7. Februar 2022
GESUNDHEIT

Wie gefährlich ist die Freigabe von Cannabis?

Die Regierung will die Droge legalisieren – Jugendschutz und Präventionsangebote sollen erweitert werden

Das Bild zeigt mehrere Cannabis-Blätter.
© Erin_Hinterland von Pixabay

Nach jahrelangen Diskussionen über eine Cannabis-Legalisierung plant die Regierung nun eine kontrollierte Abgabe an Erwachsene. Kritiker weisen auf die besonderen Risiken für jugendliche Konsumentinnen und Konsumenten hin. Für Suchtmediziner Derik Hermann überwiegen die Vorteile einer Freigabe.

Die Gefahren des Cannabis-­Konsums sind in der Capris-Studie („Cannabis: Potenzial und Risiken“) des Bundesgesundheitsministeriums gut untersucht. Dort heißt es, dass Cannabis-Nutzerinnen und -Nutzer ein höheres Risiko haben, an Psychosen und Angststörungen zu erkranken. Besonders gefährdet seien Jugendliche.
Demnach entwickeln rund neun Prozent der regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten eine Abhängigkeit. Darauf berufen sich auch die kinder- und jugendpsy­chiatrischen Fachgesellschaften und Verbände: „Die Legalisierung verharmlost die gesundheitlichen Gefahren und Langzeiteffekte des Cannabis-Konsums“, heißt es in einem gemein­samen öffentlichen Appell.

Derik Hermann, Professor für Psychiatrie an der Universität Heidelberg, nimmt diese Bedenken sehr ernst. Das Verbot habe aber den Anstieg des Cannabis-Konsums in den vergangenen zehn Jahren nicht verhindern können, sagt er. „Es ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge, die auf dem Schwarzmarkt leicht erhältlich ist. Mehr als die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen gibt laut einer Studie an, Cannabis leicht innerhalb von 24 Stunden besorgen zu können.“ Die Kriminalisierung habe ihre Wirkung verfehlt, sagt der Mediziner und kommt zu dem Schluss: „Sozial­arbeiter und Psychologen schaffen es besser, eine Verhaltensveränderung herbeizuführen als das Justizsystem.“ Im Zuge einer Legalisierung sei deshalb wichtig, Prävention, Jugendschutz, Suchtberatung und Behandlungsangebote zu erweitern.

Auf die Frage, ob Cannabis schädlicher als Alkohol sei, weist Hermann auf Zahlen des Statistischen Bundesamts zu Krankenhauseinweisungen hin. Demnach war Alkoholmissbrauch 2016 dritthäufigster Grund für eine Behandlung: 234 785 Männer und 87 820 Frauen waren betroffen. Wegen Cannabis-Missbrauchs wurden im gleichen Jahr 15 895 Männer und 3991 Frauen im ­Krankenhaus versorgt. Ebenso wie Cannabis könne auch Alkohol süchtig machen und Depressionen oder Angsterkrankungen auslösen. Alkoholmissbrauch sei außerdem häufig Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs: Analysen gehen von jährlich etwa 74 000 Todesfällen durch Alkoholkonsum allein oder bedingt durch den gemeinsamen Konsum mit Tabak aus. „Alkohol ist deutlich gesundheitsgefährdender als Cannabis“, so der Sucht­mediziner.

Die Entstehung eines unkontrollierten Cannabis-Schwarzmarkts hat dazu geführt, dass Dealer gesundheitsschäd­liche Substanzen wie Blei beimengen, auch Rückstände von Pestiziden finden sich in dem illegal verkauften Cannabis. „Für eine Legalisierung ist Voraussetzung, dass die Abgabe – so wie geplant – nur unter strengen Auflagen und nur an Erwachsene erfolgt“, sagt Hermann.

Wichtige Vorgaben seien die Festlegung eines maximalen Werts des rauschbewirkenden Bestandteils THC, die kontrollierte Abgabe in zertifizierten Stellen wie Apotheken und die strenge Prüfung von in Deutschland angebauten Hanfpflanzen zur Gewinnung der Droge. „Bei einer Legalisierung muss das Ziel sein, den Cannabis-­Konsum so gering wie möglich zu halten und über die Gefahren offen zu sprechen“, sagt Hermann.

Jörg Ciszewski

MEDIZINISCHES CANNABIS
Die Droge gilt in Deutschland bislang als illegales Suchtmittel. Es ist verboten, Cannabis zu besitzen, anzubauen oder damit zu handeln. Eine rechtliche Ausnahme bildet medizinisches Cannabis. Seit März 2017 dürfen Ärzte schwerkranken Patienten Can­nabis verordnen. Dabei geht es um getrocknete Blüten oder das Extrakt der Pflanze sowie can­nabishaltige Fertigarzneimittel aus der Apotheke. Wenn die Krankenkasse der Verordnung zustimmt, übernimmt sie die Kosten der Therapie.

So hilft der VdK: Therapie mit dem Cannabis-Präparat Dronabinol erreicht

VdK-Mitglied Hildtraud Tappert ist in Folge einer Atemwegserkrankung auf Sauerstoffzufuhr angewiesen, leidet an chronischen Schmerzen, an Appetitlosigkeit und Auszehrung. In einem Klageverfahren konnte der Sozialverband VdK eine Therapie mit dem Cannabis-Präparat Dronabinol durchsetzen, dem einzigen Medikament, das der 77-Jährigen bisher helfen konnte.

Schlagworte Cannabis | Alkohol

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