23. Juni 2016

Pflegeheimnoten gaukeln heile Welt vor

VdK fordert mehr Transparenz bei der Beurteilung von Pflegeeinrichtungen

Die Note eins haben fast alle Pflegeheime in Deutschland beim „Pflege-TÜV“ des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) bekommen. Wie gering die Aussagekraft dieser Bewertungen ist, zeigen aktuelle Medienrecherchen.

Das Maß an Zuwendung spiegelt sich nicht in den Pflegeheimnoten wider. | © Imago/Westend61

Eine gut lesbare Speisekarte kann die schlechte Note für die medizinische Versorgung in einem Pflegeheim ausgleichen. Das ist leider kein Scherz, sondern Praxis beim sogenannten „Pflege-TÜV“ des MDK. Die Gesamtnote der Beurteilung eines Pflegeheims soll eigentlich für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Auswahl des Pflegeheims sein. Doch derzeit haben fast alle deutschen Heime die Note eins. „Die Pflegenoten verschleiern die vorhandenen Qualitätsunterschiede. Genau genommen sind sie eine Verbrauchertäuschung“, urteilt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

Derzeit werden die Beurteilungen der Pflegeheime besonders genau betrachtet. Nachdem schon die Bertelsmann Stiftung die Pflegenoten kritisch unter die Lupe genommen hatte, stellte nun auch ein Zusammenschluss der Tageszeitung „Die Welt“, des Rechercheteams „Correctiv“ und des NDR-Fernsehens die MDK-Berichte auf den Prüfstand. Das erschreckende Ergebnis: In den MDK-Berichten versteckten sich oft alarmierende Befunde, obwohl die Gesamtnoten sehr gut sind. 60 Prozent aller Pflegeheime fielen in pflegerisch relevanten Bereichen negativ auf. Die Journalisten berichten etwa von Wundliegen oder Austrocknung der oft hilflosen Bewohner.

Mehr Informationen zur Pflegeheim-Recherche unter www.correctiv.org/recherchen/pflege/wegweiser

Gravierende Missstände

Für Ulrike Mascher sind diese Ergebnisse „leider keine Überraschung“. Sie zeigten einmal mehr, „dass die Missstände in deutschen Pflegeheimen gravierend sind“. Viel besser gepflegt als die alten Menschen seien leider oft die Dokumentationen über diese, die bei den MDK-Prüfungen vorgelegt werden müssen. „Die Bundesregierung muss die Beurteilungskriterien für Pflegeheime und ambulante Dienste bei der Reform des Pflege-TÜVs strikt an der Lebensqualität der Pflegebedürftigen ausrichten“, fordert Mascher. Sie kritisiert, dass die Überarbeitung durch Pflegekassen und Heimbetreiber erfolgt. Es sei zu befürchten, dass es keine wesentliche Verbesserung geben wird. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, hat unterdessen zugesagt, die Verhandlungen kritisch zu begleiten.

Um Pflegemissstände zu bekämpfen, braucht es vor allem genügend Personal, ist Mascher überzeugt: „Pflegekräfte sollten lieber mehr Zeit mit den ihnen anvertrauten Menschen als mit Dokumentationen verbringen.“

bsc

Schlagworte Pflegenoten | Pflegeheim | Pflegeeinrichtung | Pflege-TÜV | MDK | Medizinischer Dienst | Versorgung | Qualität | Missstände | Pflegebedürftige

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