19. Oktober 2015
Themen

Die Tafeln: Bewahrer oder Spaltpilz des Sozialstaats?

Vor fast einem Vierteljahrhundert ist in Berlin die „Ur-Tafel“ gegründet worden. Menschen, die bedürftig sind und Lebensmittel von guter Qualität, die überflüssig waren, sind „zusammengebracht“ worden. Auf den ersten Blick ist das eine tolle Idee: Wieso sollen unverdorbene Nahrungsmittel weggeworfen werden? Richtet sich die Kritik nicht schon lange an der „Wegwerf- und Überflussgesellschaft“?!

© Imago/Thomas Müller

In Deutschland werden jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Gleichzeitig gibt es auch hierzulande Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben. Also, was liegt näher, als Obst und Gemüse an Menschen, die arbeitslos sind oder eine kleine Rente haben, zu verteilen.

Kommen dürfen alle, die eine Bedürftigkeit nachweisen können. Ein Rentenbescheid, der Bezug von einem geringen ALG I, Hartz IV oder eine Schwerbehinderung in Verbindung mit Erwerbsunfähigkeit sind solche Nachweise. Insgesamt nutzen 1,5 Millionen Menschen, knapp ein Drittel davon Kinder und Jugendliche, bundesweit die Angebote der Tafeln, von denen es rund 900 gibt. Gut 60.000 Ehrenamtliche engagieren sich in den Ausgabestellen oder als Fahrer bzw. Abholer bei Supermärkten.

Beispiel Hanauer Tafel

VdK-TV zeigt am Beispiel der Hanauer Tafel, wie die Ehrenamtlichen mit einigen angestellten Mitarbeitern Hand in Hand zusammenarbeiten. Rund 574 Tonnen Lebensmittel werden an gut 2000 Bedürftige in und um Hanau jährlich verteilt. Hauptabnahmequellen sind Lebensmittelmärkte und Bäckereien. Es gibt Helfer, die als Hartz IV-Empfänger im Rahmen von 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit im Monat selbst auch Kunden der Tafel sind. Sie betonen, dass die Arbeit bei der Tafel ihnen wieder einen geregelten Tagesrhythmus ermöglicht. Einer der Mitarbeiter, selbst langzeitarbeitslos, bringt die Kernaufgabe der Tafeln auf den Punkt: "Es ist eine Zusatzversorgung, die wenn man wenig Geld hat, sehr hilft." Eine Rentnerin, die regelmäßig hilft, suchte nach einer sinnvollen Beschäftigung und freut sich über die vielen Leute, die sie bei der Tafel kennen lernt. Für die Tafel-Besucher haben viele Mitarbeiter auch ein offenes Ohr und helfen gerne mit Rat und Tat.


VdK-TV: Die Tafeln

Bundesweit unterstützen die Tafeln inzwischen regelmäßig rund 1,5 Millionen Menschen und die Nachfrage steigt stetig. Aber so gut und wichtig es ist, dass es die Tafeln gibt, belegen sie andererseits auch das Versagen des Staates.

Die Leiterin der Hanauer Tafel stellt seit Längerem einen weiteren Anstieg an Kunden fest. Seit gut einem Jahr kommen vermehrt Bedürftige aus süd-osteuropäischen EU-Staaten wie Rumänien und Bulgarien in die Ausgabestellen. Meist finden sie keine Arbeit und suchen bei der Tafel Hilfe. So geht es auch immer mehr Älteren, die zum Beispiel von der Grundsicherung im Alter leben, oder auch Jüngeren, die keine Stelle finden, keinen Schulabschluss haben. Oft stehen auch Alleinerziehende, die in geringfügigen Teilzeitjobs arbeiten, in den Warteschlangen der Ausgabestellen. Quer durch alle Schichten und Berufe gehen die Kunden der Hanauer Tafel. Viele sind durch Arbeitslosigkeit in Hartz IV gerutscht und finden als Ältere keine feste Stelle mehr – ein sehr bedenkliches Phänomen, das auch bei anderen Tafeln seit Jahren beobachtet wird.

Tafeln als Seismograf der Gesellschaft

Dass der Trend zu den Tafeln anhält, zeigt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wächst. Darauf hatte der Sozialverband VdK bereits 2010 mit einer großen Plakatkampagne aufmerksam gemacht. Besorgniserregend ist der Anstieg unter den über 65-Jährigen: Laut Bundesverband Deutscher Tafeln ist deren Anteil unter den Tafel-Nutzern seit 2007 von zwölf auf aktuell 17 Prozent gestiegen.

Bei den Tafeln ist spürbar, was auf die Gesellschaft einmal zukommen könnte. Diese Entwicklung ist ein weiteres Alarmsignal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist", warnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher und appelliert an die Regierung, endlich gegenzusteuern. Es spricht einiges dafür, dass sich dieser traurige Trend fortsetzt und durch den Zuzug von Flüchtlingen sich noch verstärken wird. Derzeit versorgen die Tafeln bundesweit zusätzlich rund 150.000 Migranten mit Lebensmitteln.

VdK sieht den Sozialstaat in der Pflicht

"Es steht schwarz auf weiß fest, dass Armut in Deutschland ein drängendes Problem ist und nicht mehr wegdiskutiert werden darf. Armut führt auch zu sozialer Ausgrenzung. Das kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Deshalb muss die Vermeidung und Bekämpfung von Armut ganz nach oben auf die politische Tagesordnung der neuen Bundesregierung", mahnt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. Die letzten Zahlen zu Armut in der Bundesrepublik sind alarmierend. Demnach war fast jeder sechste Einwohner in Deutschland 2013 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das sind laut Statistischem Bundesamt rund 13 Millionen Menschen und darunter besonders viele Frauen, Alleinerziehende sowie Singles.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt den Trend: "Im Bundesdurchschnitt stieg der Anteil armutsgefährdeter Menschen bei den über 65-Jährigen zwischen 2006 und 2013 von 10,4 Prozent auf 14,3 Prozent." Frauen, Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund seien besonders betroffen. Der VdK kritisiert, wie auch die Leiterin der Hanauer Tafel, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet hat. Es sei eine Schande, dass junge Alleinerziehend, aber auch Familien, nicht ausreichend Geld hätten, um sich selbst zu versorgen. Genauso die Älteren, die zur Tafel kommen. Sie hätten das Land mit aufgebaut, in bescheidenen Verhältnissen gelebt und ihre Rente reiche oft nicht, um sich auch mal etwas zu gönnen, ein paar Südfrüchte zu kaufen. Für Alte, Kranke und junge Familien müsse der Staat mehr tun.

Für den Sozialverband VdK sind die Tafeln weder "Bewahrer noch Spaltpilz des Sozialstaats": Sie sind eine sinnvolle Hilfe, wo Menschen sich anders nicht mehr zu helfen wissen. Aber sie sind auch ein Warnzeichen, dass der Sozialstaat seinen Aufgaben nicht mehr umfänglich gerecht wird. Langfristig sollten die Tafeln der Vergangenheit angehören.

Steffen Westermann

Schlagworte Tafel | Tafeln | Armut | Sozialstaat | VdK-TV

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