15. Mai 2019
VdK-Zeitung

Interview mit Ranga Yogeshwar: „Technik ersetzt nie menschliche Empathie“

Moderator und Autor Ranga Yogeshwar, der 60 Jahre alt wird, über den Fortschritt und das Alter

Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar feiert am 18. Mai 60. Geburtstag. In seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ und in der ARD-Dokumentation „Der große Umbruch“ beschäftigt er sich mit Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz. Im Interview mit der VdK-Zeitung spricht er über das Älterwerden, Digitalisierung und Barrieren.

© WDR/Ralf Wilschewski

VdK-Zeitung: Sie werden 60 Jahre alt. Denken Sie schon an den Ruhestand?

Ranga Yogeshwar: Ich werde im Mai 60, und das mit Freude. An den Ruhestand denke ich nicht im Sinne eines „Rückwärtszählers“. So bezeichne ich Menschen, die immer sagen: „Ich habe noch so und so viele Jahre bis zur Rente.“ Aber jede Lebenszeit hat ihre Herausforderungen. Ich bin jetzt in einer Phase, in der die Kinder aus dem Haus sind, und in der das Bewusstsein wächst, dass das Leben endlich ist. Das führt dazu, dass man stärker priorisiert.

VdK-Zeitung: Können Sie das näher erläutern?

Ranga Yogeshwar: Ich überlege mir genau, was ich mit wem tue. Es gibt so viele Begehrlichkeiten: „Kannst du die Sendung machen? Kannst du das Buch schreiben?“ Dann stelle ich mir die Frage: „Willst du das?“

VdK-Zeitung: In Ihrem Buch und Ihrer Dokumentation geht es um künstliche Intelligenz (KI). Viele Menschen haben davor Angst ...

Ranga Yogeshwar: Interessant ist, dass bei der Bezeichnung „künstliche Intelligenz“ sofort die Vokabel „Angst“ fällt. Warum? Dahinter steckt die Angst des Loslassens. Diese müssen wir ersetzen durch das Sich-Öffnen für neue Möglichkeiten. Wenn wir uns die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte anschauen, ist der Fortschritt unter dem Strich sehr positiv für uns alle – das ist auch die Bilanz meines Buches. Natürlich müssen wir uns bei allen Innovationen Gedanken über deren Sinnhaftigkeit machen. Wir haben die Herausforderung, den Fortschritt reflektiert zu gestalten. Aber wenn wir das schaffen, wird der Fortschritt ein großer Gewinn sein.

VdK-Zeitung: Dem VdK geht es um sozialen Ausgleich. Wie kann KI dabei helfen?

Ranga Yogeshwar: KI an sich kann nicht helfen. Wir müssen schauen, dass der Fortschritt ein Fortschritt für alle wird, und nicht nur für eine Minderheit. Das ist eine immer wiederkehrende Herausforderung. Wenn wir das nicht tun, wird eine Gesellschaft irgendwann instabil, und Instabilität führt auf Dauer zu Konflikten, und dies ist für niemanden gut.

VdK-Zeitung: Welche Chancen bietet der Fortschritt in den Bereichen Gesundheit und Pflege?

Ranga Yogeshwar: Großartige Chancen. In meinem Film sehen Sie, wie KI Diagnoseverfahren deutlich verbessern kann, auch in Regionen, die heute noch nicht so weit entwickelt sind. Auf die Frage, ob Technik menschliche Empathie ersetzen kann, ist aber die klare Antwort: Nein. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen: Es wird den Pflegeroboter geben. Die Frage ist: Wie sieht es in der Gesellschaft mit Empathie für die Menschen aus, die älter, ärmer oder aus anderem Grund benachteiligt sind? Eine Gesellschaft muss daran gemessen werden, wie sie mit den Schwächeren umgeht.

VdK-Zeitung: Wo sehen Sie hier Nachholbedarf?

Ranga Yogeshwar: Schauen Sie sich die Deutsche Bahn an, die es nicht schafft, einen ICE zu bauen, in den Sie ebenerdig einsteigen können. Wenn man sieht, wie ein Rollstuhlfahrer mit einem Hebewagen in den Zug befördert wird, müsste man sagen: „Stopp! So können wir das nicht machen.“ Man müsste die Deutsche Bahn verklagen. Wie es geht, ist in Japan zu sehen. Dort ist der Einstieg überall ebenerdig, und die Wagen stehen immer exakt so am Bahnsteig, dass jeder an der richtigen Stelle in den Zug einsteigt.

Ranga Yogeshwars Buch "Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 22 Euro.

Die TV-Dokumentation „Der große Umbruch – wie künstliche Intelligenz unser Leben revolutioniert“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar: Hier geht's zum Beitrag.

Weitere Infos über den Wissenschaftsjournalisten finden Sie auf seiner Webseite: https://yogeshwar.de


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Schlagworte Künstliche Intelligenz | Alter | Roboter | Technik | Pflegeroboter | Barrierefreiheit

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