28. September 2012
Themen

Kinder mit Asperger-Syndrom: Wozu "Hallo" und "Tschüss" sagen?

Kinder mit Asperger-Syndrom müssen menschliches Miteinander erst lernen

Bereits bei Kindern im Alter von vier Jahren macht sich das Asperger-Syndrom, eine autistische Störung, bemerkbar. Soziale Rituale wie grüßen, Blickkontakt suchen und anderen Menschen Interesse entgegenbringen, beherrschen Asperger-Autisten nämlich nicht. Bis die richtige Diagnose gestellt wird, vergehen aber oft viele Jahre.

Carsten Meinen (Name von der Redaktion geändert) ist kein gewöhnlicher Jugendlicher. Anstatt in seiner Freizeit mit Freunden etwas zu unternehmen, vertieft sich der 18-Jährige in die komplexen Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs. Wenn im Dezember der neue Fahrplan für das darauffolgende Jahr veröffentlicht wird, ist das für ihn wie ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk. Das 1400 Seiten umfassende Fahrplanbuch des Hamburger Verkehrsverbunds studiert er akribisch. Selbst kleinste Unterschiede zum Vorjahresplan bleiben ihm nicht verborgen. Carsten hat ein außerordentlich gutes Gedächtnis. Und er ist Asperger-Autist.

Mitschüler nicht beachtet

Carstens Mutter Ulrike Meinen (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich, dass sein Verhalten erst in der Grundschule problematisch wurde. Er kam zwar gut mit dem Stoff klar und war höflich und angepasst. "Doch er hatte keinerlei Interesse an Gleichaltrigen", erzählt die Schleswig-Holsteinerin. Ihr Sohn verstand nicht, wozu er zu seinen Mitschülern am Morgen "Hallo" sagen sollte.

Häufig treten bei Kindern mit Asperger-Autismus diese Eigenheiten erst in der Schule zu Tage. Im Kindergarten fallen Asperger-Kinder nämlich nicht so auf, weil das Sozialverhalten der Kinder erst schwach ausgeprägt ist. "Hinzu kommt, dass die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom im Vergleich zu Menschen mit schweren autistischen Störungen normal intelligent sind", sagt Professorin Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Auch die Sprachentwicklung verläuft gewöhnlich. Im Schulalltag jedoch wird von Kindern mehr Selbstständigkeit erwartet. Hier stoßen autistische Schüler schnell an ihre Grenzen, erklärt die Expertin. Ausdrucksformen, wie etwa Ironie oder gegenseitiges Necken, verstehen sie nicht, und soziale Kontakte zu Mitschülern können sie nicht aufbauen. Autistische Kinder werden daher leicht zu Opfern von Hänseleien auf dem Schulhof.

Auch zu Hause war oft die Hölle los, erzählt Ulrike Meinen. Wann immer etwas nicht seinen gewohnten Lauf nahm, bekam Carsten Wutanfälle. Er verstand beispielsweise nicht, warum er im Winter an der frischen Luft Mütze und Schal tragen sollte. Er hatte kein normales Kälteempfinden. Auch ein friedliches Abendessen konnte in einem Fiasko enden, wenn etwa Blumenkohl anstatt Erbsen auf dem Teller lag. Das extreme Verhalten gab den Eltern Rätsel auf. Schulpsychologen und Ärzte wussten auch nicht weiter. Erst mit Unterstützung des Hamburger Autismus-Instituts wurde schließlich beim damals zwölfjährigen Carsten die Diagnose "Asperger-Autismus" gestellt. "Es war eine große Erleichterung", sagt Ulrike Meinen. "Endlich konnten wir gezielt helfen."

Welche sinnvollen Therapien es für Kinder mit Asperger-Autismus gibt, erläutert Professorin Christine Freitag. In Spiel- und Gruppentherapien können die Betroffenen soziales Verhalten lernen. "Wie man teilt, wie man sich begrüßt und verabschiedet, Geben und Nehmen, mit Konflikten umgehen, Freundschaften pflegen – das ist alles eine Sache der Übung", betont die Expertin. Auch daheim sollte für klare Strukturen gesorgt und einer Reizüberflutung, die autistische Kinder schnell überfordert, vorgebeugt werden.

Gute Perspektiven

Und in der Schule? "Es ist von großem Vorteil, wenn die Schule gegenüber behinderten Kindern tolerant ist", betont Freitag. Es kann sinnvoll sein, mit den Schulbehörden über eine Sonderregelung für Schulpausen zu sprechen, damit das autistische Kind im Klassenzimmer bleiben darf. Eltern können zudem einen Integrationshelfer beantragen, der das betroffene Kind in der Schule unterstützt. Auch Selbsthilfegruppen sind wertvoll. Im Gespräch mit gleichgesinnten Eltern ergeben sich oft neue Blickwinkel auf die eigene Situation.

"Die Perspektiven für Asperger-Autisten sind gut", betont Professorin Freitag. Studien aus Schweden weisen darauf hin, dass etwa 20 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter selbstständig ihren Alltag meistern können. Auch im Berufsleben gibt es Möglichkeiten, etwa dort, wo wenig kommuniziert werden muss und es auf logisches Denken und sehr genaues Überprüfen ankommt.

Dass der 18-jährige Carsten sich für den öffentlichen Nahverkehr begeistert, ist bei Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Autismus ein häufig anzutreffendes Hobby, bestätigt Freitag. Für die Betroffenen ist charakteristisch, dass sie ein ganz spezielles Interesse entwickeln. Andere Kinder mit Asperger-Syndrom können fantastisch zeichnen oder kennen sich mit Meteorologie aus. Auf "ihrem" Gebiet sind sie fast unschlagbar. (ant)

Hintergrund


Autismus ist eine relativ häufige Behinderung. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt der Anteil an autistischen Menschen weltweit bei etwa einem Prozent. Davon wiederum sind rund 20 Prozent vom Asperger-Syndrom betroffen.

Namensgeber dieser autistischen Störung ist der österreichische Kinderarzt Hans Asperger, der bereits in den 1940er-Jahren das Erscheinungsbild der Krankheit beschrieb. Erst nachdem seine Publikationen in den 1970er-Jahren in englische Sprache übersetzt wurden, widmeten sich Experten international dem Asperger-Syndrom, und ein Diagnose-Verfahren wurde entwickelt.

Über die genauen Ursachen der Erkrankung ist wenig bekannt. Experten vermuten eine starke genetische Veranlagung. Jungen sind etwa dreimal häufiger von Asperger-Autismus betroffen als Mädchen.

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