23. Juni 2016
BEHINDERUNG

Übergriff aus dem Nichts: So können sich Menschen mit Behinderung wehren

Menschen, die nicht sehen, nicht hören oder nicht laufen können, sind für Kriminelle oft leichte Opfer. Doch mit einigen Tricks können sie sich vor Übergriffen schützen. Schwerbehinderte werden allerdings auch nicht häufiger überfallen als Menschen ohne Behinderung.

Szene aus einem Selbstverteidigungskurs: Eine Frau im Rollstuhl setzt sich gegen einen Angreifer zur Wehr
Auch Menschen mit Behinderung können sich gegen Angriffe zur Wehr setzen. Hier eine gestellte Situation aus einem Selbstverteidigungskurs für Ältere anlässlich der VdK-Bundesfrauenkonferenz 2013. | © Liebeck

Ein blinder Fahrgast steht auf dem U-Bahnsteig. Es herrscht reges Treiben. Der Mann hört von überall Stimmen und Geräusche. Sein Rucksack ist offen. In Sekundenschnelle greift jemand hinein und schnappt seinen Geldbeutel. Bis er begreift, dass er bestohlen wurde, ist der Dieb spurlos verschwunden.

Zum Glück passiert so etwas nicht ständig, aber es ist ein typischer Fall, wie ihn Kriminalhauptkommissar Arno Helfrich vom Polizeipräsidium München kennt. Er ist Leiter des Kommissariats für Prävention und Opferschutz und hält in dieser Funktion regelmäßig Vorträge zum Thema Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung.

In der geschilderten Szene „macht Gelegenheit Diebe“, erklärt Helfrich. Der Verbrecher nutzt die Situation, in der Masse der Menschen nicht aufzufallen. Der Kriminalkommissar betont, dass Schwerbehinderte nicht häufiger Opfer von Verbrechen werden als andere. Sie sollten sich aber zum eigenen Schutz streng an bestimmte Regeln halten. Blinde zum Beispiel können einen Menschen, der sich nähert, schlecht einschätzen, „da sie nicht in das Gesicht des Gegenübers blicken können“, erläutert Helfrich.

Der Kriminalkommissar empfiehlt jedem, auch Menschen ohne Behinderung, seine Wertsachen sicher am Körper aufzubewahren, am besten in einer Tasche, die nach vorne zeigt, verschlossen ist und fest um Schulter und Arm hängt.

Wenn jemand bedrängt wird, gibt es ein paar einfache Regeln. „Sofort laut werden, um Hilfe schreien“, sagt Helfrich. Jemand, der nicht sprechen kann, sollte mit starken Gesten wie Armbewegungen auf sich aufmerksam machen. Außerdem empfiehlt der Experte, einen Taschenalarm bei sich zu haben. Im Notfall kann man diesen einschalten. Der schrille Ton reicht oft aus, um den Täter in die Flucht zu schlagen. Daneben sollte man den Notruf am Smartphone betätigen, der mit einem Tastendruck möglich ist. Das Handy wird geortet, und wenn die Polizei niemanden hört, wird eine Streife vorbeigeschickt. Im Notfall kann man sich auch mit einem Fußtritt oder einem Schlag mit der flachen Hand auf die Nase des Gegners wehren.

Wenn andere Menschen in der Umgebung merken, dass jemand mit einer Behinderung belästigt wird, sollten diese nicht den Täter, sondern das Opfer ansprechen und sagen: „Kann ich Ihnen helfen?“ Dann geht man nicht auf Konfrontation mit dem Angreifer und entschärft meistens die Gefahr.

Gefahr an der Haustür

Wenn es an der Haus- oder Wohnungstür klingelt, sollte man immer skeptisch sein. Kennt man beispielsweise einen Postboten nicht, sollte man diesen bitten, das Paket vor der Tür abzulegen, rät Helfrich. Einen Handwerker, der unangemeldet kommt, darf man keinesfalls in die Wohnung lassen. Diesen sollte man über die Sprechanlage nach dem Namen fragen und dann wegschicken mit dem Hinweis: „Ich muss erst bei der Hausverwaltung nachfragen.“

„Menschen mit Behinderung brauchen keine Angst vor Gewalt haben“, sagt Helfrich. „Jeder kann sich schützen!“

Infos zu Gewaltprävention: Telefon (07 11) 54 01-20 62; www.polizei-beratung.de. In Notfällen immer 110 oder 112 wählen.


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Schlagworte Gewalt | Behinderung | Sicherheit | Tipps | Selbstverteidigung | Schutz

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