankenhäuser mit speziellen Stationen und Tageskliniken für Gerontopsychiatrie sowie fünf Kinder- und Jugendpsychiatrische Abteilungen mit insgesamt 217 Betten und sieben Tageskliniken mit 74 Plätzen. In der ambulanten Versorgung gab es in Hamburg Ende 2017 über 1200 Ärztinnen und Ärzte – beispielsweise Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie – sowie Psychotherapeuten. Damit weist Hamburg einen eigentlich sehr guten Versorgungsgrad bei Psychotherapeuten und bei Nervenärzten auf.

Dass die Versorgung für viele Patienten aber dennoch nicht optimal ist, gibt auch Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks zu: „Obwohl wir eine psychiatrische und psychotherapeutische Versorgungsdichte haben, die man bundesweit kein zweites Mal findet, müssen auch in Hamburg Patientinnen und Patienten außerhalb von Kriseninterventionen mehrere Monate auf einen ambulanten Therapieplatz warten. Wir brauchen dringend eine neue Bedarfsplanungsrichtlinie, die nicht die Versorgungssituation der 90er-Jahre fortschreibt, sondern soziale Situation und Krankheitslast der Bevölkerung berücksichtigt. Auch sollte kleinräumiger geplant werden.“

Krisen-Telefon

Der Psychiatrie-Bericht zeigt dementsprechend auch Möglichkeiten auf, um das bestehende Angebot für Patienten zu verbessern: So vermittelt etwa die Termin-Servicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung pro Quartal über 2.000 Psychotherapie-Termine. Damit psychisch kranke Menschen in einer akuten Krisen- und Notsituation auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten Hilfe finden, wird in diesem Jahr ein Krisentelefon eingerichtet, das vom sozialpsychiatrischen Dienst des Bezirks Altona organisiert wird. Das Krisentelefon wird täglich von 17 bis 8 Uhr und an Wochenenden durchgehend zu erreichen sein. Es ist weder Telefonseelsorge noch Terminvermittlung, sondern soll von Kranken oder Angehörigen in krisenhaften Notsituationen genutzt werden. Bei Bedarf wird an Tageskliniken, Krankenhäuser, Sozialpsychiatrische Dienste sowie psychiatrische Institutsambulanzen oder Einrichtungen der ambulanten Sozialpsychiatrie weitervermittelt.

Darüber hinaus soll im Bezirk Harburg ein neues Netzwerk entstehen, um psychisch kranken Menschen wohnort- und zeitnah die erforderliche Hilfe gewähren zu können. Dabei sollen niedergelassene Ärzte, Therapeuten, Krankenhäuser, sozialpsychiatrische Dienste und Einrichtungen sowie die Behörden künftig verbindliche Kooperationen eingehen. So soll vor allem Erkrankten mit einem komplexen Hilfebedarf geholfen werden, also solchen, die neben einer psychischen Erkrankung etwa auch von Wohn- und Arbeitslosigkeit, körperlichen Beeinträchtigungen, Suchtverhalten und Ähnlichem betroffen sind.

Netzwerk Harburg

Eingebunden werden sollen hierbei neben der klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung auch Einrichtungen wie etwa die Obdachlosenhilfe, das Suchthilfesystem, das Fachamt Eingliederungshilfe oder Träger der beruflichen Rehabilitation. Die Kooperationspartner verpflichten sich dabei, die Hilfen so effektiv und verantwortungsbewusst wie möglich einzusetzen und niemanden wegen der Art und Schwere der Störung auszuschließen.

Die Menschen mit einer psychischen Erkrankung sollen möglichst individuell zugeschnittene Hilfen in ihrem Lebensfeld erhalten. In Harburg bestehen schon jetzt verschiedene Vereinbarungen zwischen den ambulanten, teilstationären Diensten und dem Asklepios Klinikum Harburg. Wenn sich das Modell bewährt, soll es künftig auch auf alle anderen Bezirke der Hansestadt übertragen werden. Für das Krisentelefon und das Modellvorhaben in Harburg stellen die BGV und die BASFI finanzielle Mittel in Höhe von 310 000 Euro zur Verfügung. Der Psychiatrie-Bericht zeigt auch, dass Hamburg für Menschen, die in besonderen Lebenslagen einen speziellen Unterstützungsbedarf haben, schon jetzt bedarfsgerechte Angebote bereithält.

Opfer-Zentrum

Für die Beratung und Behandlung von Folteropfern und traumatisierten Asylbewerbern wird im Sommer 2019 ein koordinierendes Zentrum eröffnen, das die Beratungs- und Unterstützungsangebote in einem Netzwerk zusammenführen und ihre Arbeit stärken soll. Um sprachliche und kulturelle Probleme zu überwinden, will der Senat hier auch weiterhin Dolmetscherleistungen fördern.

Bereits 2013 sind für obdachlose Menschen drei Schwerpunktpraxen mit hausärztlichen und psy­chiatrischen Sprechstunden modellhaft eingerichtet worden, die einen niedrigschwelligen Zugang in die Gesundheitsversorgung eröffnen. Seit 2016 ist deren Bestehen durch Vereinbarungen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen, der kassenärztlichen Vereinigung Hamburg und der BASFI auch langfristig gesichert.

Für junge Menschen, die eine psychiatrische Versorgung benötigen, sichert die 2017 neu aufgestellte Hamburger Kooperationskonferenz verbindliche Verfahren zwischen den jeweiligen Handlungsfeldern: Neben den Systemen Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie sind auch Schulen mit eingebunden. So sollen klare Zuständigkeiten und Ansprechpartner geregelt, komplexe Einzelfälle auf bezirklicher Ebene beraten und Absprachen für Übergänge von dem einem zum anderen System koordiniert werden.

pd

Schlagworte Psychiatrie-Bericht | Richtlinie | Therapieplatz | Versorgungsnetz | Krisen-Telefon | Netzwerk Hamburg | Opfer-Zentrum

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