30. August 2016

Wohngemeinschaft für Demenzkranke: In der WG geht die Lebensgeschichte weiter

Individuell und familiär: die ambulant betreute Wohngemeinschaft für Demenzkranke in München

Roter Lippenstift statt Fettcreme, Rolling Stones statt Volksmusik – in einer Münchner Wohngemeinschaft für Demenzkranke keine Ausnahme. Das Projekt des Vereins Carpe Diem legt auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner genauso großen Wert wie auf eine gute Gemeinschaft. Dafür sorgt ein Team aus Betreuern, Pflegern und Angehörigen. Letztere sind für die Organisation und Verwaltung verantwortlich.

© Imago/Westend61

Es ist heiß. Kein Lüftchen dringt durch die geöffnete Balkontür. Anton Braun (Name von der Redaktion geändert) hält ein kühles Glas Eiskaffee in den Händen, lächelt zufrieden. Nicht einmal die Volksmusik, die aus dem Radio plätschert, bringt ihn heute aus der Ruhe. Dabei ist Volksmusik gar nicht sein Geschmack. Die Rolling Stones schon.

„Manchmal drehen wir in Ihrem Zimmer ganz laut auf, stimmt‘s, Herr Braun?“ Betreuerin Christine Schön zwinkert ihm zu. Die Diplom-Sozialpädagogin kennt die Vorlieben der sieben Bewohner der ambulant betreuten Wohngemeinschaft (WG) des Vereins Carpe Diem in München in- und auswendig. Alle sieben Bewohner sind dement. Was nicht bedeutet, dass alle sieben dieselben Bedürfnisse haben.

„Nur weil ein Mensch an Demenz erkrankt ist, heißt das nicht, dass er kein Individuum mehr ist“, betont Ulrike Reder, geschäftsführende Vorsitzende und Gründungsmitglied von Carpe Diem. „Kann der Demenzkranke seine Bedürfnisse selbst nicht mehr äußern, ist das Umfeld in der Verantwortung: die Angehörigen, die Betreuer, die Pfleger.“ Denn warum sollte die einstige Kosmetikkonzern-Chefin plötzlich ohne lackierte Fingernägel und rote Lippen aus dem Haus gehen, wenn ihr das immer wichtig war? Warum sollte Künstler Anton Braun Herz-Schmerz-Schlager hören, wenn er Mick Jaggers Rockröhre liebt? Die Tür der Wohngemeinschaft bleibt immer ein Stückchen offen für das Leben vor der Demenz. Auch beim Speiseplan gilt: bloß kein Einheitsbrei.

Individuelle Betreuung für Demenzkranke war im Jahr 1999 alles andere als selbstverständlich. Als Ulrike Reder vom Münchner Universitätsklinikum rechts der Isar den Auftrag bekam, eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke ins Leben zu rufen, betrat sie Neuland. Sie gründete den gemeinnützigen Verein Carpe Diem und ein Jahr später in Kooperation mit der Jacob-und-Marie-Rothenfußer-Gedächtnisstiftung die erste ambulant betreute WG für Demenzkranke in Bayern. Die Idee: die Angehörigen einzubeziehen und in die Verantwortung zu nehmen.

Die Angehörigen oder gesetzlichen Betreuer schließen mit dem Wohnungseigentümer, der Münchner Wohnungsgesellschaft GWG, einen Mietvertrag ab und entscheiden in einem Gremium unter anderem über gemeinsame Anschaffungen, Reparaturen, neue Mitbewohner – und den Pflegedienst. Damit hat das Gremium Carpe Diem beauftragt. Denn der Verein ist nicht nur Initiator dreier Wohngemeinschaften für Demenzkranke und einer für Pflegebedürftige mit psychischen Problemen. Er verfügt auch über einen ambulanten Pflegedienst, eine Beratungsstelle für pflegende Angehörige und ältere Menschen, eine Tagesbetreuung sowie einen ehrenamtlichen Helferkreis.

Auch eine Kostenfrage

„Die Kombination aus Betreuern und Pflegern sowie Ehrenamtlichen und Angehörigen ist optimal. Die WG ist wie eine Familie.“ Für Ulrike Reder ist es die schönste Wohnform für Demenzkranke, wenn es zu Hause nicht mehr geht. Vorausgesetzt, die Pflegebedürftigen haben engagierte Angehörige oder einen rührigen gesetzlichen Betreuer – und können es sich leisten. Für Miete, Ausstattung und Haushaltsgeld muss jeder Bewohner selbst aufkommen. Falls die Mittel fehlen, kann für Miet- und Nebenkosten Sozialhilfe beantragt werden. Nicht ganz einfach, weil das Amt dann oft auf günstigere Heime verweist. Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft sind die größten Posten. Finanziert wird dies durch Leistungen aus der Pflegeversicherung.

Zudem erhalten Pflegebedürftige in ambulant betreuten Wohngruppen seit 1. Januar 2015 eine monatliche Pauschale von 205 Euro pro Bewohner zur Finanzierung einer Hilfskraft. Trotzdem: Ohne eigenes Geld kein WG-Zimmer. Wer sein Erspartes aufgebraucht hat, muss vielerorts ausziehen. „Das ist untragbar“, kritisiert Ulrike Reder. Die Münchner haben Glück: Die Stadt springt in diesem Fall ein. In vielen anderen deutschen Städten und Gemeinden fühlt sich niemand zuständig. Dann bleibt nur das Heim.


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Caroline Meyer

Schlagworte Demenz | WG | Wohngemeinschaft | Senioren | Wohnen im Alter | Wohngruppe

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