29. Mai 2017

"Musik ist ein Medikament ohne Nebenwirkungen"

VdK-Mitglieder über ihre musikalischen Leidenschaften von Schlager über Pop bis Metal – Was es heißt, ein Fan zu sein

Die CD oder Platte des Lieblingssängers oder der Lieblingsband auflegen, und schon ist die Welt eine andere: Probleme sind für den Moment vergessen, Glückshormone werden ausgeschüttet und lenken von Sorgen ab. Dass Musik glücklich macht, erleben viele Menschen, die eines eint: die Leidenschaft für eine bestimmte Musikrichtung. VdK-Mitglieder erzählen, warum sie zum Fan wurden und warum Musik für sie so wichtig ist.

Musik macht glücklich und lässt so manche Sorge vergessen - das erleben viele Menschen. | © pixabay.de

Dagmar Poliet-Steinig zählt die Tage, bis sie ihre Lieblingsband Depeche Mode wieder live erleben kann. „Ich hoffe, dass es mir an diesem Tag gut geht“, sagt die 42-Jährige, die seit der Kindheit an einer chronischen Darmerkrankung leidet und vor Kurzem Hautkrebs bekam. Das Konzert in Leipzig mit Gleichgesinnten zelebrieren zu dürfen, bedeutet für das VdK-Mitglied sehr viel.

„Das gibt mir so viel Kraft und Energie, dass ich noch lange Zeit davon zehren werde und mit meinen Erkrankungen dann besser zurechtkomme“, erzählt sie. Ihre Freunde werden an diesem Tag gut auf sie aufpassen. Denn es kann durchaus passieren, dass ihr plötzlich unwohl wird und sie sich im dichten Gedränge auf den Boden setzen muss, weil sie nicht mehr stehen kann. Aber die Frau ist optimistisch, denn an diesem Tag wird ihr Körper eine Extraportion Endorphine ausschütten. „Musik ist ein Medikament ohne Nebenwirkungen“, sagt sie.

Auch VdK-Mitglied Marc Delforge aus Mönchengladbach ist seit seiner Jugend Depeche-Mode-Fan. Der unverwechselbare Sound der britischen Band ist der Soundtrack seines Lebens, immer dabei, in guten wie in schlechten Zeiten. Während er früher auf Konzerten in den ersten Reihen stand, muss er heute einen Sitzplatz ordern. „Vor vier Jahren geriet mein Leben durch die Diagnose Multiple Sklerose völlig aus der Bahn, mitten in der Vorfreude auf die anstehende Tour“, erinnert sich der 44-Jährige. Doch wie immer in seinem Leben, habe ihm auch in dieser Phase Musik geholfen. Heute betreut Marc Delforge eine eigene Internetseite von Fans für Fans und ist Teil der großen „Depeche-Mode-Familie“.

Ihre Leidenschaft mit anderen, gleichgesinnten Fans teilen zu können, das beflügelt auch Karin und Ralf Steffen. Das Ehepaar leitet den offiziellen Fanclub der Sängerin Stefanie Heinzmann. Die Schweizer Pop- und Soulsängerin ist den beiden VdK-Mitgliedern aus Rheinland-Pfalz zum ersten Mal während einer TV-Casting-Show aufgefallen.

„Nach dem ersten Konzert war uns klar, dass uns weder die Musik, noch die junge Künstlerin jemals wieder loslassen werden“, erinnern sich die Steffens. Durch ihre Arbeit im Fanclub haben sie viele Gleichgesinnte kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen. Stefanie Heinzmann ist für sie mehr als ein Star. „Unser Leben ist dadurch bunter geworden“, sagen beide wie aus einem Mund. In diesem Jahr waren sie auf ihrem 60. Konzert und sind sich sicher: Es werden noch viele folgen.

Gustav F. Kohlhauer steht auf Rock ’n’ Roll. Auf dem Titelblatt des Musikmagazins „Rolling Stone“ hat er sich selbst verewigt: eine Hommage an seine Lieblingsband The Rolling Stones. | © privat

„Altrocker“ Gustav F. Kohlhauer aus Mainz hat in den 1960er-Jahren sogar die Beatles live erlebt. Und das, obwohl er eigentlich eingefleischter Fans der Rolling Stones war und ist. „Beatles und Stones, das ging ja nicht zusammen, aber das Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle wollte ich mir nicht entgehen lassen“, erinnert sich der 70-Jährige. Der Auftritt der „Pilzköpfe“ habe ihn nicht vom Hocker gehauen, die Akustik sei miserabel gewesen, dafür faszinierte ihn der „Auftritt“ eines weiblichen Beatles-Fans umso mehr.

„Ich hatte noch mit ihr geredet und auf einmal schrie sie nur noch ,John, John!‘ und fiel in Ohnmacht“, erinnert sich der Mainzer. Seine Idole von einst, die Rolling Stones, hat Gustav F. Kohlhauer das letzte Mal vor etwa 20 Jahren live erlebt. „Die Tickets sind einfach zu teuer. Das kann ich mir nicht leisten“, sagt der Mann, der von Grundsicherung im Alter lebt. Dem Rock ’n’ Roll ist er treu geblieben. Mit seiner Platten- und CD-Sammlung könnte das VdK-Mitglied eine Diskothek betreiben. Und noch etwas kann Gustav F. Kohlhauer versichern: „Musik hält fit und jung.“

Das kann auch Petra Fahle aus Bayreuth bestätigen. Die 58-Jährige ist eine leidenschaftliche Konzertgängerin, demnächst ist sie bei Deep Purple. Auch ihre CD-Sammlung kann sich mit etwa 3000 Exemplaren sehen lassen.

Ein ganz besonderes Erlebnis für jeden Fan ist, wenn er seinem Idol begegnet, ein Foto mit ihm schießen oder gar ein paar Worte mit ihm wechseln kann. Für Maria Löffler ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Sie gehört einem Fanclub des Schlagersängers Christian Lais an und war schon gemeinsam mit dem Künstler und anderen Fans auf „Schlagerreise“. „Er ist ein Star zum Anfassen und nimmt sich sehr viel Zeit für seine Fans“, schwärmt die 58-Jährige. Wenn sie „ihre“ Musik hört, sei sie in einer anderen Welt. „Das lenkt von Schmerzen und Sorgen ab und ist Balsam für die Seele“, sagt das VdK-Mitglied, das an Rheuma leidet.

Marianne Leskopf mit Roy Black. | © privat

Auf Begegnungen mit prominenten Sängern und Bands können auch Marianne und Herbert Leskopf aus Schefflenz in Baden-Württemberg zurückblicken, darunter mit Paul Mc Cartney, Drafi Deutscher und Roy Black. Während Herbert Leskopf ein absoluter Beatles-Fan ist, schwärmt seine Frau Marianne für Roy Black, mit dem sie 1969 nach einem Auftritt ins Gespräch kam. „Ich hatte Herzklopfen, aber seine freundliche Art hat mir schnell die Scheu genommen“, erinnert sich die 66-Jährige.

Für Jens Bäter aus Schwabach in Bayern hat sich nicht nur das Leben, sondern auch das Musikhören vor zwei Jahren gravierend geändert. Durch einen Hörsturz wurde der linke Hörnerv des 47-Jährigen zerstört. „Ich höre heute nur noch 50 Prozent“, sagt das VdK-Mitglied. Und als ob das nicht schon reichen würde, sei er auch noch an Multipler Sklerose erkrankt. „Ich musste völlig neu hören lernen. Die Musik hat mich dabei sehr unterstützt, mich immer weiter getragen und wieder aufgebaut“, sagt Jens Bäter. Seine musikalischen Vorlieben sind breit gefächert von Pop- und Rockkünstlern wie Prince, U2, Falco und Tina Turner bis hin zu Klassikinterpreten wie David Garrett und Anna Netrebko.

Gabriele Born und Sänger Tobias Regner. | © privat

Lieblingsmusik, Lieblingsband – für Kerstin Heider aus der Nähe von Augsburg ist das eine Einheit, einfach ihr Lebensgefühl. Seit Teenagerzeiten schwärmt die 27-Jährige für Tokio Hotel. Ende März dieses Jahres war sie auf einem Konzert der international erfolgreichen Band. „Das war pures Glück und Freiheit für mich“, sagt das VdK-Mitglied.

Auch Gabriele Born hat ihre musikalische Stilrichtung längst gefunden. Die 59-Jährige mag es rockig und laut. Sie hat eine Metallica-Cover-Band entdeckt. Frontmann von „Sacarium“ ist Tobias Regner, der vor elf Jahren die TV-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen hat. Wenn Gabriele Born auf eines seiner Konzerte geht, blüht sie förmlich auf. „Das ist wie eine Vitaminspritze“, so die chronisch kranke Frau aus Hessen.

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Interview: „Es geht immer um starke Emotionen“

Fans identifizieren sich leidenschaftlich mit Personen oder einer Sache

Warum wird aus einem Menschen, der gern Musik hört oder sich für Sport interessiert, ein Fan? Wie wirkt sich das Leben als Fan auf den Alltag eines Menschen aus? Fragen, die Professor Harald Lange, Leiter des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg, beantwortet.

VdK-Zeitung: Fan leitet sich von fanatisch ab. Doch nicht jeder Mensch, der sich für eine bestimmte Sache begeistert, würde sich als fanatisch bezeichnen.

Prof. Lange: Wer will schon gern als Fanatiker gelten? Dieser Begriff ist in unserer Gesellschaft negativ belegt. Denken wir zum Beispiel an fanatische Fußballfans, die manchmal auch durch aggressives Verhalten auffallen.

VdK-Zeitung: Was zeichnet einen Fan aus? Ab wann ist er eigentlich einer?

Prof. Lange: Ein Fan hat eine soziale Beziehung zu einer Sache. Es geht immer um starke Emotionen. Um beim Fußball zu bleiben: Ein Fußballinteressierter sieht sich ein Spiel an und freut sich, wenn es spannend ist und Tore fallen. Ein Fan hingegen jubelt bei einem Tor seiner Elf, ärgert sich, wenn sie in Rückstand gerät, und beschimpft vielleicht mal den Schiedsrichter.

VdK-Zeitung: Es gibt sicher Unterschiede, wenn man Fans, nicht nur im Fußball, vergleicht?

Prof. Lange: Fans sind auch Menschen, und die sind nun mal unterschiedlich. So würden all jene, die gern in die Oper gehen, wohl nicht von sich sagen, sie seien Opern-Fans. Zur Fankultur eines Landes gehören alle Menschen, die sich vom Herzen her als Fans fühlen. Als Fan wird man übrigens nicht geboren. Das entwickelt sich, meist schon im Jugendalter. Sich leidenschaftlich mit einer Sache zu identifizieren, kann ein Leben auch reicher machen.

VdK-Zeitung: Der Austausch mit Gleichgesinnten spielt dabei sicher eine große Rolle.

Prof. Lange: Interessen mit anderen Menschen teilen zu können, verstärkt das leidenschaftliche Gefühl. Man ist Teil von etwas Großem und Einzigartigem.

VdK-Zeitung: Ein Fan zu sein, tut den meisten Menschen also gut. Gibt es auch den gegenteiligen Effekt?

Prof. Lange: Problematisch könnte es werden, wenn ein Fan nur noch in der fiktiven Welt lebt, den Zugang zur Realität verliert, seinen Beruf und soziale Beziehungen vernachlässigt. Wenn er alles in eine Sache investiert und Suchtaspekte sichtbar werden. Für die meisten Fans ist ihre Leidenschaft oder ihr Idol aber nicht alleiniger Lebensinhalt.

Ines Klut

Schlagworte Musik | Fans | Bands | Rolling Stones | Stefanie Heinzmann | Tobias Regner | Christian Lais | Roy Black

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