Sozialverband VdK Deutschland e.V.
21. September 2021
BEHINDERUNG

Mit Pfeife, Hörgerät und klarem Stil

VdK-Mitglied David Becker überzeugt als gehörloser Schiedsrichter in Oberbayern und international

Das Bild zeigt ein Fußballfeld, Schiedrichter David Becker und die zwei Mannschaftskapitäne bei der Platzwahl.
© Sebastian Heise

Der 35-jährige David Becker hat seit seiner Geburt nur eine minimale Hörkraft. Das hält ihn aber nicht davon ab, seiner Leidenschaft als Schiedsrichter nachzugehen. Damit er dieses anspruchsvolle Hobby ausüben kann, setzte sich auch der Sozialverband VdK Bayern für ihn ein.

Als David Becker die Gelbe Karte zückt und einem Abwehrspieler der Heimmannschaft zeigt, protestieren die Mitspieler. Auch unter den etwa 180 Zuschauerinnen und Zuschauern wird es laut. Doch mit einer deutlichen Armbewegung und einer kurzen Ansprache macht der Schiedsrichter klar, dass es keine Diskussion gibt. Schnell hat sich die Situation wieder beruhigt, und das Kreisklassenspiel zwischen dem ASV Eglfing und dem ASV Antdorf geht ohne besondere Vorkommnisse zu Ende.

2:0 gewinnt Eglfing. Antdorf bekommt drei Gelbe Karten und Eglfing zwei. Becker hat das Spiel souverän geleitet und kein Zuschauer, der es nicht weiß, hat mitbekommen, dass er fast nichts hört und nur dank seines Hör­geräts die Spieler versteht.

„Da höre ich genau hin“

Seit fünf Jahren pfeift Becker Fußballspiele. Sascha Terbeck vom Trainerstab des DJK Penzberg, der das Kreisklassenspiel verfolgt, hat ihn schon ein paarmal als Schiedsrichter erlebt und lobt dessen „klaren Stil“. Becker habe seine eigene Art zu pfeifen, und er könne sich immer durchsetzen. Außerdem „lässt er sich auch nicht aus der Ruhe bringen“, fügt Terbeck hinzu.

Durch seine Hörbehinderung versteht David Becker natürlich nicht alles, was zum Teil auch ein kleiner Vorteil ist, wie er selbst sagt: „Ich muss mir nicht anhören, wenn die Zuschauer mich beschimpfen.“ Bei Spielern und Team­offiziellen höre er „aber ganz genau hin“, betont er. „Viele unterschätzen, dass ich durch meine Hörgeräte vieles mitbekomme. Da gibt es dann schon mal eine Rote Karte von mir.“
2016 erfuhr David Becker von einem speziellen Angebot des Bayerischen Fußballverbands für einen Schiedsrichter-Anwärterlehrgang für Gehörlose in Oberhaching. Daran nahm er mit Erfolg teil. Seitdem engagiert er sich als Fußball-Referee. „Die Spielleitung zu übernehmen, bedeutet für mich eine große Verantwortung, und jedes Spiel ist immer eine Herausforderung“, sagt er. Aber dies stärke sein Selbstbewusstsein.

David Becker, der beruflich als Techniker und Fachkraft für Arbeitssicherheit im Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See arbeitet, pfeift Herrenspiele bis hoch zur Kreisliga. Bei den Gehörlosen ist er sogar international aktiv. So war er zum Beispiel bei der „Futsal-Champions-League der Gehörlosen“ im italienischen Vigevano im Einsatz, und er hofft auf Einsätze bei Welt- und Europameisterschaften der Gehörlosen.

Er schätzt es, in die bayerischen Dörfer zu fahren. Vor der Corona-­Pandemie war er in einer Saison rund 6000 Kilometer mit dem Auto zu Fußballspielen gefahren. „Oft bin ich überrascht, dass es so viele schöne Ecken gibt.“ Nach dem Spiel bekommt er meistens ein Essen vom Heimklub. Manchmal reist er auch mit dem Zug oder Flugzeug zu nationalen und internationalen Spielen an.

Um seiner Leidenschaft nachgehen zu können, half ihm auch die VdK-Kreisgeschäftsstelle Bad Tölz-Wolfratshausen-Miesbach. Konkret ging es um Schiedsrichter-Lehrgänge, an denen David Becker regelmäßig teilnehmen muss. Der Bezirk Oberbayern verweigerte zunächst die Kostenübernahme für einen Gebärdensprachdolmetscher für diese Fortbildungen. Im Widerspruchsverfahren konnte VdK-Sozialrechtsberaterin Sabine Leitner erreichen, dass der Bezirk doch zahlt.

Lauf- und Krafttraining

Auf dem Fußballfeld kommt David Becker bestens ohne fremde Unterstützung aus. Dabei hilft ihm auch seine Erfahrung als früherer Fußballer, unter anderem bei den Gehörlosen-Sportvereinen von Heidelberg und Augsburg. Heute kickt er nur noch gelegentlich selbst. Dafür trainiert er umso mehr: Ein- bis zweimal pro Woche läuft er Strecken von fünf bis zehn Kilometern und macht viel Krafttraining. So bleibt David Becker als Schiedsrichter immer auf Ballhöhe.

Sebastian Heise