28. April 2016
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Ein Waldspaziergang ist wie Medizin

Abschalten und auftanken: Ausflüge im Wald wirken sich positiv auf Herz, Immunsystem und Psyche aus

Ein Waldspaziergang ist viel mehr als nur Entspannung und Wohltat für die Seele. Forscher fanden heraus: Ein Aufenthalt im Wald stimuliert die Abwehrkräfte, hilft bei Herzkrankheiten, Bluthochdruck und Diabetes.

Symbolfoto: Frau wandert im Wald
Sattes Grün, frische Luft, Ruhe: Ein Waldspaziergang ist Erholung pur. | © Imago/imagebroker

Spazierengehen – am besten im Wald. Davon sind koreanische Forscher überzeugt. Eine Studie der Yonsei-Universität in Seoul konnte zeigen, dass sich nach einem einstündigen Waldspaziergang die Lungenfunktion und die Beweglichkeit der Arterien stärker verbessern als nach einem Bummel durch die Stadt. Die entspannende Atmosphäre in einem Wald sowie die gesunde Waldluft hätten eine beruhigende und entzündungshemmende Wirkung auf Organe im menschlichen Organismus.

In Wäldern ist die Luft so staubarm wie sonst nur im Gebirge oder am Meer. Die Konzentration von Staubteilchen beträgt nur ein bis zehn Prozent von der in Städten.

Das Forscherteam schickte für die Studie insgesamt 62 Frauen im Alter ab 60 Jahren auf einen 60-minütigen Spaziergang. Das Resultat: Frauen, die im Wald spazieren gingen, hatten kurzzeitig einen niedrigeren Blutdruck, eine verbesserte Lungenkapazität und elastischere Arterien als noch vor dem Spaziergang. Für die Stadtgruppe hingegen ergaben sich keine Unterschiede in den Messwerten. Woran das liegt, können die Forscher bisher nur vermuten. Ein möglicher Grund sind ätherische Öle, die die Bäume des Waldes verströmen. Sie gehören zu den sogenannten Phytonziden, mit denen sich Pflanzen vor Bakterien und Insektenbefall schützen. Sie wirken antioxidativ, fangen also aggressive Sauerstoffmoleküle ab, die auch die Gefäße schädigen können. Zudem wirken sie entzündungshemmend, was sich positiv auf Lunge und Blutgefäße auswirken kann.

Die Ergebnisse der Langzeitstudie wurden von den koreanischen Wissenschaftlern in dem Fachjournal "European Journal of Integrative Medicine" veröffentlicht. Durch weitere Studien wollen sie nun herausfinden, ob sich die positiven Auswirkungen von Waldspaziergängen ebenso bei Kindern und Männern verschiedener Altersgruppen über einen längeren Zeitraum erkennen lassen.

Blutdruck sinkt

Auf aussichtsreiche Ergebnisse kommen auch japanische Forscher in einer Studie mit Hunderten Versuchspersonen: Waldspaziergänge senken demnach Blutdruck und Herzfrequenz, zudem ist die Adrenalin-Ausschüttung und damit der Stresspegel sehr niedrig. Die Wissenschaftler der Nippon Medical School in Tokio glauben sogar, dass durch das Gehen im Wald Krebs-Killerzellen aktiviert werden, und dieser Effekt noch mindestens sieben Tage nach den Spaziergängen anhält.

Niemand zweifelt heute mehr daran, dass Waldspaziergänge zur Entspannung beitragen. Britische Forscher entdeckten, dass der Effekt bereits nach fünf Minuten an der frischen Luft einsetzt. Deren Studie zeigt außerdem: Waldspaziergänge steigern das Selbstwertgefühl, heben die Stimmung und bauen Stress ab. Die Wirkung verstärkt sich noch, wenn am Weg ein See liegt oder ein Bach dahinplätschert. 

Interview: "Bäume machen schneller gesund"

In seinem neuen Buch "Der Heilungscode der Natur" erklärt Autor Clemens G. Arvay: Wir enden nicht an unserer Hautoberfläche, sondern stehen in einem regenerierenden Funktionskreis mit der Umwelt. Clemens G. Arvay, Jahrgang 1980, ist Diplom-Ingenieur, Biologe und Bestseller-Autor. Er studierte Landschaftsökologie und angewandte Pflanzenwissenschaften.

VdK-Zeitung: Was haben Bäume mit unserer Gesundheit zu tun?

Arvay: In den siebziger und achtziger Jahren erbrachten Wissenschaftler den unumstößlichen Nachweis, dass alleine der Anblick von Bäumen, zum Beispiel durch ein Krankenhausfenster, die Wundheilung fördert. Patienten mit "Baumblick" benötigen weniger Schmerzmittel und werden im Durchschnitt rascher aus dem Krankenhaus entlassen als Patienten, die nur auf eine Hausmauer sehen können. An der Universität Chicago konnte sogar gezeigt werden, dass mehr Bäume in Großstädten zu einer medizinischen Verjüngungskur der Einwohner um sechs Jahre führen würden. Bereits durchschnittlich zehn Bäume mehr rund um den Lebensmittelpunkt der Stadtbewohner würden das Risiko, an Herzkreislauferkrankungen oder Krebs zu leiden, deutlich senken.

VdK-Zeitung: Stärken Bäume unser Immunsystem?

Arvay: Pflanzenstoffe aus der Waldluft, die von Bäumen abgegeben werden, haben sich als vielversprechende Wirkstoffe für Krebsmedikamente der Zukunft erwiesen. Bäume könnten schon bald der Schlüssel zur Heilung schwerer Erkrankungen sein. Und bei jedem Waldbesuch atmen wir diese Stoffe ein. So wirken Bäume direkt auf unser Immunsystem. Die Erkenntnisse der modernen Biologie lassen sogar nur den einen Schluss zu, dass unser Immunsystem den Einfluss gasförmiger Pflanzenstoffe aus der Natur sogar braucht, um richtig zu funktionieren. Die Trennung von diesen Stoffen ist mit Sicherheit ein Grund für die Zunahme von "Zivilisationserkrankungen".

VdK-Zeitung: Warum ist ein Waldspaziergang so entspannend für Körper und Geist?

Arvay: Der Anblick von Bäumen wirkt direkt auf unser Nervensystem ein und aktiviert den Parasympathikus, den Nerv der Ruhe, der sich als Netzwerk durch unsere Organe zieht. Er schaltet unseren Organismus in den Modus der Regeneration und der Heilung. Er senkt den Blutdruck und reguliert den Blutzuckerspiegel, fördert die Verdauung und setzt wichtige Abwehrzellen unseres Immunsystems in Gang. Auch Stresshormone gehen durch den Nerv der Ruhe zurück. 

„Der Heilungscode der Natur“, 19,99 Euro, gebundenes Buch, ISBN: 978-3-570-50201-3, erschienen im Riemann Verlag.

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Schlagworte Wald | Gesundheit | Waldspaziergang | Studie | Forschung | Erholung | Interview | Clemens Arvay | Ökologie | Entspannung | Langzeitstudie

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