23. Juni 2016
BEHINDERUNG

„Komfort für alle Menschen“ - Barrierefreiheit als Maßstab beim Planen und Bauen

Nicht nur Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, profitieren von barrierefreien Arztpraxen, Bürgerämtern und Geschäften. Dr. Markus Rebstock vom Institut „Verkehr und Raum“ an der Erfurter Fachhochschule weiß, wo es Handlungsbedarf gibt.

VdK-Zeitung: Wo sehen Sie die größten Baustellen auf dem Weg zu einer barrierefreien Infrastruktur?

Portraitfoto Dr. Markus Rebstock
Dr. Markus Rebstock, Institut "Verkehr und Raum" | © privat

Dr. Markus Rebstock: Da fallen mir einige ein, die meisten aber im privaten Bereich. Jeder braucht sich doch nur einmal in seinem Ort umschauen, wie wenige Gaststätten und Geschäfte in die Kategorie „weitgehend barrierefrei“ eingeordnet werden können. Größere Ladenketten sind in punkto Barrierefreiheit oft schon weiter als kleinere Geschäfte. Hier ist der Umbau meist eine Geldfrage. Beim Neubau hingegen macht die Herstellung von Barrierefreiheit gerade einmal zwei bis drei Prozent der Bausumme aus. Daneben spielen aber auch die Besitzverhältnisse eine Rolle. Es kommt vor, dass Mieter offen für Maßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit sind, der Vermieter aber nicht dazu bereit ist.

VdK-Zeitung: Wie sieht es beim Wohnungsbau aus?

Rebstock: In den meisten Listen der Technischen Baubestimmungen, die auf Grundlage der Bauordnungen der Bundesländer öffentlich bekannt gemacht werden, wurden diejenigen Teile der Norm, die das rollstuhlgerechte Bauen regeln, von der Einführung ausgenommen. Ich halte es für dringend erforderlich, den Wohnungsbau flexibler zu gestalten. Bauherren sollten verpflichtet werden, mindestens 20 Prozent der Wohnungen so zu bauen, dass auch rollstuhlgerechte Umbauarbeiten mit geringem Aufwand erfolgen können.

VdK-Zeitung: Welche Möglichkeiten haben Menschen mit Behinderung, sich bereits in der Planungsphase von Bauvorhaben einzubringen?

Rebstock: Derzeit wird oftmals lediglich eine formale Anhörung der Interessensvertreter von Menschen mit Behinderung in einem sehr frühen Planungsstadium durchgeführt. Eine fundierte Beurteilung der Barrierefreiheit ist zu diesem Zeitpunkt aber meist nur sehr begrenzt möglich. Zudem besteht dann die Gefahr, dass Planänderungen im Verlauf der Ausführungsplanung oder der baulichen Umsetzung die Barrierefreiheit gefährden. Bewährt hat sich daher über eine formale Anhörung hinaus die Einrichtung von Arbeitsgruppen zur Barrierefreiheit auf kommunaler Ebene. Art und Umfang der Beteiligung sind insbesondere auf kommunaler Ebene auch vom Fachwissen der in der Kommune aktiven ehrenamtlichen Interessensvertreter von Menschen mit Behinderung abhängig.

VdK-Zeitung: Wie lange wird es Ihrer Meinung noch dauern, bis Barrierefreiheit im Planen und Bauen umgesetzt wird?

Rebstock: Das ist sicher eine Generationen-Aufgabe. Im öffentlichen Bereich sind wir ja schon ein gutes Stück vorangekommen. Jetzt muss der private Sektor nachziehen. Die Verpflichtung, barrierefrei zu bauen, sollte in jedem Planungsbüro ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Denn Barrierefreiheit bedeutet Komfort für alle. Leider wird das Prinzip der Barrierefreiheit meist ausschließlich auf Menschen mit Behinderung bezogen, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass barrierefreie Angebote zumindest im öffentlichen Raum für alle Menschen komfortabel sind und ein Qualitätsmerkmal darstellen.

Weg mit den Barrieren!

Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu entscheiden, wo und wie er leben möchte. Davon kann in Deutschland keine Rede sein. Der Mangel an barrierefreiem und altersgerechtem Wohnraum und einem entsprechenden Wohnumfeld ist immens. Wichtige Fördermittel wurden drastisch gekürzt, wirksame Regelungen fehlen.

Der Sozialverband VdK fordert deshalb: Der barrierefreie und altersgerechte Wohnungsbau braucht eine entschiedene Förderung durch den Bund! Die Länder müssen zum zweckgebundenen Einsatz der Mittel verpflichtet werden. Barrierefreiheit muss verbindliche Voraussetzung der Städtebauförderung werden.

Mehr zur aktuellen VdK-Kampagne "Weg mit den Barrieren!" und zu den Forderungen des VdK: www.weg-mit-den-barrieren.de

ikl

Schlagworte Barrierefreiheit | Bauen | Wohnen | Planen | Bauplanung | barrierefrei | Behinderung

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Zu wenig Erwerbsminderungsrente?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.