Sozialverband VdK Deutschland e.V.
29. Juni 2022
BEHINDERUNG

Reisen mit Behinderung: Und plötzlich waren da doch Stufen

Reisende mit Mobilitätseinschränkung sollten sich vorab informieren, ob die Unterkunft wirklich barrierefrei ist

Wer im Urlaub auf Barrierefreiheit angewiesen ist, muss oft feststellen, dass diese schwer zu finden ist. Selbst Hotels, die damit werben, halten oft nicht, was sie versprechen. Doch es gibt verlässliche Kriterien, die bei der Suche helfen.

© VdK

Sie hatten sich so auf das Familientreffen gefreut. Seit 17 Jahren pflegt Ute Wölls*, 60, nun schon ihren linksseitig gelähmten Mann Frank (Name von der Redaktion geändert), 59, im bayerischen Dingolfing. Eine geplante Feier in Baden-Württemberg war ein Lichtblick im Pflegealltag der beiden. Ute Wölls hatte schon lange im Voraus eine Pension gebucht, die mit Barrierefreiheit warb.

Dort rief sie auch an, um zu erfahren, was genau die Gastgeber darunter verstehen. Ein paar Stufen gäbe es zwar, hieß es, aber da könne man helfen. „Letztendlich waren es acht Stufen“, so Wölls. „Wie soll mein Mann, der 1,87 Meter groß ist, da hochkommen?“ Für eine Stufe könne sie den Rollstuhl kippen, aber nicht bei weiteren Steigungen und Stufen. Die Vermieterin meinte darauf nur, bei einem anderen Gast im Rollstuhl habe es auch geklappt – allerdings war das ein Kind.

„Die Ahnungslosigkeit vieler Anbieter ist extrem frustrierend“, so Wölls. Ein Waschbecken mit einem Unterschrank könne ihr Mann nunmal nicht unterfahren, um sich selbst den Oberkörper zu waschen. „Das heißt, ich muss das tun. Wo bleibt da meine Entlastung im Urlaub?“

Geprüft und zertifiziert

Breitere Türen und schwellenlose Räume allein reichen nicht aus, damit eine Unterkunft barrierefrei ist. Aber genau damit werben viele Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen und Gaststätten. Viel zu oft ist auf diese Selbstauskunft kein Verlass. Denn der Begriff Barrierefreiheit ist zwar gesetzlich definiert, aber nicht geschützt. Was also können Reisewillige tun, um sicher zu gehen, dass die Urlaubsunterkunft die Kriterien erfüllt, die für sie wichtig sind?

Ute Wölls verlässt sich bei der Reiseplanung nicht allein auf das Internet. Sie ruft stets vorher noch einmal im Hotel an und vergewissert sich: „Ich bin schon zu oft negativ überrascht worden.“ Doch bei der Pension damals hat das nicht ausgereicht. VdK-Expertin Annerose Hintzke empfiehlt daher, nach Unterkünften zu suchen, die zertifiziert sind. Barrierefrei geprüft sind beispielsweise die mehr als 40 Hotels, die sich im zertifizierten Embrace-Verbund zusammengeschlossen haben (www.embrace-hotels.de). Dazu gehört auch das Allgäu Art Hotel in Kempten. „Ein Beispiel für einen gelungenen Brückenschlag zwischen optimaler Barrierefreiheit und einem zeitgemäßen Design für alle Reisenden“, sagt die VdK-Referentin für Barrierefreiheit.

Die Embrace-Hotels sind nach dem bisher deutschlandweit einzigartigen Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ zertifiziert. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bundesverband) ist aktiv am Kooperationsprojekt „Reisen für Alle“ beteiligt, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert wird und mittlerweile in allen 16 Bundesländern eingeführt ist. Geschulte unabhängige Experten prüfen Hotellerie und Gastronomie anhand einheitlicher Kriterien auf ihre Barrierefreiheit.

Qualität und Komfort

Rund 2500 geprüfte Urlaubs- und Ausflugsziele listet die Webseite www.reisen-fuer-alle.de auf, einschließlich Maßen von Zimmern, Fluren und Bädern, Leitsystemen, Beschilderungen und Hilfsmitteln. Das Scandic Hotel Potsdamer Platz in Berlin tut dies auf seiner Webseite besonders ausführlich. Details wie absenkbare Tresen, Hörschleifen, Brailleschrift im Fahrstuhl und spezielle Steckdosen für Atemgeräte gehören dazu. Die Gäste sollen ihren Aufenthalt so selbstständig wie möglich gestalten können.

Barrierefreiheit als Qualitäts- und Komfortmerkmal ist nicht selbstverständlich. Zwar gebe es zunehmend Angebote, die als barrierefrei zertifiziert sind, sagt Annerose Hintzke. Doch es machen noch zu wenige Häuser mit. „Es ist immer noch nicht schick, barrierefrei zu sein, obwohl alle Reisenden davon profitieren.“

Hintzke fordert, dass Unterkünfte, aber auch Restaurants verpflichtet werden, sich durch das Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ zertifizieren zu lassen. Auch das Chaos mit Begriffen wie „behindertengerecht“ und „rollstuhlgeeignet“ wäre damit erledigt. Das würde künftig auch Ute Wölls und ihrem Mann helfen. Für dieses Jahr planen sie eine Reise ins Allgäu: in eine zertifizierte barrierefreie Unterkunft.

Sabine Kohls

Was bei Barrierefreiheit zu beachten ist

Touristen mit Behinderungen oder Mobilitätseinschränkungen brauchen verlässliche und bundeseinheitliche Standards in Hotellerie und Gastronomie.

Der Sozialverband VdK hat sich daher bereits 2005 mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bundesverband) und dem Hotelverband Deutschland auf entsprechende Angebote verständigt. Weitere Behindertenverbände schlossen sich an. Die Partner einigten sich auf Qualitätskategorien für Barrierefreiheit, für die jeweils ein eigenes Symbol steht. Das bundesweite Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ basiert darauf ­(www.reisen-fuer-alle.de). So steht das Kennzeichen „Information zur Barrierefreiheit“ für detaillierte und geprüfte Informationen zur Barrierefreiheit für alle Personengruppen.

Darüber hinaus gibt es die beiden zertifizierten Qualitätsstufen „teilweise barrierefrei“ und „vollständig barrierefrei“. Sie beziehen sich auf sieben verschiedene Zielgruppen: Menschen mit Gehbehinderung, Rollstuhlfahrer, Menschen mit Hörbehinderung, gehörlose Menschen, Menschen mit Sehbehinderung, blinde Menschen und ­Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen.


„Morgen zieh ich ein“ – Das Haus ohne Barrieren

Für Theresa Hilmer wird ein Traum wahr: Mit Anfang 30 zieht sie in ihre erste eigene Wohnung ein. Einfach war das nicht, denn zunächst musste umfassende Barrierefreiheit umgesetzt werden. Dafür engagiert sich der VdK schon lange.