23. März 2016

Die Krimi-Liebe der Deutschen

Warum der Boom nicht abbricht und Verbrechen an den Fernseher fesseln

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, sang einst Bill Ramsey. Muss sie auch nicht. Denn wer will, kann jeden Tag Zeuge eines Verbrechens werden. Vor dem Fernseher, versteht sich. Warum die meisten Deutschen verrückt nach TV-Krimis aller Art sind, erklärt Professor Dr. Hans-Bernd Brosius, Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

Quotengaranten: Jan Josef Liefers (links) und Axel Prahl (rechts) unterhalten im Münsteraner Tatort als Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne und Kriminalhauptkommissar Frank Thiel mit bissigem Humor. | © Imago/APress

Deutsche, skandinavische, englische und amerikanische TV-Krimis haben vor allem eines gemein: Sie sind Quotengaranten. Mit keinem Format fesseln die Sender mehr Zuschauer an den Fernseher. Öffentlich-rechtliche wie private. Kein Wunder also, dass Krimis das Abendprogramm dominieren.

Im deutschsprachigen Raum ist der 1970 erstmals gesendete Tatort die nicht nur am längsten laufende, sondern auch beliebteste Krimireihe. Zwischen sieben und 13 Millionen Zuschauer schalten laut dem Portal Statista jeden Sonntag um 20.15 Uhr ein. Der Spitzenreiter: der Münsteraner Tatort mit Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Kriminalhauptkommissar Frank Thiel. Das Erfolgsrezept: zwei überzeichnete, völlig verschiedene Charaktere, die sich aber doch gut ergänzen. „Die Ermittlertypen sind für den Zuschauer genauso wichtig wie der Fall an sich. Sind sie menschlich, haben sie ähnliche Probleme im Leben wie du und ich? Dann identifiziert sich der Zuschauer mit den Charakteren“, erklärt Professor Dr. Hans-Bernd Brosius. „Oder aber die Typen sind besonders markant, unkonventionell, haben eine wahnsinnige Auffassungsgabe. Auch Anderssein fasziniert.“

Das lebensnahe Setting, der Ort der Handlung, spielt für den Erfolg der deutschen Formate, ob Tatort oder regionale Vorabend-Krimireihe, eine ebenso große Rolle. „Zeigt der Krimi eine Stadt, die der Zuschauer kennt oder in der er sogar lebt, wirkt die Geschichte auf ihn authentischer“, sagt Brosius. „Das ist bei anderen fiktiven Spielfilmen oft nicht der Fall.“ Das Gut im Süden Englands ist eben nicht der Englische Garten in München oder das Brandenburger Tor in Berlin.

Auf Kommissare ist Verlass

Was Frauen wie Männer an Krimis im Allgemeinen schätzen: Auf TV-Kommissare ist Verlass. Das unterstreicht eine repräsentative Umfrage der Apotheken-Umschau. Hiernach empfindet mehr als jeder zweite Bundesbürger Krimis als beruhigend, da die Verbrechen in der Regel aufgeklärt werden. Blutvergießen hin oder her.
Brosius bestätigt das. „Der Zuschauer kann schon am Anfang davon ausgehen, dass die Geschichte ein gutes Ende findet.“ Langweilig? Nein. „Die Spannung entsteht entweder durch die Verwirrung um die Täterfrage oder durch einen interessanten Weg hin zum Ermittlungserfolg.“ In letzterem Fall steht der Täter von Beginn an fest, die Ermittler tappen jedoch im Dunkeln. Ob Rätselraten oder Mitfiebern, beides funktioniert. Seltener haben Drehbuchautoren Mut zum offenen Ende. „Das empfinden viele Zuschauer als frustrierend“, sagt der Sozialwissenschaftler. Außer natürlich es handelt sich um eine Serie, in der die Aufklärung in die nächste Folge getragen wird. Das hält die Spannung aufrecht.

Faszination Gewalt

Woher aber kommt diese Faszination für Mord und Totschlag? „Gewalt hat eine fesselnde Wirkung. Es ist ein menschlicher Reflex, hinzuschauen. Die Faszination für Krimis ist mit dem Gaffer-Effekt bei Unfällen zu vergleichen“, sagt Brosius Besonders düster und schonungslos sind skandinavische TV-Krimis, die auch in Deutschland immer beliebter werden. Der schwedische Kommissar Kurt Wallander etwa. Kein einfacher Mensch, trotzdem sympathisch, authentisch. Die Verbrechen: brutal.

Auch amerikanische Formate wie „CSI: Miami“ beginnen meist mit einem gewalttätigen Mord. Der Fokus liegt dann aber weniger auf den blutigen Szenen als vielmehr auf der Aufklärung – meist wissenschaftlicher oder mysteriöser Art. „Durch eine Mischung verschiedener Genres wird die festgeklopfte Thematik immer mehr durchbrochen“, erklärt Brosius moderne Konzepte. So bleibe der Krimi zukunftsfähig. Ein Ende des Booms sieht der Sozialwissenschaftler nicht. „Der Krimi ist kein neues Genre. Er hat sich über Jahrzehnte hinweg bewährt.“ So lange die Quoten stimmen, gebe es für die Sender keinen Grund, dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten.

Caroline Meyer

Schlagworte Krimi | Tatort | Fernsehen | Verbrechen | Studie | TV | TV-Kommissare | Faszination

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