16. Februar 2021
PFLEGE

Die Finger beschäftigen, den Geist beruhigen

Viel mehr als Patchwork: Nesteldecken helfen Menschen mit Demenz und sind stark nachgefragt

Eine bunte Patch-Work Decke
© unsplash

Kathi Schurig aus Dresden näht seit fünf Jahren Nesteldecken für demenzkranke Menschen. Das Unglaubliche: Sie verschenkt die liebevoll gestalteten Einzelstücke. Nachdem die Aufträge stark angestiegen sind, sucht sie dringend Mitnäherinnen und gibt dafür gern Tipps und Nähanleitungen weiter.

Ein Bild, das Fernweh weckt: eine kurvige Asphaltstraße, auf der ein Wohnmobil fährt. Man sieht ein aufgeschlagenes Zelt. Die weite Prärie-­Landschaft erinnert an US-amerikanische Nationalparks. Das Bild gehört zu einer handgemachten Nesteldecke von Kathi Schurig, die aus zwölf Stoffqua­draten zusammengesetzt ist. „Dieses Einzelstück habe ich für einen demenzkranken Mann angefertigt, der früher viel mit dem Wohnwagen unterwegs war“, erzählt sie.

Nesteln sei ein typisches Verhalten in der fortgeschrittenen Phase einer Demenz­erkrankung, erklärt die 51-Jährige. Die Finger sind ständig in Bewegung. „Doch wenn sie beschäftigt sind, beruhigt sich der Geist. Dafür sind die Decken da“, betont die Dresdenerin. Auf einer Nesteldecke finden Demenzkranke Taschen, in die sie mit ­ihren Händen hineinschlüpfen, Reißverschlüsse, die sie öffnen, und Fransen, Schnürsenkel und Häkelblumen, an denen sie zupfen können. Die Finger dürfen Knöpfe und Schnallen ertasten.

Ihre erste Nesteldecke nähte Kathi Schurig 2014 für ihre demenzkranke Oma. „Sie hat die Decke immer auf dem Schoß gehabt und gestreichelt. Ich musste darum betteln, dass ich sie mal waschen durfte“, erinnert sich die Sächsin.

Seitdem sind Hunderte von Nes­teldecken im Patchwork-Stil entstanden. Von den An­gehörigen habe sie berührende Rückmeldungen bekommen.

Kathi Schurig engagiert sich in der Pflege. So ist sie seit November vergangenen Jahres in einer Demenz-WG aktiv. „Die Arbeit mit Demenzkranken macht mir unheimlich viel Spaß“, sagt die gelernte Gärtnerin.
Für ihr Hobby hat sie dennoch viel Zeit. Aufgrund einer schweren Erkrankung ist sie seit sieben Jahren voll erwerbsgemindert. Das Nähen habe ihr geholfen, Lebenskrisen durchzustehen.

Bevor sich die Näherin ans Werk macht, lässt sie sich vom Leben des demenzkranken Menschen inspirieren. Wie hat er seine Freizeit verbracht? Was war sein Beruf? So bekam ein ehemaliger Skispringer eine Nesteldecke mit alpinen Motiven. Für einen Banker nähte Kathi Schurig Teile von Krawatte und Hemd sowie einen Geldschein aus Stoff auf.

Wer von der Küste kommt, freut sich über Seemannsmotive wie Leuchtturm, Muschel und Seemannsknoten. Bei Frauen seien gehäkelte Topflappen sowie Geschirrtücher beliebt. Auch Haustiere werden oft nachgefragt.

Auftragsbücher voll

Dass die Nesteldecken-Herstellerin ihre Einzelstücke bis aufs Porto kostenlos verschickt, erscheint angesichts von Do-it-yourself-Plattformen, auf denen im Internet Handarbeiten teuer verkauft werden, unglaublich. Stoffspenden sind allerdings willkommen.

Auch die Presse wurde auf das Engagement der Dresdenerin aufmerksam. Seitdem das Magazin Senioren-­Ratgeber über sie berichtet hat, ist ihr Auftragsbuch übervoll. „Ich habe so viele Anfragen bekommen. Das war überwältigend. Aber das schaffe ich jetzt nicht mehr allein.“ Deshalb ist die 51-Jährige auf der Suche nach Mitnäherinnen. „Es wäre schön, wenn noch viel mehr Frauen mitmachen. Ich gebe gern Tipps und Nähanleitungen raus“, verspricht Kathi Schurig.

Elisabeth Antritter

Interessierte können sich hier melden: https://kathis-nesteldecken.jimdofree.com

Schlagworte Demenz | Engagement | Erwerbsminderung

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