3. März 2021
BEHINDERUNG

Wie ein junger Mann sein Leben mit einer Behinderung meistert

„Ich mag alle, genauso wie sie sind“

Als der sechsjährige Nick vor der Tür seiner zukünftigen Pflegeeltern Heike und Torsten Hellmann steht, ist er ein traumatisiertes, verängstigtes und abgemagertes Kind. Inzwischen ist er ein junger Mann und träumt davon, als Betreuungskraft in der Pro-Seniorenresidenz Posthof in Göttingen zu arbeiten.

Das Gruppenfoto zeigt Nick und seine Pflegefamilie, außerdem das Team von der Aktion Kindertraum
Nick (vorn rechts) mit seinen Pflegeeltern Heike und Torsten Hellmann (links daneben) bei der Übergabe seiner Spende an das Team von der „Aktion Kindertaum“. | © privat

Nick hat einen langen Weg hinter sich. Als Kind wurde er misshandelt. Er hat viel Schlimmes erlebt, aber mit seinen Pflegeeltern auch viel Gutes. Das hat dazu beigetragen, dass aus dem Jungen ein warmherziger, empathischer und engagierter 20-Jähriger geworden ist. Schach spielt er leidenschaftlich gern und Klavier. Er hat einen GdB von 80 mit den Merkzeichen G, H und B sowie Legasthenie.

Nicht in Watte gepackt

In der Montessori-Schule war er ein Kind wie jedes andere. „Ich war Nick, nicht der behinderte Nick“, sagt er. „Das war ganz groß für ihn“, meint seine Pflegemutter. „Er wurde nicht in Watte gepackt, sondern gefordert.“ Für die Hellmanns ist der Besuch einer Werkstatt nie infrage gekommen. Zu viel Schubladendenken gebe es, finden sie. „Es steht viel Gutes auf dem Papier, aber oft scheitert die Umsetzung.“

Nach der Schule begann Nick ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem Tierheim. Hier wurde er wegen seiner Behinderung gemobbt. Nach sechs Monaten rieten ihm sein Arzt und sein Therapeut, vorzeitig aufzuhören. Für den jungen Mann war das eine Katastrophe. „Nach dem Zusammenbruch hatten wir schlimme Monate“, sagt Heike Hellmann. Es kostete viel Geduld und Kraft, ihren Pflegesohn von einem Praktikum im Posthof zu überzeugen. Das lief so gut, dass man ihm ein FSJ anbot.

Das Foto zeigt Nick draußen im Grünen
Der 20-jährige Nick lässt sich aktuell zur Betreuungskraft weiterbilden - nicht ganz leicht in der Corona-Krise. | © privat

Für Natascha Dimond, stellvertretende Leiterin des sozio-kulturellen Dienstes im Posthof, ist Nick ein Mitarbeiter und Teamkollege wie jeder andere. „Nick spürt, wenn es den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht gut geht, und was sie brauchen“, sagt sie. „Als Betreuungskraft tut er das, was sonst die Angehörigen tun. Er ist Familienersatz.“ Mit den Bewohnern geht er spazieren, spielt mit ihnen, sie schauen Fotos an, er unterstützt sie beim Einkaufen oder Aufräumen. Und er erzählt ihnen von der Welt draußen. Einen Lieblingsbewohner hat er nicht. „Ich mag alle genauso, wie sie sind“, sagt er.

Im Pflegealltag mussten sie manches vereinfachen und ihrem Kollegen die Zeit geben, die er braucht. Heike Hellmann war immer ansprechbar, um mögliche Schwierigkeiten auszuräumen. Nick sagt selbst, dass er den Wochenplan nicht gut lesen kann. Für die Dokumentation seiner Tätigkeit fand sich eine einfache Lösung: Auf einem Zettel kreuzt er von mehreren Optionen eine an und schreibt den Namen des Bewohners dazu. Damit kommt er gut zurecht. Schwierig kann es werden, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Dann ist es wichtig, ihrem Mitarbeiter überschaubare Aufgaben zuzuteilen, die er bewältigen kann, sagt Natascha Dimond.

„Ich bin unendlich dankbar, dass man mir diesen Platz gegeben hat. Es war für die Mitarbeiter dort eine Herausforderung. Das weiß ich“, sagt Nick. Und seine Pflegemutter fügt hinzu: „Sie haben ihm die Menschen anvertraut. Er strahlt, wenn er aus dem Haus geht, und er strahlt, wenn er zurückkommt. Was sie ihm gegeben und zu seiner Entwicklung beigetragen haben, ist unschätzbar.“ Wenn Nick könnte, würde er dem Posthof einen Inklusionspreis verleihen.

VdK-Mitglied geworden

Zu seinem 18. Geburtstag hat Nick 500 Euro gesammelt, die er der „Aktion Kindertraum“ spendet. Von dem Geld erhielt ein Junge ein Piano. Und nachdem der 20-Jährige endlich seine Opferrente nach dem Opferentschädigungsgesetz bekam, wurde er Mitglied im VdK. Seitdem lesen er und seine Herzensmama Heike gemeinsam die VdK-Zeitung.

Er lässt sich zur Betreuungskraft weiterbilden. Die Corona-Pandemie verzögert alles, der Erste-Hilfe-Schein fehlt ihm noch. Nick wünscht sich sehr, irgendwann fest angestellt im Posthof arbeiten zu dürfen.

Kristin Enge

Schlagworte Behinderung | Familie | Freiwilliges Soziales Jahr | Inklusion | Beruf | Legasthenie

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Zu wenig Erwerbsminderungsrente?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.