28. Mai 2021
PFLEGE

Zwischen Schutz und Freiheit

Pflegeexperte Helmut Wallrafen über die Schwierigkeit, Persönlichkeitsrechte und Besuchsverbote gegeneinander abzuwägen

Eine ältere Person sitzt mit an einem Tisch, eine andere Person hat die Hand auf ihren Arm gelegt.
© pixabay

In den vergangenen Monaten haben sich viele Menschen um ihre Angehörigen, die in Pflegeeinrichtungen leben, große Sorgen gemacht. Besuchsverbote sollten sie vor der Corona-Pandemie schützen, haben sie aber auch von der Außenwelt abgeschottet. Über die nicht immer einfache Abwägung von Schutz und Freiheit sprach die VdK-ZEITUNG mit Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-­Holding der Stadt Mönchengladbach GmbH, die die kommunalen Pflegeheime betreibt.

Wie haben Sie Ihre Pflegeheime durch die Krise gebracht?
Wir haben so weitergemacht wie immer, aber unter Beachtung der Schutzmaßnahmen. Das bedeutet, dass wir Angebote nicht mehr zentral, sondern in den einzelnen Wohnbereichen angeboten haben. Wir haben Besuchsbegleiterinnen und Besuchsbegleiter eingestellt, die unser Pflegepersonal unterstützt haben, etwa bei der Desinfektion oder beim Erfassen von Daten. Unterm Strich lief das Leben im Heim fast normal weiter. Allerdings war das nur möglich, weil das Personal mit großem Engagement Belastungen wie stundenlanges Maskentragen und vieles mehr auf sich genommen hat.

Warum wurden die Bewohner in manchen Heimen „weggesperrt“?
Gute und schlechte Heime gab es schon vorher. Das Coronavirus hat die Unterschiede nochmals deutlicher gemacht. Wir haben alles versucht, um weiterhin Besuche zuzulassen. Wir haben Besuchs­container aufgestellt und Tests durchgeführt. Sämtliche Besucher haben sehr darauf geachtet, diejenigen Angehörigen, die zur Hochrisikogruppe gehören, unter allen Umständen zu schützen. Kontakte gänzlich zu verbieten, war also keine gute Entscheidung.

Wie hätten sich die Bewohnerinnen und Bewohner dagegen wehren können?
Grundsätzlich besteht in allen Pflegeeinrichtungen bundesweit das Recht auf Besuch der Angehörigen. Wenn Bewohnerinnen und Bewohner weggesperrt werden, ist dies widerrechtlich und den Heimauf­sichts­behörden zu melden. Ein Besuchsverbot kann nur dann ausgesprochen werden, wenn in einer Einrichtung eine größere Anzahl von Infektionen auftritt.

Wie haben sich die Besuchsverbote auf die seelische Verfassung der Heimbewohnerinnen und -bewohner ausgewirkt?
Soziale Kontakte sind besonders im Alter ein ganz wichtiger Alltagswunsch. Hier wurden aufgrund von Ängsten um die Gesundheit älterer Heimbewohnerinnen und -bewohner sicher manchmal Grenzen überschritten. Es gab aber auch keine einheitlichen politischen Vorgaben. Die Verantwortung wurde an die Heimleitungen delegiert.

Warum hat sich die Politik so schwergetan, für Pflegeheime passende Lösungen zu finden?
Wenn 95 Prozent der Angehörigen für ihre in Heimen lebenden Angehörigen Sicherheit wünschen und gleichzeitig 95 Prozent, wann immer sie wollen, diese besuchen möchten, dann fällt es der Politik natürlich schwer, eine klare Entscheidung zu treffen.

Hätte man viel früher bundesweit einheitliche Regelungen finden müssen?
Ein Jahr Pandemie hat eindeutig gezeigt, dass wir bundeseinheitliche Regelungen brauchen, die dann vor Ort in den Kommunen und Kreisen umgesetzt werden. Dafür brauchen die Kommunen qualifiziertes Personal, welches in den vergangenen Jahrzehnten systematisch weggespart wurde. Gesundheitsämter ohne Personal können keine individuellen Entscheidungen treffen und verantworten. Der Grundgedanke der Pflegeversicherung, „Prävention vor Rehabilitation vor Pflege“, würde die Chance bieten, Fachpersonal in normalen Zeiten präventiv und in Krisenzeiten – nach eingeübten Pandemieplänen – sofort vor Ort einzusetzen.

Hätte man in Heimen, in denen noch nicht jeder geimpft war, die Auflagen lockern können, ohne den Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner aufzugeben?
Nein, das geht nicht. Entweder nehme ich die gesundheitliche Gefährdung in Kauf, oder ich schütze die Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn sich fünf Bewohner frei bewegen wollen, 75 aber lieber geschützt werden möchten – was machen Sie da?

Was muss sich verbessern, um künftig in der Pflege bessere Antworten auf eine Pandemie zu finden?
Seit 40 Jahren ist mehr Personal nötig und wird immer wieder gefordert. Aber nichts passiert. Im gleichen Atemzug will man ja auch sparen. Und das geht nicht. Bei seriösen Pflegeheimen liegen die Personalkosten bei 60 bis 65 Prozent des Gesamtbudgets. Auch in der Pandemie zeigt sich, dass die freie Marktwirtschaft den Missbrauch von Heimträgern fördert. Nur eine Trägervielfalt, klare Personalbemessungszahlen und ein einheitlicher Pflegetarif für alle Anbieter schaffen dauerhaft menschenwürdige Betreuung und Pflege.

Interview: Annette Liebmann

Nicht allein im Heim – soziale Kontakte in Zeiten von Corona

Der Mensch ist nicht fürs Alleinsein gemacht. Beieinander sitzen, plaudern, eine Tasse Kaffee zusammen trinken – wir alle vermissen das seit Monaten. Alten Menschen, die ohnehin in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, fehlen solche Kontakte besonders.

Im vergangenen Dezember mahnte der Deutsche Ethikrat, auch während der Pandemie müsse ein Mindestmaß an sozialen Kontakten sichergestellt sein – gerade in der Langzeitpflege. So regelt es auch das Infektionsschutzgesetz.

Für die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Verena Bentele, stehen besonders jene Menschen im Vordergrund, die in der allerletzten Phase ihres Lebens die Nähe ihrer Angehörigen brauchen.

Schlagworte Pflegeeinrichtung | Corona-Krise | Schutzmaßnahmen | Pflegeheime

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