Statistiken der Arbeitsagentur zeigen: Die Arbeitslosenquote ist unter Menschen mit Schwerbehinderung besonders hoch. Trotz Beschäftigungsquoten und Ausgleichsabgaben stellen noch zu wenige Firmen in Deutschland schwerbehinderte Beschäftigte ein. Das gemeinnützige Projekt „Inklupreneur“ hat sich auf die Fahnen geschrieben, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung und Unternehmen zusammenzubringen. Der Name „Inklupreneur“ setzt sich übrigens aus den Worten „Inklusion“ und „Entrepreneur“ (Unternehmer) zusammen.
Auf den ersten Blick sieht man Madita Bunzel ihre Schwerbehinderung nicht an. Seit ihrer Kindheit leidet die 30-Jährige an einer schweren und chronischen Form der Migräne, einer neurologischen Schmerzerkrankung. Sie hat daher einen Schwerbehindertenstatus. Heute arbeitet die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation an einem für sie passenden Arbeitsplatz – das war nicht immer so.
Ihr derzeitiger Arbeitgeber wurde im Rahmen des Projekts „Inklupreneur“ geschult, sich bei Bewerbungsprozessen und im Büroalltag besser auf die Bedürfnisse von schwerbehinderten Arbeitnehmerinnen und -nehmer einzustellen. Die Behinderung von Madita Bunzel führte häufig zu Unverständnis bei ihrem vorherigen Arbeitgeber, einer Stadtverwaltung in Nordrhein-Westfalen. „Die haben mich und meine Behinderung wenig ernst genommen. ‚Ach, die hat schon wieder ein bisschen Kopfschmerzen‘“, so erinnert sie sich an die unsensible Bemerkung ihres Vorgesetzten. Dazu waren das Arbeiten in einem Großraumbüro und die vielen Kundenkontakte für sie nicht die ideale Arbeitsumgebung. Bunzel wusste, dass sie in ihrem Arbeitsleben etwas ändern musste, und wagte einen Neuanfang. Sie bewarb sich bei dem gemeinnützigen Unternehmen „Rheinflanke“ in Köln, überzeugte im Vorstellungsgespräch und ist seit Juni dieses Jahres bei dem Projektträger für Jugend- und Bildungsarbeit angestellt.
„Endlich fühle ich mich angenommen“, beschreibt sie ihre neue Arbeit. Schon bei der Stellenanzeige war klar, dass das Kölner Unternehmen auch um Menschen mit Behinderung wirbt. Im Bewerbungsprozess ging sie daher offen mit ihrer Behinderung um. Bei ihrem neuen Arbeitgeber haben sie das offene Gesprächsklima und das soziale Miteinander unter den Kolleginnen und Kollegen überzeugt, so die Kölnerin.
Dass ihr Arbeitgeber „Rheinflanke“ für Menschen mit Behinderung offen ist, ist kein Zufall. Das Unternehmen wurde 2021 über mehrere Monate im Rahmen des gemeinnützigen Projekts „Inklupreneur“ trainiert. Personalverantwortliche wurden geschult, um Menschen mit körperlicher oder psychischer Behinderung am Arbeitsplatz besser integrieren zu können.
„Fehlendes Verständnis – das ist ein häufiger Grund, warum es gerade Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen so schwer am Arbeitsmarkt haben“, sagt Janna C. Stark, Mentorin bei „Inklupreneur“. Die 56-Jährige aus Ingelheim – selbst aufgrund einer psychischen Erkrankung schwerbehindert – sensibilisiert Unternehmen im Umgang mit psychisch behinderten Bewerberinnen und Bewerbern. Beispielsweise vermittelt sie Personalverantwortlichen, wie in einer wertschätzenden und vertrauenserweckenden Atmosphäre in Vorstellungsgesprächen über psychische Erkrankungen gesprochen werden kann.
Das Projekt wendet sich an Unternehmen aus der Start-up-Szene. Aber auch etablierte Unternehmen oder gemeinnützige Einrichtungen werden beraten.
Auf der „Inklupreneur“-Webseite (https://inklupreneur.de) findet sich auch ein Stellenmarkt für Arbeit suchende Menschen mit Behinderung. Alle dort vertretenen Firmen wurden im Rahmen des Projekts geschult. Die regionalen Schwerpunkte liegen hierbei in Bremen und Berlin, aber auch Arbeitsplätze im Homeoffice oder in anderen Regionen werden aufgeführt.
Janna C. Stark beschreibt ihre eigene Aufgabe, beim „Inklupreneur“-Projekt ihre eigenen Erfahrungen weitergeben zu können, als „heilsam“. Sie weiß, dass „Inklupreneur“ und ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Teilhabe leisten: „Wir unterstützen Menschen dabei, einen Arbeitsplatz zu finden, an dem sie ihre Stärken und Potenziale nutzen können, statt auf ihre Behinderung reduziert zu werden.“
Julia Frediani