Sozialverband VdK Deutschland e.V.
29. Juni 2022
BEHINDERUNG

Die Schattenseiten des 9-Euro-Tickets

Überfüllte Züge erschweren Reisen für Menschen mit Behinderungen

Für neun Euro im Monat einen Sommer lang den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen – dieses Angebot lockt. Allerdings zum Nachteil von mobilitätseingeschränkten Menschen.

Eine Hand hält ein 9-Euro-Ticket, im Hintergrund steht eine Bahn
© IMAGO / Sven Simon

Die Bundesregierung wertet es als Erfolg: Bis Mitte Juni waren bereits 16 Millionen 9-Euro-­Tickets verkauft. Mehr Menschen verzichten aufs Auto und nutzen den ÖPNV.

Doch Menschen mit Behinderungen, aber auch Ältere mit Gehhilfen oder Eltern mit Kinderwagen haben das Nachsehen. Denn Züge und Bahnen im Regional- und Nahverkehr sind vielfach hoffnungslos überfüllt, Sitz- und teilweise Stehplätze nicht mehr zu bekommen. Außerdem seien Bahnen in Stoßzeiten ohnehin überfüllt, was den Pendlerverkehr besonders schwierig gestaltet, kritisiert VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Sie fordert schnelle Nachbesserungen im Nahverkehr: Neben der Erhöhung der Fahrtakte müsse es mehr Stell- und Sitzplätze für mobilitätseingeschränkte Menschen geben. Gebraucht werden mehr Rampen, Aufzüge und zusätzliches Personal.

„Alle, die wollen, müssen das Ticket auch nutzen können. Es kann nicht sein, dass eigentlich attraktive Mobilitätsangebote zu Lasten derer gehen, die besondere Unterstützung benötigen“, stellt VdK-Präsidentin Bentele klar.

Einer Umfrage zufolge bewerten 43 Prozent der Bundesbürger die Einführung des 9-Euro-Tickets als positiv. In dünner besiedelten Regionen wie Mecklenburgischen Seenplatte und Ostfriesland sei die Ablehnung des Tickets größer, so heißt es in der Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Civey unter 10.000 Bürgerinnen und Bürgern durchführte. In urbanen Regionen wie dem Ruhrgebiet oder Berlin hingegen erfahre das Angebot deutliche Zustimmungswerte von über 50 Prozent der Befragten.

Die 9-Euro-Tickets gibt es noch in den Monaten Juli und August. Sie sind bei den bekannten Verkaufsstellen der Nahverkehrsanbieter oder über die Deutsche Bahn erhältlich. Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen fordern bereits eine Verlängerung des Angebots über den Sommer hinaus.

Julia Frediani


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