28. Oktober 2022
PFLEGE

Ein Pflegelohn gegen das Armutsrisiko

Aktuelle VdK-Studie: 73 Prozent der pflegenden Angehörigen müssen bei Dienstleistungen dazubezahlen

Jeder fünfte pflegende Angehörige ist armutsgefährdet, unter den pflegenden Frauen ist es sogar jede Vierte. Das geht aus der vom Sozialverband VdK in Auftrag gegebenen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW Berlin) hervor. Der VdK fordert einen Lohn für pflegende Angehörige, um das hohe Armutsrisiko in dieser Personengruppe zu senken.

Hände halten ein Plakat hoch, darauf steht
Mit seiner Kampagne #naechstenpflege setzt sich der Sozialverband VdK für bessere Bedingungen für pflegende Angehörige und zuhause Gepflegte ein.

Seit 2004 pflegt VdK-Mitglied Regina Specht (Name von der Redaktion geändert) aus Gießen ihren Mann, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, zu Hause. Ihr ernüchterndes Resümee nach über 18 Jahren als pflegende Angehörige: „Der Staat behandelt mich, als hätte ich nie gepflegt. Obwohl ich die Pflege meines Mannes und zwischenzeitlich auch die meiner Mutter alleine bewältige, erhalte ich für die Pflege keine Rentenpunkte.“ Die dazu notwendigen Voraussetzungen hat sie nicht erfüllt.

Armutsrisiko Pflege

Ein weiteres finanzielles Thema bewegt die 61-Jährige, die aufgrund der jahrelangen Doppelbelastung aus Pflege und Beruf mittlerweile arbeitsunfähig ist: „Das Pflegegeld meines Mannes hat nie für die Pflegezusatzkosten ausgereicht. Ich musste immer aus meinem Gehalt Geld zuschießen.“

Die Ergebnisse einer Studie, die die Hochschule Osnabrück auf Basis einer Online-Befragung unter 56.000 VdK-Mitgliedern zum ­Thema der häuslichen Pflege durchgeführt hat, bestätigen solche persönlichen Eindrücke: 73 Prozent der befragten Pflegehaushalte geben an, dass sie zu den Pflegeleistungen dazubezahlen müssen. Über 50 Prozent der Befragten ­sagen, Dienstleistungen wie den Pflegedienst, die Tages-, Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege nicht in Anspruch zu nehmen, weil sie zu viel dazuzahlen müssten.


Armutsfalle Nächstenpflege - Das war unser Aktionstag am 27.9.2022

Der 27.9. stand beim Sozialverband VdK ganz im Zeichen des wichtigen Themas "Armut durch Pflege". Mit einer Pressekonferenz, einer Fachveranstaltung und eine bildgewaltigen Postercar-Aktion in Berlin machte der VdK auf die Situation der pflegenden Angehörigen aufmerksam. Den Zusammenschnitt des bewegten Tages gibt es hier!
Mehr Informationen zum Thema: www.vdk-naechstenpflege.de


Solche Überlegungen und Rechnungen kennt VdK-Mitglied Karin Köstner aus Franken leider nur zu gut. Auf den Euro genau rechnet sie vor, in welchem Umfang sie für die häusliche Pflege ihres bettlä­gerigen Mannes selbst aufkommen muss. „Jeden Monat zahle ich auch bei den Hilfsmitteln dazu: so um die 35 Euro, um zwei bis drei Packungen Windeln, meinen Mehrbedarf an Handschuhen und Unterlagen zu decken.“

Eine zwei­wöchige Kurzzeitpflege für ihren Mann kann sie nur in Anspruch nehmen, wenn sie die monat­lichen Entlastungsbeiträge bündelt, um sich die 900 Euro ­Zuzahlung überhaupt leisten zu können.

Pflegende als Angestellte

Der VdK fordert einen Lohn für die pflegenden Angehörigen. Der oft jahrelange Einsatz in der Nächstenpflege muss endlich besser anerkannt werden.

Dieser Lohn soll sich nach dem Pflegegrad des Pflegebedürftigen und damit nach dem tatsächlichen Arbeitsaufwand richten. Nach Berechnungen des DIW Berlin würde ein solcher Lohn insbesondere Frauen, die bereits ihre Wochenarbeitszeit reduziert oder ihren Job ganz aufgegeben haben, helfen. Auch jüngere Pflegende unter 65 Jahren sowie Eltern von pflegebedürftigen Kindern würden profitieren. Die Armutsgefährdungsquote dieser Personengruppen könne auf diese Weise am wirkungsvollsten gesenkt werden, so das DIW Berlin.

Erste Erfahrungen mit einem Pflegelohn wurden bereits im österreichischen Burgenland gesammelt. Hier sind pflegende Angehörige bei der Kommune angestellt, im Rahmen einer öffentlich geförderten Beschäftigung wird ihnen ein Basislohn gezahlt. Innerhalb der Pflegezeit müssen sie eine Fortbildung machen und Supervision in Anspruch nehmen. So soll die Qualität in der Nächstenpflege gesichert werden. Die Pflegenden sind über diese Anstellung hinaus sozialversichert. So wird das enorme Armutsrisiko für die Pflegenden gesenkt.
Zurzeit liegt das durchschnittliche Einkommen in Deutschland bei rund 2053 Euro pro Haushalt. In Pflegehaushalten stehen nur 1821 Euro zur Verfügung. Pflegende Frauen verfügen sogar über rund 100 Euro weniger.

Sigrid Hahn aus dem Kreis Eschwege kümmert sich um ihre 22-jährige behinderte Tochter und um ihren pflegebedürftigen Vater. Sie berichtet: „Finanziell schlagen wir uns so durch. Die Zuzahlungen für die Pflege sind für mich nicht einfach zu stemmen. Wenn ich mehr Geld zur Verfügung hätte, würde ich mehr Angebote für meine eigene Entlastung in Anspruch nehmen.“

Die Ergebnisse der DIW-Studie im Auftrag des VdK sowie der VdK-Pflegestudie, durchgeführt durch die Hochschule Osnabrück, finden Sie hier auf unserer Kampagnenseite www.vdk-naechstenpflege.de (Downloads am Seitenfuß):

VdK-Studie: Armutsfalle Nächstenpflege

Julia Frediani


PFLEGE
Das Ehepaar Gabriele Mair-Bolland und Klaus Bolland in seiner Wohnung. Er sitzt im Rollstuhl, sie steht hinter ihm und hält die Griffe des Rollstuhls.
Viele pflegende Angehörige stehen vor der Herausforderung, die Pflege mit ihrem beruflichen Alltag zu vereinbaren. So auch VdK-Mitglied Gabriele Mair-Bolland. Die 62-Jährige arbeitet und versorgt gleichzeitig ihren Mann – ein Spagat, der sie immer wieder an ihre Grenzen bringt. | weiter
28.10.2022
PFLEGE
Symbolfoto: Hänge-Register mit Akten darin und den Etiketten "Pflegegeld", "Finanzamt" und "Steuern"
Einnahmen müssen in Deutschland grundsätzlich versteuert werden. Das Pflegegeld bildet jedoch eine Ausnahme. Dennoch gibt es Fälle, in denen es beim Finanzamt angeben werden muss. | weiter
28.10.2022

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
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    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
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    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
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Symbolfoto: Eine ältere Frau mit einem Gehstock, sie ist bei einer jüngeren Frau untergehakt. Beide sieht man nur von hinten. Sie gehen auf einem Weg durch eine Grünanlage.
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Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
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Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
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Alles zur großen VdK-Kampagne Nächstenpflege:

www.vdk-naechstenpflege.de

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