27. Januar 2022
PFLEGE

Letzter Ausweg Pflegeheim

Gabriele Thiele suchte monatelang vergeblich für ihren Mann einen Tagespflegeplatz – die Versicherungsleistung verfiel

Um die Betreuung zu Hause zu unterstützen, stellt die Pflegekasse Geld für Tagespflege bereit. Doch wenn Betroffene keinen Platz finden, verfällt der Anspruch. Für ambulante Dienstleister darf der Betrag nicht verwendet werden – zum Leidwesen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen.

Symbolfoto: Ein älterer Mann sitzt auf einem Stuhl, hält einen Ball in der Hand. Eine Frau legt ihre Hand auf seinen Arm.
© canva.com/Matthias Zomer

Rund um die Uhr, eineinhalb Jahre lang, kümmerte sich Gabriele Thiele aus dem schwäbischen Ravensburg um ihren demenzkranken Mann. Wegen seiner stark eingeschränkten geistigen Fähigkeiten hat der 72-Jährige den höchsten Pflegegrad 5. Dafür stehen ihm von der gesetzlichen Pflegeversicherung monatlich 1995 Euro für Tagespflege zu. Doch keines der drei Heime, in denen ihr Mann probeweise war, wollte ihn aufnehmen. Jedes Mal hieß es, ihr Mann brauche Einzelbetreuung. Sie suchte nach Alternativen und fand einen ambulanten Pflegedienst für Menschen mit Demenz. Doch das Geld, das ihrem Mann für die Tagespflege zusteht, konnte sie dafür nicht einsetzen.

Immer an seiner Seite

In ihrer Verzweiflung schrieb Gabriele Thiele im vergangenen Herbst an verschiedene TV-Sender. Andrea Neumeier von der Redaktion „Quer“ des BR-Fernsehen meldete sich bei ihr und besuchte das Ehepaar mit einem Kamerateam. Im Interview schilderte die 66-Jährige eindrücklich, dass sie ihren Mann im Grunde nie allein lassen konnte. Überallhin musste sie ihn mitnehmen, zum Arzt, zum Friseur, zur Physiotherapie. Nie konnte sie entspannen, musste immer auf ihn aufpassen.

Schon 2005 merkte sie, wie er geistig abbaute. Er wollte nicht mehr lesen, sich nicht mehr unterhalten, keine Talkshows mehr schauen. Bis dahin war der frühere Handballer geistig und sportlich sehr aktiv. Er las viele Bücher und Magazine, war vielseitig interessiert, unterhielt sich gerne. Doch all dies machte ihm keinen Spaß mehr. Und eines Tages vergaß er die Gymnastikübungen, die er jeden Morgen jahrelang immer gemacht hatte. 2011 gab es den Verdacht auf Demenz. 2017 wurde Alzheimer diagnostiziert.

Gabriele Thiele kümmerte sich liebevoll um ihn. Doch am Abend des 21. Januar 2020 der Schock: Als sie im Bus von einem Abend mit Freunden heimfuhren, fragte er sie plötzlich: „Wie heißt du? Wo wohnst du?“ Er wollte sie nicht mehr ins gemeinsame Haus lassen. Sie musste die Polizei rufen, die ihn ins Zentrum für Psychiatrie brachte. Er wurde stationär aufgenommen und mit Medikamenten ruhiggestellt.

Später kam er in ein Pflegeheim. Es folgte Corona. Lange Zeit konnte sie ihn nicht besuchen. Als sie endlich wieder mal bei ihm war, hatte er enorm abgenommen. Mit Unterstützung des Hausarztes holte sie ihn im Sommer 2020 nach Hause. Sie pflegte ihn fortan wieder selbst und suchte alternative Hilfe. Ohne Erfolg: Auch der TV-Beitrag half nicht. Die Pflegekasse weigerte sich weiterhin, den ambulanten Dienst zu bezahlen. Ende 2021 gab Gabriele Thiele auf und suchte einen Platz für vollstationäre Pflege. Sie fand ein Heim mit einer Abteilung für Menschen mit Demenz. Dort lebt er nun zunächst für ein paar Wochen. Geht es gut, kann er dauerhaft bleiben.

Für sie war dies keine leichte Entscheidung. Seit 46 Jahren sind sie verheiratet. Außerdem kommen enorme finanzielle Belastungen auf sie zu. Ihr Mann hat zwar eine verhältnismäßig hohe Rente von 2450 Euro. Doch die Eigenleistung von 3100 Euro pro Monat übersteigt diese deutlich. Dazu kommen noch regelmäßige Zuzahlungen, beispielsweise für Medikamente, Friseur und Fuß­pflege.

Gabriele Thiele bekommt selbst 1100 Euro Erwerbsminderungsrente, mit der sie all ihre Kosten decken muss. Die verbliebenen Pflegeheimkosten ihres Mannes muss sie aus den gemeinsamen Ersparnissen begleichen. Wenn diese irgendwann mal aufgebraucht sind, werde sie wohl ihr Eigenheim beleihen müssen, befürchtet die Württembergerin.

Die mehr als 30.000 Euro, die sie in den vergangenen eineinhalb Jahren für die Tagespflege bekommen hätte, könnte sie gut gebrauchen. Doch dieses Geld hat die Pflegekasse gespart, weil es mit der Tagespflege nicht geklappt hat.

VdK hofft auf Änderung

Der Sozialverband VdK kritisiert schon seit Langem, dass Betroffene die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht flexibler nutzen können. Die neue Bundesregierung plant zwar laut Koalitionsvertrag die Verschmelzung von Kurzzeit- und Verhinderungspflege zu einem gemeinsamen Entlastungsbudget. Doch die Tagespflege bleibt auch in diesen Plänen außen vor. Und eine vom VdK vorgeschlagene Pflegevollversicherung, die Menschen wie das Ehepaar Thiele entlasten würde, ist leider auch nicht vorgesehen.

Damit werden die beiden die hohen Heimkosten selbst zahlen müssen. Gabriele Thiele hat im Moment aber vor allem einen Wunsch: Dass sich ihr Mann in dem Heim wohlfühlt und gut betreut wird.

Sebastian Heise


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Entlastungsbetrag kommt bei den Betroffenen nicht an

Mit dem Entlastungsbetrag von 125 Euro im Monat sollen pflegende Angehörige zum Beispiel Hilfe im Haushalt oder eine Pflegekraft bezahlen, die die Betreuung übernimmt, wenn man mal eine Auszeit braucht. Doch viele wissen gar nicht, dass ihnen dieser Betrag zusteht oder sie finden an ihrem Wohnort keinen qualifizierten Anbieter.

Schlagworte Pflege | Demenz | pflegende Angehörige | Tagespflege | Pflegeversicherung

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