VdK-ZEITUNG

Wenn das soziale Netz immer kleiner wird

Berechnungen von Silbernetz zufolge sind in Deutschland rund acht Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 99 wenigstens einen Teil ihrer Zeit von Einsamkeit oder Isolation betroffen.

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Einsamkeit wird immer mehr zum gesellschaftlichen Problem und hat Auswirkungen auf viele Lebensbereiche. Seit Jahrtausenden ist Einsamkeit ein Teil des Lebens. Doch nun wird sie mehr und mehr als Problem wahrgenommen. Großbritannien hat deshalb ein Einsamkeitsministerium geschaffen. Hierzulande ist die Bekämpfung der Einsamkeit in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden. Denn die Folgen von Einsamkeit sind nicht zu unterschätzen - nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Da ist der alte Mann, der nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr so mobil ist wie früher. Einen Monat lang hat er nicht mehr gesprochen als ein paar Worte mit der Mitarbeiterin des mobilen Pflegedienstes, die ohnehin wenig Zeit hat. Seine Sorgen und Probleme, die Dinge, die den über 80-Jährigen bewegen, kann er niemandem mitteilen. Da ist die weit über 90-jährige Dame, deren Freundinnen mittlerweile alle gestorben sind. Kinder und Enkel sind nicht greifbar und melden sich nur selten. Die alte Frau hat früher gern über Filme, die sie im Fernsehen gesehen hat, mit ihren Freundinnen gesprochen. Heute hat sie nur noch den Fernseher. Schon vor der Corona-Pandemie war für sie die Situation nicht tragbar.

Junge Menschen stark von Einsamkeit betroffen

Einsam zu sein, ist unter älteren und hochaltrigen Menschen zwar ausgeprägter, weil das soziale Netz altersbedingt immer kleiner wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass Jüngere dieses Gefühl überhaupt nicht kennen. Im Gegenteil: Studien sagen, dass 31 Prozent der Menschen ohne festen Partner zwischen 25 und 34 ihre Lebenssituation als einsam beschreiben. Bei den 16- bis 24-Jährigen fühlen sich sogar 40 Prozent oft oder sehr oft einsam, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Laut einer Befragung des Marktforschungsunternehmens „Splendid Research“ - vor Beginn der Pandemie - fühlt sich mehr als jeder zehnte Deutsche häufig oder ständig einsam. Erstaunlich ist, dass 60 Prozent der Befragten, die häufig einsam sind, angeben, eigentlich immer einen anderen Menschen zu haben, mit dem sie über ihre alltäglichen Probleme sprechen können.

Einsam in der Menge

Einsam können Menschen also auch sein, wenn sie in sozialen Netzwerken und - vor Corona-Zeiten - auf Partys unterwegs sind. Einsamkeit wird als subjektiv erfahrener Zustand definiert, bei dem Menschen eine Diskrepanz zwischen den zwischenmenschlichen Beziehungen fühlen, die sie haben, und denen, die sie sich wünschen. Einsam ist also, wer sich mehr oder tieferen sozialen Kontakt wünscht, den aber aktuell nicht hat. Man kann alleine sein, aber dabei sehr glücklich – oder umgeben von Hunderten und sich trotzdem furchtbar einsam fühlen. Manche Menschen brauchen viele Kontakte, andere fühlen sich schon mit zweien sozial gut eingebunden.

Der Mensch ist von seiner Grundanlage her ein soziales Wesen, das sich zunehmend isoliert. In unserer modernen Gesellschaft ist weniger Platz für gewachsene Gemeinschaften. Daran ändern auch immer mehr Vernetzungen in sozialen Medien nichts. Manchmal scheint es, dass das eigentliche Problem dadurch noch verschärft wird. Wir ziehen öfter um, kennen unsere Nachbarn nicht mehr oder nur flüchtig, leben weit entfernt von unseren Familien. Und wir sind immer beschäftigt, oft in einer virtuellen Welt. Es bleibt also wenig Zeit, Freundschaften im wirklichen Leben zu pflegen oder neue Freunde zu finden. Einsamkeit ist auch ein Tabuthema. Niemand gibt gern zu, sich einsam zu fühlen, weil das als Schwäche oder Unvermögen, soziale Beziehungen zu gestalten, ausgelegt werden könnte.

Einsamkeit so gefährlich wie Rauchen

Die Studie, dass Einsamkeit so gefährlich ist wie 15 Zigaretten am Tag, kennt inzwischen jeder. Betroffenen fehlt das Gefühl, beachtet, wertgeschätzt, gebraucht zu werden. Das führt zu Stress. Der schwächt das Immunsystem, erhöht den Blutdruck, führt zu Schlafproblemen. Und öffnet Krankheiten Tür und Tor. Wer sich einsam fühlt, neigt eher zu einem ungesunden Lebensstil, greift häufiger zu Alkohol, Zigaretten oder Schokolade, vernachlässigt den Sport. Einsamkeit ist zwar keine Diagnose, sie kann aber Ursache und Folge vieler Krankheiten sein.

Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer will genau das belegen: In seinem Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ beschreibt er, welchen Einfluss das Phänomen seiner Ansicht nach auf Körper und Seele haben kann. Seine These: Wer einsam ist, erkrankt häufiger als andere Menschen beispielsweise an Krebs, einem Herzinfarkt, Schlaganfall, an Depressionen oder sogar an Demenz. Spitzer meint, Einsamkeit breite sich in unserer modernen Gesellschaft aus – bereits vor der Pandemie konnte man laut ihm von einem Megatrend sprechen.

Aber warum sind zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt so wichtig? Psychologen erklären das folgendermaßen: Um unser Selbstbewusstsein aufrechtzuerhalten, sind wir auf enge Beziehungen angewiesen. „Freundschaften tun Menschen gut, weil sie etwa Verlässlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit und Verstehen bedeuten“, so Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger. 100 Freunde bei Facebook ersetzten Freunde im wahren Leben nicht. Per E-Mail oder Chat-Nachricht in den sozialen Medien erhalte man nur zehn Prozent der Infos, die man braucht, um andere Menschen wirklich zu verstehen. „Wir müssen die Aura des anderen spüren, ihn sehen, riechen, hören“, so der Psychotherapeut.

Silbernetz - Einfach mal reden


„Einfach mal reden“. So lautet das Credo von „Silbernetz“, dem Projekt, das einsame Menschen mit einem Gesprächsangebot auffängt. Seit März 2020 ist das Angebot bundesweit erreichbar.

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Tel. 0800 4 70 80 90

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