23. Juni 2016

Kommentar: Tabu Demenz

Demenz zählt zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Die Zahl der Erkrankten steigt. Die Angst vor dieser Krankheit auch. Schon seit vielen Jahren wird nach einem Heilmittel gesucht, am besten sogar nach einem Impfstoff, der diese heimtückische Erkrankung gar nicht erst ausbrechen lässt. Nach vielen Jahren Forschung zeigt sich die Pharmaindustrie mittlerweile relativ kleinlaut. De facto ist auf absehbare Zeit kein Wundermittel in Sicht, mit dem Demenz in den Griff zu kriegen ist.

Aber müsste dennoch nicht alles unternommen und die Forschung vorangetrieben werden? Sind die heute Erkrankten den zukünftigen Generationen das nicht schuldig? Das jedenfalls suggeriert ein Gesetzesvorhaben, dessen Entwurf unter dem sperrigen Titel „Viertes Gesetz zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vorgelegt wurde. Unter anderem soll geregelt werden, dass auch Patienten, die aufgrund einer Demenzerkrankung nicht mehr einwilligungsfähig sind, an Versuchen zur Entwicklung von Arzneimitteln teilnehmen können. Einen direkten Vorteil hätten diese Patienten allerdings nicht, denn die Ergebnisse kämen – wenn überhaupt – erst späteren Erkrankten zugute. Die Einwilligung zur Teilnahme müsste der Demenzpatient noch vor Beeinträchtigung seines Geisteszustands in einer Patientenverfügung festlegen.

Ich kann vor solchen Vorstößen nur ausdrücklich warnen. Die Patientenverfügung muss bleiben, was sie ist: eine Festlegung dessen, was am Lebensende zum individuellen Wohl des Menschen getan werden soll. Eine pauschale Zustimmung für Arzneimittelexperimente, deren genauer Ablauf und möglicher Schaden die Person bei der Abfassung der Patientenverfügung ja noch gar nicht absehen kann, gehört eindeutig nicht hinein. Damit würde das Recht auf Selbstbestimmung massiv verletzt. Schließlich geht es bei solchen Experimenten nicht um Leben und Tod des hilflosen Patienten und damit um unmittelbar notwendige Entscheidungen, die jemand anderer treffen muss, sondern um einen ungewissen und auch für Angehörige nicht nachvollziehbaren Nutzen.

Menschen mit Demenz müssen bis zu ihrer letzten Minute darauf vertrauen können, dass alles Notwendige für ein gutes Leben getan wird. Experimente – mit welch hohem Ziel auch immer –, die sogar potenziell schaden können, müssen deshalb tabu bleiben.

Ulrike Mascher

Schlagworte Kommentar | Demenz | Ulrike Mascher | Patienten | Versuche | Experimente | Arzneimittel | Medikamente | Patientenverfügung

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