Prima, aber hast du nicht etwas vergessen?

Erst vor einem Jahr haben wir von VdK-Mitglied Joachim Frank seinen zweiten Erzählband ­„Momente wie diese“ vorgestellt, aus dem unsere Leser an dieser Stelle die Kurzgeschichte „Omas Nachlass“ lesen konnten. Jetzt hat Joachim Frank nachgelegt und unter dem Titel „Weihnachtsgeheimnisse – 16 weihnachtliche Geschichten zum Träumen, Erinnern und Schmunzeln“ veröffentlicht. Eine dieser Geschichten, „Lisas Bild“, ­drucken wir hier mit freund­licher Genehmigung des Wiesenburg Verlags ab.

Lisa hatte versprochen: Ich male dir ein Bild mit uns beiden darauf. | © imago/Westend61

Zufrieden saß sie auf dem extra für sie zurechtgerückten Sessel, damit ihr Blick ungehindert auf den in diesem Jahr ganz in Rot und Gold gehaltenen Weihnachtsbaum fallen konnte. Dabei mochte sie die ganz bunt geschmückten Bäume viel lieber, in denen wie früher bunte ­Kugeln hingen, silbernes Lametta glänzte und echte Kerzen brannten. „Heutzutage muss ja alles geschmackvoll harmonisch komponiert sein“, dachte sie. Nie hätte sie das ausgesprochen, weil dabei ein spöttischer, sogar etwas verächt­licher Ton unvermeidlich gewesen wäre, der ihr nichts außer einem missbilligenden Blick unter wenigstens einer hochgezogenen Augenbraue ihrer stilbewussten Schwiegertochter eingebracht hätte. Trotzdem freute sie sich wirklich darüber, auch dieses Jahr den Heiligen Abend im Kreise der immer größer werdenden Familie feiern zu dürfen. „Das ist das eigentliche Geschenk“, dachte sie dankbar, denn wenn man auf das achtzigste Lebensjahr zugeht, hat man kaum noch Wünsche, die in Weihnachtspapier eingewickelt werden können.

Im bequemen Sessel nahm sie Platz

Als nach dem Abendessen die Bescherung beginnen sollte, wurden von überall die Kartons mit Geschenken herbeigeholt. Nur sie selbst blieb in dem bequemen Sessel sitzen, denn seit es vor Jahren mit dem Gehen immer beschwerlicher geworden war, hatte sie um die Vergünstigung gebeten, ihre Gaben auf die sogenannten „Flachgeschenke“ reduzieren zu dürfen – jedenfalls für die Erwachsenen, die daraufhin nicht einmal zaghaft versucht hatten, ihrem Vorschlag mit dem geringsten, fadenscheinigen Anzeichen von Enttäuschung zu widersprechen. Nur für die Kinder suchte sie immer noch selbst die Sachen aus, weil es ihr zu viel Freude bereitete, in den Spielzeugparadiesen das Richtige auszuwählen – nicht ganz selbstlos, wie sie sich eingestand, denn damit verbanden sich Erinnerungen an die eigene Kindheit, als weihnachtsdekorierte Straßen und Geschäfte einen fiebrigen Zauber entfaltet und die ganze Welt erfasst zu haben schienen. Heute erreichte sie nur ein Hauch von dem Vielmehr an Lichtern und Glanz, und der war vor allem dem Erinnern geschuldet, vergleichbar dem Betrachten alter Fotografien, wenn sich Wehmut mit Wärme harmonisch verbindet. Dagegen freute sie sich noch immer sehr auf das weihnachtliche Glück der Kinder. Deren Aufgeregtheit war über Jahrzehnte und Generationen hinweg immer die gleiche geblieben, nur hatten sich für sie selbst die Perspektiven verschoben.

Nach der Tradition der Familie durften die Kinder ihre Geschenke als erste auspacken, und im Nu verwandelte sich die gediegene Festtagsordnung des Wohnzimmers in ein Chaos. Ganz so, als müsste die starre Weihnachtsdekoration endlich mit prallem Leben erfüllt werden, wirbelte ein Sturm aus Kartons, Papier, Schleifen und Bändern um das nun weithin unbeachtete, kerzenbeschienene Goldrot des Weihnachtsbaumes. Freudiges Johlen und Schreien der Kleinen, die mit Autos, Puppen, Kästen und Schachteln umherliefen, erstickte verschneit klingende Kirchenglocken vom CD-Player.

Vergnügt beobachtete sie die andern

Stillvergnügt beobachtete sie die lautstarke Freude der anderen und dachte daran, wie sehr sich mit dem Älterwerden alles Wünschen und Hoffen auf ganz Weniges konzentriert, das nicht zu kaufen ist und weder ge- noch verschenkt werden kann, sondern allmählich schwindet, bis es still und klein im Inneren ruht und mit der Zeit langsam, langsam beinahe gänzlich erlischt.

Nach den Kindern wurde sie als die Älteste der Familie beschenkt. Ja, es war ein bisschen gespielt, wie sie sich überschwänglich bei ihren Kindern und Enkelkindern für Gutscheine, die zu Theaterbesuchen, Konzerten und Ausflügen einluden, Schachteln und Dosen voller Pralinés und Marzipan, gut gemeinte Präsentkörbe aus dem Reformhaus, für selbst gebackene Kekse, Bücher voller heiterer und besinnlicher Geschichten und einen Schal bedankte, den sie – das wusste sie schon jetzt – nie tragen würde. Wirklich neugierig war sie dagegen darauf, wie das Bild von Lisa aussehen würde.

Vor zwei Wochen, beim traditionellen Advents-Kaffee der Familie, hatte die Vierjährige sie nämlich gefragt, was sich die Großmutter von ihr zu Weihnachten wünschen würde.

„Also, mein Deern“, lautete ihre Antwort, „am meisten würde ich mich darüber freuen, wenn du mir ein Bild malen würdest.“

„Au, jaaa“, hatte Lisa mit ihrer hohen Kinderstimme ausgerufen und dabei begeistert in die Hände geklatscht, „ich male dir ein Bild mit uns beiden darauf!“

„Das ist ja eine ganz feine Idee“, hatte die Großmutter gesagt, und seither war sie gespannt auf dieses Bild gewesen, das sie jetzt behutsam wie etwas sehr Kostbares entrollte.

Lisa stand mit derart freudestrahlenden Augen vor ihr, wie sie nur Kinder beim Schenken haben: „Für meine allerliebste Omi!“

Sie war gespannt auf Lisas Bild

Die blickte auf das leicht verknickte Blatt, auf dem in bunten Farben ein Haus, ein Baum, ein Kind, das Zöpfe wie Lisa trug, und links oben eine große Sonne zu sehen waren, die ganz grell schien, so leuchtend gelb war sie.

„Sehr schön, Lisa, das hast du wunderbar gemacht“, freute sie sich anerkennend, gleichzeitig befürchtend, dass Lisa die leise Enttäuschung in ihrer Stimme bemerken würde, weil nur das Mädchen, nicht aber sie selbst auf dem Bild zu sehen war. Hatte die Kleine wohl vergessen, na ja, machte ja im Grunde genommen nichts, aber dennoch wäre es doch schön gewesen, wenn …

„Hab´ ich ganz alleine gemacht!“, triumphierte Lisa stolz.

„Prima, mein Deern, aber eigentlich sollte ich doch ein Bild haben, auf dem wir beide drauf sind. Hast du mich vergessen?“, konnte sie sich ein Nachfragen nicht verkneifen.

Lisa guckte ungläubig: „Nein, wieso?“

„Ja, dich mit deinen Zöpfen kann ich hier sehen und da den Baum vor eurem Haus auch, aber mich kann ich nirgends entdecken.“

Lisa beugte sich über das Bild: „Aber Oma, da! Das bist doch du!“, und dabei zeigte sie auf die große gelbe Sonne, deren Strahlen über das Bild fluteten und Lisa ganz umhüllten.

BUCHTIPP

Weihnachtsgeschichten zum Schmunzeln

Die Geschichten von Joachim Frank handeln von Momenten, die nicht das Spektakuläre in den Blickpunkt rücken, sondern dem Verborgenen nachspüren. Nachdenklichkeit, Freude, Dankbarkeit, Trauer oder Wut: Alles kann sich in den kleinen Momenten widerspiegeln, von ihnen verursacht und bewirkt werden. Davon erzählen auch wieder die Geschichten in seinem neuen Weihnachtsband zum Träumen, Erinnern und Schmunzeln.

Joachim Frank: Weihnachtsgeheimnisse – 16 weihnachtliche Geschichten zum Träumen, Erinnern und Schmunzeln. Kurzgeschichten, Wiesenburg Verlag 2016, 124 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-95632-413-0.

Den Autor live erleben

Joachim Frank liest aus seinem neuen Buch

Portraitfoto

Joachim Frank lebt in Prisdorf bei Pinneberg. Nach seinem Studium von Germanistik, Sport und Pädagogik war er dreißig Jahre in Hamburg als Lehrer tätig. Er ist langjähriges VdK-Mitglied und selbst schwerbeschädigt. Seit vielen Jahren schreibt er und hat in diesem Jahr den Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung gewonnen. Die abgedruckte Geschichte ist seinem neuesten Kurzgeschichten-Band „Weihnachtsgeheimnisse“ entnommen.

Das Buch ist im Buchhandel zu beziehen, aber auch direkt beim Autor – auf Wunsch signiert und mit persönlicher Widmung – unter Telefon (0 41 01) 78 26 17 oder E-Mail JFrank1@gmx.de zu bestellen. Preis bei Direktbestellung inkl. Porto/Verpackung 9,90 Euro.

Wer Joachim Frank live erleben möchte, kann seinen Weihnachtsgeschichten lauschen am

  • 1. Dezember, 18 Uhr, Dana Pflegeheim, Schäferhofweg 10, 25482 Appen;
  • 4. Dezember, 15 Uhr, Heimatverein Prisdorf, Bilsbekraum;
  • 8. Dezember, 18.30 Uhr, Este-Wohnpark Buxtehude, Kottmeierstraße 2A, 21614 Buxtehude;
  • 16. Dezember, 15 Uhr, Awo aktiv, Schillerstraße 47/49, 22767 Hamburg;
  • 17. Dezember, 16 Uhr, Museum Wilhelmsburg, Kirchdorfer Straße 163, 21109 Hamburg,


Weitere Lesungstermine finden sich unter http://joachimfrank.info im Internet. Ortsverbände können den Autor auch zu einem ihrer Treffen honorarfrei einladen, dazu unter Telefon oder E-Mail bitte direkt Kontakt aufnehmen.

Schlagworte Joachim Frank | Lisas Bild | Weihnachtsgeschichte

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