20. Dezember 2018
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Interview: „Ich habe viel mit meinem Vater gelacht“

Moderatorin und Autorin Bettina Tietjen lernte ihren demenzkranken Vater neu kennen

Viele Menschen haben Ängste und fühlen sich hilflos im Umgang mit Demenz. „Deshalb ist es wichtig, offen mit der Erkrankung umzugehen“, sagt Bettina Tietjen. Die bekannte Moderatorin und Autorin ist Botschafterin der Aktion ­„Demenz Partner“ der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. In der VdK-Zeitung spricht Bettina Tietjen über ihre Erfahrungen mit ihrem demenzkranken Vater und erklärt, warum es so wichtig ist, das Thema nicht zu verdrängen.

Das Foto zeigt Schauspielerin und Moderatorin Bettina Tietjen
Moderatorin und Autorin Bettina Tietjen | © imago/Future Image

VdK-Zeitung: Laut aktuellen Umfragen hat jeder Dritte Angst davor, an Demenz zu erkranken. Vor einigen Jahren war es noch jeder Zweite. Wie erklären Sie sich den Rückgang?

Bettina Tietjen: Wir reden über die Krankheit. Es gibt heute viel mehr Informationen, viele Hilfsangebote. Je mehr man über etwas weiß, umso weniger fürchtet man sich davor. Viele haben Erfahrungen mit demenzkranken Angehörigen gemacht und gelernt: Demenz ist nicht das Ende eines Lebens. Man kann auch mit dieser Krankheit weiterleben.

VdK-Zeitung: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie wussten, dass Ihr Vater an Demenz erkrankt ist?

Bettina Tietjen: Es gab noch längst nicht so viel Wissen über die Krankheit. Und erst recht nicht so viele Hilfsangebote wie heute. Wir waren anfangs total überfordert und sind in eine Pflegeberatung gegangen. Das hat uns enorm geholfen.

VdK-Zeitung: Sie haben „unter Tränen gelacht“, schreiben Sie in Ihrem Buch. An welche Begebenheiten erinnern Sie sich noch heute und lachen?

Bettina Tietjen: Da gibt es so einiges. Wie bei vielen Demenzkranken legte auch mein Vater Verhaltensweisen an den Tag, die wir früher nicht von ihm kannten. Am Anfang war mir das oft peinlich, später nicht mehr. Wenn wir im Restaurant waren, saß mein Vater oft am Tisch und rief lauthals „Hunger, Hunger!“. Ein Verhalten, wie man es sonst nur von Kindern kennt. Kam dann die Kellnerin und fragte nach seinen Wünschen, sagte mein Vater: „Danke, ich habe schon gegessen.“ Ich habe sehr viel mit meinem Vater gelacht.

VdK-Zeitung: Öfter gemeinsam lachen, ist das ein Rat, den Sie anderen ­geben?

Bettina Tietjen: Ich kann nur empfehlen: Sucht nicht mehr nach dem Menschen, den ihr kennt, sondern nehmt den an, den ihr jetzt vor euch habt. Demenz verändert Menschen. Und wer das nicht akzeptiert, wird immer hadern, unzufrieden sein und sich ärgern.

VdK-Zeitung: Was haben Sie aus dieser Zeit als Erkenntnis mitgenommen?

Bettina Tietjen: Es gab neben den vielen traurigen und komischen Momenten auch einige, die für mich sehr befreiend waren. Mein Vater war früher ein ernster und kontrollierter Mensch. Die Demenz hat ihn verändert, ihn irgendwie von seinen alten Ängsten und Zwängen befreit. Es tat gut, diesen Wandel mitzuerleben. Vielleicht ist er dann wieder so geworden, wie er als Kind war: ein Clown.

VdK-Zeitung: Haben Sie Angst davor, selbst dement zu werden?

Bettina Tietjen: Nein. Denn ich weiß, was ich tun kann, um Dinge vorab zu klären. Also vorzusorgen, wer für mich entscheiden soll, wenn ich nicht mehr dazu in der Lage sein sollte.

VdK-Zeitung: Was muss sich noch verändern, damit Demenzkranke noch besser versorgt werden?

Bettina Tietjen: Nur drei Prozent der Krankenhäuser sind als „demenzfreundlich“ eingestuft. Das ist ein ganz großes Thema, denn ein Krankenhaus­aufenthalt ist immer eine Belastung. Für Demenzkranke ist es aber oft unzumutbar und hat fatale Auswirkungen. Es müsste viel mehr Austausch zwischen Pflegeheimen und Krankenhäusern geben.

VdK-Zeitung: Ihr Vater hat seine Gedanken oft in Bildern verarbeitet. Wie würden Sie Demenz bildhaft beschreiben?

Bettina Tietjen: Für mich ist das, wie den Kopf voller Konfetti zu haben, bunt, wirr, aber dennoch schön.

Zur Person

Die gebürtige Nordrhein-Westfälin Bettina Tietjen ist Gastgeberin der Freitagabend-­Talkshow „Tietjen und Bommes“. Regelmäßig moderiert sie im NDR Fernsehen die Vorabendsendung „DAS!“ und jeden Sonntag die Radiosendung „Tietjen talkt“ auf NDR 2.

In dem sehr persönlichen Buch „Unter Tränen gelacht“ erzählt die 58-Jährige von der Demenz-Erkrankung ihres Vaters, vom ersten Tüdeln bis zur totalen Orientierungslosigkeit. Seit 2012 ist sie zudem Schirmherrin eines Hamburger Hospizes. Tietjen war bundesweite Botschafterin der dies­jährigen Demenz-Woche ­Ende September. Zudem ist sie Schirmherrin der Alzheimer Gesellschaft Hannover.

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Schlagworte Interview | Bettina Tietjen | Alzheimer | Demenz | Vater

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