21. November 2019
PFLEGE

Für andere da sein, ohne sich selbst aufzugeben

Das Gleichgewicht zwischen Pflege und den eigenen Ansprüchen ist ein Lebensthema

© Unsplash


Viele sind damit konfrontiert: Irgendwann werden die Eltern alt und brauchen Hilfe. Und dann ist plötzlich nichts mehr so, wie es einmal war. Mehr als 70 Prozent der derzeit rund 3,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Bei knapp der Hälfte übernehmen diese Aufgabe nahe Angehörige. Corinna Kohröde-Warnken ist ehemalige Intensiv-Krankenschwester, Diplom-Pflegewirtin, Schriftstellerin, Bloggerin und Journalistin. Sie begleitet ihre Eltern und gibt im Gespräch mit der VdK­-ZEITUNG Anregungen, wie man der Aufgabe gerecht werden kann – ohne sich selbst dabei aufzugeben.

Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für Menschen, die ihre Eltern pflegen?
Die eigenen hohen Ansprüche, die manchmal noch durch das soziale Umfeld verstärkt werden, zu managen. Hinzu kommen natürlich auch die Ansprüche der Pflegebedürftigen. Wir setzen uns selbst unter einen enormen Druck, weil wir alles richtig machen wollen. Töchter oder Schwiegertöchter sind qua Amt Betreuungskräfte, Pflegerinnen und Kümmerinnen. Deshalb ist es wichtig, vor Eintritt der Pflegebedürftigkeit in einer Familienkonferenz zu klären, was sich die Eltern/Schwiegereltern genau wünschen. Viele wollen in die Nähe der Kinder ziehen, ihnen aber dennoch nicht zur Last fallen. Durch klar formulierte Vorstellungen auf beiden Seiten kann im Vorfeld schon viel Konfliktpotenzial abgeschwächt werden.
Sie sprechen von Töchtern oder Schwiegertöchtern. Wie sieht es mit Söhnen und Schwiegersöhnen aus?
Ja, tatsächlich sind die Pflegenden über 90 Prozent Frauen: Töchter, Schwiegertöchter, Enkelinnen und natürlich auch Ehefrauen. Es beteiligen sich zwar zunehmend auch mehr Männer an der Pflege, aber diese sind eben doch nur eine Minderheit. Ich nehme an, dass das auch mit veralteten Rollenbildern zu tun hat. Da muss sich dringend etwas ändern.

Wie viel Planung ist in der Pflege notwendig?
Sehr oft tritt die Pflegebedürftigkeit plötzlich ein. So war es bei meinen Eltern. Ich konnte nur noch reagieren. Wirklich hilfreich und gut war, dass meine Eltern eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung erstellt hatten. Dazu kann ich nur raten, denn ohne diese hätte ich bestimmte Dinge nicht veranlassen können.

Es vertauschen sich häufig die Rollen von Eltern und Kindern. Auch die Eltern hadern mit der ungewohnten Unselbstständigkeit. Wie vermeidet man, dass sich Eltern bevormundet fühlen?
Man spricht zwar von einem Rollenwechsel, weil pflegende Angehörige plötzlich die Verantwortung übernehmen. Aber Kinder bleiben wir immer, solange unsere Eltern leben. Wir sollten trotz möglicher kognitiver Einschränkungen respekt- und würdevoll mit unseren Eltern umgehen. Ich kann zum Beispiel auch einen Dementen fragen, was er von einer bestimmten Situation hält, was er anziehen oder was er essen möchte.

Kinder kommen in der Pflege oft an ihre psychischen und physischen Grenzen. Stimmt das?
Ja, durchaus. Tatsächlich sind pflegende Angehörige nicht selten selbst krank oder gesundheitlich angeschlagen. Es gibt daher spezielle Angebote, häufig von der Pflegeversicherung und/oder Krankenkasse unterstützt, um das richtige Heben zu lernen, wie man mit Dementen spricht oder wie man Essen anreicht. Diese Kurse erleichtern die täglichen Herausforderungen. Die häusliche Pflege ist in jeder Hinsicht anspruchsvoll und oft auch körperlich, emotional und seelisch herausfordernd. Meiner Erfahrung nach aber auch sehr heilsam, lehrreich und positiv. Ich habe bei der Pflege meiner Eltern versucht, darauf zu achten, dass individuelle Grenzen eingehalten werden. Ihre, aber auch meine.

Und was ist, wenn alte Konflikte, also Altlasten, wieder hochkommen?
Das kann natürlich passieren, aber das muss nicht unbedingt negativ sein. Es kann auch als Chance verstanden werden, Brüche zu bearbeiten.

Soll man sich um Hilfe von außen bemühen, bevor alles zu viel wird und das eigene Limit erreicht ist? Wie kann man Balance halten?
Der erste Schritt ist, es zu erkennen, dass man am Limit ist. Fast genauso wichtig ist es, sich dieses Gefühl auch zu erlauben. Es ist keine Schwäche oder ein Fehler, sondern ein ganz normaler Prozess. Eine durchschnittliche Pflegezeit kann bis zu acht Jahren dauern, das ist fast eine ganze Lebensdekade. Viele Pflegende sind in einer sogenannten Sandwich-Position. Sie haben möglicherweise noch schulpflichtige Kinder, die sie emotional, finanziell und mit Wohnraum unterstützen, einen Beruf, Ehrenämter, Vereinstätigkeiten und Freunde. Da zerren unter Umständen viele Kräfte an den Pflegenden. Man sollte sich ein Beispiel an der Feuerwehr nehmen: Feuerwehrleute laufen auch nicht einfach so in ein brennendes Haus. Sie sichern sich erst selbst. Denn nur, wenn sie gesichert sind, können sie andere retten. Das gilt auch für pflegende Angehörige.

Kann ein richtiger Weg auch ein Pflegeheim sein?
Es gibt da – wie meistens im Leben – kein eindeutiges Ja oder Nein. Es spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Vielleicht konnten biografische Brüche doch nicht geheilt werden. Oder der/die Pflegebedürftige gefährdet sich selbst oder andere, zum Beispiel durch eine fortschreitende Demenz. Es gibt sehr viele, sehr gute Pflegeheime, die großen Wert auf die Einbindung von Angehörigen legen.

Interview: Petra J. Huschke

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