26. September 2022
PFLEGE

Viele Hürden für pflegende Eltern: Bewilligung von Hilfsmitteln dauert oft zu lange

Für Eltern, die ein Kind mit Behinderung versorgen, kostet die Pflege viel Kraft und Zeit. Hinzu kommen bürokratische Hürden und lange Antragsverfahren. Nicht selten ist ein Kind dem Hilfsmittel, das es für seine Entwicklung benötigt, schon entwachsen, wenn die Krankenkasse es endlich bewilligt.

Symbolfoto: Mutter kniet vor ihrer Tochter, die im Rollstuhl sitzt, hält ihre Hand. Im Hintergrund eine Blumenwiese
© IMAGO / Westend61

Wenn ein Kind mit einer Behinderung zum Beispiel einen Rollstuhl braucht, stellen die Eltern einen Antrag bei der Krankenkasse. Wird dieser bewilligt, muss das Sanitätshaus das Hilfsmittel auf die Bedürfnisse des Kindes anpassen, bevor es geliefert wird. Schon dieses normale Antragsverfahren kostet Zeit. Wird allerdings der Medizinische Dienst (MD) eingeschaltet und kommt zu dem Ergebnis, dass die Kosten für das Hilfsmittel von der Krankenkasse nicht übernommen werden, wird es kompliziert. Die Eltern können dann Widerspruch einlegen oder gegen die Ablehnung klagen – doch das Verfahren kann Monate dauern. Das kostet die Eltern neben Zeit auch viel Energie. Beides fehlt ihnen dann für die Betreuung des Kindes und seiner Geschwister.

Ist das Verfahren erfolgreich und das Hilfsmittel wird bewilligt, muss es unter Umständen erneut beantragt werden, weil das Kind in der Zwischenzeit gewachsen ist. Deshalb fordert der VdK, dass Bewilligungsverfahren beschleunigt werden, damit Kinder die richtigen Hilfsmittel dann bekommen, wenn sie sie wirklich brauchen.

Wirtschaftlichkeit

Nach Auffassung des VdK achten die Krankenkassen bei der Bewilligung zu sehr auf die Wirtschaftlichkeit bei der Hilfsmittelversorgung von Kindern. „Natürlich ist es teuer, wenn Kinder schnell neue Hilfsmittel brauchen, weil sie wachsen und sich damit fortwährend auch der Bedarf ändert. Oder wenn sie einen weiteren Rollstuhl benötigen, um in der Kita auch draußen im Hof spielen zu können. Aber wofür wäre das Geld besser ausgegeben als für eine gute Entwicklung von jungen Menschen?“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele. Der VdK fordert insbesondere für die Hilfsmittel für Kinder mit Behinderung, dass die Wirtschaftlichkeit nicht über der Gesundheit und Entwicklung stehen darf.

Außerdem fehlt es an guten Beratungsangeboten vor Ort. Pflegeberater wissen häufig sehr gut über die Versorgungsstrukturen älterer pflegebedürftiger Menschen Bescheid, aber bei Angeboten für Jüngere müssen sie passen. Eine umfassende Versorgung dieser Familien gelingt aber nur, wenn über alle zur Verfügung stehenden Ansprüche informiert werden kann.

Fehlerhafte Gutachten

Ein weiteres Problem: Die gutachterlichen Stellungnahmen des Medizinischen Dienstes zur Kostenübernahme können zu falschen Entscheidungen führen. Es kann vorkommen, dass zum Beispiel beim MD ein Frauenarzt den Hilfsmittelbedarf eines Kindes mit Hirnschädigung begutachtet. Oder die Gutachter sehen das Kind nicht einmal persönlich, sondern schreiben die Stellungnahme nach Aktenlage. Auf dieser Grundlage weichen sie dann von der fachlichen Meinung des Arztes ab, der das Hilfsmittel verordnet hat und das Kind vielleicht schon seit Jahren kennt. So kann eine Leistung versagt werden, die aber für das Kind in seiner Entwicklung wichtig ist. Der VdK fordert, dass die Krankenkasse sich bei der Bewilligung an der Verordnung des behandelnden Arztes ausrichtet.

Fehlende Betreuung

Pflegende Eltern, die oft Beruf und Betreuung unter einen Hut bringen müssen, haben kaum Möglichkeiten, sich eine Auszeit zu nehmen. Es gibt zum Beispiel kaum Urlaubspflegen, sogenannte Kurzzeitpflegeplätze, für pflegebedürftige Kinder. „Wir brauchen insgesamt bessere Entlastungsangebote und eine Pflegezeit, die auch finanziell abgesichert ist“, fordert Bentele.

Aktuell wird wieder viel über eine Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld diskutiert. Aber die Pflegezeit in den Familien mit einem pflegebedürftigen Kind dauert ungleich länger als die Elternzeit. Zudem muss die Pflege bei der Rente besser anerkannt werden.

Alleingelassen

Die vielen Hindernisse bei der Versorgung von pflegebedürftigen Kindern sorgen dafür, dass sich die Eltern mit ihren Problemen oft alleingelassen fühlen. „Es entsteht der Eindruck, dass das Versorgungssystem diese Gruppe ignoriert“, sagt die VdK-Präsidentin.

Sie fordert: „Wir brauchen eine Entbürokratisierung der Pflege und eine Vereinfachung von Pflegeleistungen.“ Ein Entlastungsbudget sei eine Möglichkeit. Familien müssten wählen können, was ihnen hilft, und auch, wer ihnen helfen soll. „Nicht immer ist das ein professioneller Dienst. Viele Eltern sagen uns, dass sie lieber eine Nachbarin, die das Kind von klein auf kennt, mehr einbinden würden. Und diese Hilfe kann nicht immer ohne Entgelt erbracht werden.“

Jörg Ciszewski


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Schlagworte Hilfsmittel | Kinder | Behinderung | Kostenübernahme | Pflege | Medizischer Dienst

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