1. November 2018
SOZIALE GERECHTIGKEIT

Ohne die Tafel käme mancher nicht über die Runden

Mit 78-jährigem VdK-Mitglied bei der Lebensmittelausgabe – Immer mehr Menschen sind auf diese freiwillige Hilfe angewiesen

Die Zahl der Frauen und Männer, die zur Tafel gehen, nimmt immer weiter zu. 1,5 Millionen sind es nach Angaben des Tafel-Dachverbands mittlerweile in Deutschland. Auch immer mehr ältere Menschen holen sich dort jede Woche Lebensmittel. Die VdK-Zeitung begleitete eine Rentnerin zu einer Ausgabestelle in München.

Symbolfoto: Eine Mitarbeiterin der Münchner Tafel reicht einer älteren Dame eine Rebe mit Weintrauben.
Armut in einem reichen Land: Dass Menschen an den Tafeln Schlange stehen, um Lebensmittel zu bekommen, ist ein gewohntes Bild. Wir haben eine Rentnerin dorthin begleitet. | © Münchner Tafel

Marianne Müller (Name von der Redaktion geändert) hat sich das Auto eines Freundes geliehen und fährt damit zur Münchner Großmarkthalle. Nachdem sie in der Nähe des Eingangs geparkt hat, holt sie aus dem Kofferraum ein gutes Dutzend Umhängetaschen. Die habe sie in einem Ein-Euro-Shop günstig erworben, erzählt sie. Jede Woche kommt sie, um sich einen Lebensmittelvorrat für die kommenden sieben Tage zu holen. Sie ist froh, dass es die Tafel gibt. „Ansonsten käme ich nicht über die Runden“, sagt das 78-jährige VdK-Mitglied.

Zahl der Tafel-Kunden hat sich verdoppelt

Sie stellt sich in die Schlange am westlichen Eingangstor der Großmarkthalle. Es ist eine von 27 Ausgabestellen der Münchner Tafel. Bundesweit gibt es mehr als 2000 Ausgabestellen und die Zahl derjenigen, die diese nutzen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Marianne Müller geht seit zwölf Jahren zur Tafel, das heißt, kurz nachdem die Rente begonnen hat. Während sie darauf wartet, dass ihre Nummer, die sie dieses Mal zugeteilt bekommen hat, aufgerufen wird, erzählt sie von ihrem Leben. Mit 14 Jahren fing sie an zu arbeiten. Sie lernte Steuerfachgehilfin und arbeitete anschließend ohne Unterbrechung bis zu ihrem 60. Lebensjahr in verschiedenen Kanzleien. Danach kümmerte sie sich zehn Jahre um ihre pflegebedürftige Mutter, bis diese starb. Ihren Vater hatte sie bereits früher verloren.

Der Mann, der den Einlass zur Ausgabestelle kontrolliert, unterbricht ihre Erzählung und ruft ihre Nummer. Sie geht durchs Tor und gleich nach links. Mehrere Tische mit Gemüse, Salaten, Obst sowie Brot- und Backwaren stehen nebeneinander im Freien, aber unter einem Dach. Am Ende der Tische steht ein Lieferwagen, auf dem „Münchner Tafel“ steht und der Name des Autohauses, das den Wagen gesponsert hat. Davor ist noch mal eine Schlange von rund 20 Menschen unterschiedlichen Alters, darunter auch Paare. Marianne Müller stellt sich ans Ende.

Mit Blick auf die Helferinnen und Helfer, die jeweils zu zweit an einem Tisch stehen, hebt Marianne Müller hervor, wie freundlich und zuvorkommend die Ehrenamtlichen mit ihr umgingen. Sie sei ihnen sehr dankbar, sagt sie. Ein älterer Helfer erzählt, dass er als Grundsicherungsempfänger selbst mittwochs zur Tafel kommt und sich mit Lebensmitteln versorgt. Montags wiederum würde er dafür bei der Ausgabe mithelfen.

Nach mehreren Minuten des Wartens ist Marianne Müller am Lieferwagen angekommen. Zwei junge Frauen stehen warm angezogen im heruntergekühlten Innern des Transporters. Sie fragen die 78-Jährige, welches Fleisch, welche Wurst und welchen Käse sie haben wolle, und ob sie Joghurt möchte. Die Rentnerin nimmt dankbar alles entgegen, vom eingeschweißten Schweinebraten über Bratwürste und Schinken bis hin zum Quark, und steckt alles in ihre Tragetaschen.

Anschließend geht sie zu den Gemüse-, Salat- und Obstständen. So füllt sie ihre Taschen mit Lebensmitteln auf, die die Supermärkte in der Region nicht verkauft haben, die aber noch gut haltbar sind. Zum Schluss deckt sie sich mit Brot, Brezeln und Brötchen ein. Am letzten Stand liegen noch Rucksäcke, Schreibblöcke und Stifte, die für die Schulkinder armer Familien gedacht sind.

Mit vollgepackten Taschen geht Marianne Müller hinaus zu dem um die Ecke geparkten Auto. Sie sei froh und dankbar, dass der Freund ihr den Wagen immer leiht, damit sie die Lebensmittel sicher nach Hause bringen kann.

Rente von nur 500 Euro

Warum sie nur eine Rente von knapp über 500 Euro hat und zur Tafel gehen muss, obwohl sie mehr als 46 Jahre gearbeitet und immer eingezahlt hat, ist für sie ein Rätsel. Ein Grund liegt offensichtlich in ihrer gescheiterten Ehe. Ihr Mann war selbstständig tätig und hatte nie in die Rentenversicherung eingezahlt. Nach der Scheidung musste er ihr zwar Unterhalt zahlen, umgekehrt bekam er aber die Hälfte ihrer erworbenen Rentenpunkte. Entsprechend reduziert sind nun ihre Altersbezüge.

Bis auf 50 Euro Eigenanteil wird ihre Miete von der Grundsicherung bezahlt. So bleiben ihr monatlich 450 Euro für alle anderen Kosten. Geht etwas kaputt, muss sie die Reparatur oder ein neues Gerät selbst bezahlen. Als Grundsicherungsempfängerin ist sie aber immerhin berechtigt, zur Tafel zu gehen.

Der Sozialverband VdK setzt sich seit Jahren für bessere Sozialleistungen und Renten ein, damit niemand auf die Lebensmittelausgaben angewiesen ist. „Es ist beschämend für unseren Staat, dass er seine Pflicht zur Daseinsvorsorge an Vereine wie die Tafeln abgibt und die Organisation der Armut ganz bequem dem Ehrenamt überlässt“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele. Der Staat plane das Engagement der Tafeln mittlerweile so fest ein, dass mit den Bescheiden zur Grundsicherung gleich die Adresse der nächsten Ausgabestelle für Lebensmittel beigefügt wird.

So wird auch Marianne Müller am nächsten Montag wieder zur Tafel in der Münchner Großmarkthalle fahren, sich ihre Taschen umhängen und geduldig anstehen, um von den freiwilligen Helfern mit Lebensmitteln versorgt zu werden.

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Schlagworte Armut | Grundsicherung | Rente | Altersarmut | Tafeln

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