26. April 2017

Interview: „Ich habe immer gedacht: Jetzt erst recht“

Dr. Rüdiger Leidner erblindete mit 15 Jahren – Barrieren bremsten ihn auf seinem Lebensweg nicht aus

Mitte der 1960er-Jahre gab es noch keine modernen Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Für Dr. Rüdiger Leidner kein Hindernis, zu studieren und seinen Weg zu gehen. Der führte zwar nicht immer geradeaus, seine Ziele hat der Vorsitzende der NatKo, Tourismus für Alle Deutschland e. V., dennoch meist erreicht.

VdK-Zeitung: Sie waren 15 Jahre alt, als Sie nach einer Operation ihr Augenlicht verloren. Ein Schock. Was hat Sie am meisten belastet?

Dr. Leidner: Ich wollte wieder in meine alte Schule gehen. Das ging aber nicht, und das war damals das Schlimmste für mich.

VdK-Zeitung: Sie haben Abitur gemacht und studiert. Wie haben Sie das ohne die modernen Hilfsmittel von heute geschafft?

Dr. Leidner: Ich war immer ein wissbegieriger Schüler. Nicht mehr sehen zu können, war für mich kein Grund, mit dem Lernen aufzuhören. Meine Schreibmaschine war damals das einzige Mittel, um mit meiner Umwelt schriftlich zu korrespondieren. Als Student habe ich andere Studenten als Vorleser „angestellt“.

VdK-Zeitung: Was hat Ihnen Kraft gegeben, trotz Rückschlägen nie aufzugeben?

Dr. Leidner: Als ich mit anderen blinden und sehbehinderten Jugendlichen in Kontakt kam, merkte ich, dass andere Blinde auch zur Schule gehen. Im Krankenhaus hatte ich das Gefühl, ich bin der Einzige. Später waren es die ersten kleinen Erfolgserlebnisse, die mich auf meinem Weg bekräftigten.

VdK-Zeitung: Rehabilitation nach dem Krankenhaus gab es damals noch nicht. Wie sind Sie auf das Leben als Blinder vorbereitet worden?

Dr. Leidner: Ich wurde aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen und musste selbst klarkommen. Nie vergessen werde ich die Antwort eines Neurochirurgen, der mich auf meine verzweifelte Frage, was denn nun aus mir werden soll, mit folgenden Worten verabschiedete: „Die Kriegsblinden haben sich auch damit abgefunden“. Für meine Familie war das eine enorme Belastung, weil es damals keine Betreuungsangebote oder eine psychosoziale Beratung gab. Das hat sich glücklicherweise geändert.

VdK-Zeitung: Welche Benachteiligungen haben Sie im Laufe Ihres Lebens erfahren, die mit Ihrer Behinderung zusammenhängen?

Dr. Leidner: Besonders aus dem Arbeitsleben gäbe es einiges zu berichten. Es wurde zwar nicht an meinen fachlichen Fähigkeiten gezweifelt, bei Bewerbungen kam ich oft trotzdem nicht zum Zug. Obwohl ich bei Bewerbungen auf eine interne Ausschreibung – ich arbeitete bis zur Pensionierung in einem Bundesministerium – der einzige Bewerber war, wurde keine Entscheidung getroffen.

VdK-Zeitung: Warum tun sich Arbeitgeber bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung so schwer?

Dr. Leidner: Eines der grundlegenden Probleme bei der Beurteilung behinderter Bewerber scheint das „Ich kann mir das nicht vorstellen“ zu sein. Die objektive Leistungsanforderung wird nicht von der Art der Leistungserbringung getrennt. Hier gilt es, noch viele Barrieren abzubauen.

VdK-Zeitung: Wie sind Sie damit umgegangen, wenn Ihnen etwas nicht zugetraut wurde?

Dr. Leidner: Gerade als junger Mann habe ich eine gewisse Trotzhaltung an den Tag gelegt nach der Devise „Jetzt erst recht“. So habe ich als Student die Universität gewechselt und später einige Jahre bei der EU-Kommission in Brüssel gearbeitet. Das hatte mir keiner zugetraut. Ich lebe nach dem Motto: Das Größte im Leben besteht darin, das zu tun, von dem andere behaupten, man könne es nicht.

VdK-Zeitung: Was raten Sie anderen Menschen mit Behinderung, die behindert werden?

Dr. Leidner: Eines kann ich aus Erfahrung sagen: Finden Sie sich nicht mit Dingen ab, die schon immer so waren. Machen Sie darauf aufmerksam, wenn Sie auf Barrieren stoßen und behindert werden. Wer still alles in Kauf nimmt, findet kein Gehör und wird meist nicht beachtet.

Buchtipp

In der Biografie „Einfach geradeaus“ schildert Rüdiger Leidner sein Leben nach seiner Erblindung im Alter von 15 Jahren. Das Buch erschien am 1. 4. 2017 im Asaro-Verlag und kostet 11,90 Euro (ISBN 978-3-955090-83-8).

NatKo

Die NatKo (Tourismus für Alle Deutschland e. V.) ist die zentrale Anlaufstelle bei Fragen rund um das Thema „Barrierefreies Reisen“ und „Tourismus für Alle“. Auch der Sozialverband VdK Deutschland ist Mitglied der NatKo. Mehr unter www.natko.de

Interview: Ines Klut

Schlagworte Interview | blind | Benachteiligung | Behinderung | sehbehindert | NatKo | Dr. Rüdiger Leidner

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