28. November 2016

Kommentar: Einfach helfen

Dieser Fall machte Schlagzeilen: Ein 82-Jähriger bricht vor einem Bankautomaten zusammen. Mindestens vier Menschen steigen achtlos über ihn hinweg. Eine Überwachungskamera hält fest, dass es 20 Minuten dauert, bis ein fünfter Kunde kommt, den Notruf wählt und Hilfe holt – für diesen Rentner aber leider zu spät.

Zugegeben: Erst einmal macht diese Geschichte auch mich fassungslos. Kann es sein, dass die Menschen so egoistisch, kalt, ja, herzlos sind? Und in vielen Zeitungskommentaren und in den sozialen Netzwerken hieß es sogleich, dass unsere Gesellschaft immer mehr verroht. Die Polizeigewerkschaft sprach sogar von einem „kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung“, weil so etwas leider kein Einzelfall sei.

Juristisch ist die Sache klar: Es gibt eine Pflicht, zu helfen. Die Personen, die sich nicht um den Mann in der Bankfiliale gekümmert haben, werden dank der Überwachungskamera sicher schnell identifiziert. Sie müssen sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.

Doch Hand aufs Herz: Hat nicht jeder von uns schon mindestens einmal in seinem Leben irgendwo lieber nicht so genau hingesehen? Hat rasch seinen Weg fortgesetzt, wollte sich „nicht einmischen“? Hatte vielleicht Angst, selber hilflos zu sein? Psychologen haben den Fall aus Essen genau in dieser Richtung analysiert. Grundsätzlich sei der Mensch ein soziales Wesen, das anderen in der Not helfen würde, doch dies gelte vor allem für Menschen, die man kenne. Kurz: Die Anonymität lasse uns leider herzlos werden. Ein Freibrief für ein Verhalten wie das der vier Bankkunden sei das aber freilich nicht.

Aber ehrlich gesagt: So ein Verhalten entspricht auch nicht der Erfahrung, jedenfalls nicht meiner. Und auch jedem von Ihnen wurde bestimmt irgendwann einmal im Leben „einfach so“ von einem Fremden geholfen. Das können kleine Gesten sein: zwei Euro geschenkt, damit das Kleingeld für den Automaten reicht. Eine Mitfahrmöglichkeit angeboten, weil der letzte Bus davon gefahren ist. Den schweren Einkauf in die Wohnung geschleppt, weil der Aufzug kaputt ist. In Wahrheit bekommen wir vermutlich sogar öfter Hilfe angeboten, als wir sie annehmen wollen.

Wer sich an das Gute erinnert, das ihm selbst schon widerfahren ist, wird sicherlich nach seinen Möglichkeiten helfen, wenn er einmal in die Situation kommen sollte, in der ein Fremder einfach Hilfe braucht. Ich bin froh, dass der fünfte Kunde in Essen genau das getan hat. Ihm möchte ich ausdrücklich danken.

Ulrike Mascher

Schlagworte Hilfe | Zivilcourage | Gesellschaft | Verrohung | Empathie | Anonymität | Kommentar | Ulrike Mascher | VdK-Präsidentin

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel liegt in unserem Archiv und ist daher möglicherweise veraltet.

Zur Startseite mit aktuellen Inhalten gelangen Sie hier: Startseite: Über uns