23. März 2016

Wer pflegt, steht ständig unter Anspannung

Expertinnen der Online-Beratung pflegen-und-leben.de zeigen Angehörigen Lösungswege auf

Pflegende Angehörige sind einer großen Belastung ausgesetzt, sowohl körperlich als auch seelisch. Täglich stellen sie sich neuen Herausforderungen und fühlen sich oft mit ihren Problemen allein gelassen. Die Expertinnen der Online-Angehörigenberatung „pflegen-und-leben.de“ helfen, den seelischen Druck zu bewältigen, der durch häusliche Pflege entsteht. Imke Wolf, Leiterin der Online-Beratung, weiß, was pflegende Angehörige belastet.

VdK-Zeitung: Wer lässt sich von Ihnen online beraten?

Wolf: An uns wenden sich zum größten Teil Frauen im Alter von 50 Jahren und älter, die meist ihre Eltern oder Schwiegereltern pflegen. Zunehmend bitten auch immer mehr pflegende Männer um Unterstützung. In nur etwa der Hälfte aller Fälle liegt eine Pflegestufe vor.

VdK-Zeitung: In welcher Situation befinden sich pflegende Angehörige, die sich an Sie wenden?

Wolf: Die meisten pflegen schon seit mehreren Jahren. Nicht selten sind die pflegenden Angehörigen zumindest in Teilzeit berufstätig, was die Belastung zusätzlich verstärkt. So unterschiedlich die persönliche Situation auch ist, eines eint die Ratsuchenden: Sie sind an einem Punkt angekommen, wo sie Hilfe brauchen.

VdK-Zeitung: Was belastet pflegende Angehörige besonders stark?

Wolf: Generell stehen pflegende Angehörige unter dauerndem Zeitdruck. Sie erleben permanent Stress und sind ständig angespannt. Dringend benötigte Auszeiten nehmen sich viele nicht. Andere leiden unter starken Gewissensbissen, weil sie nicht so für ihren Pflegebedürftigen da sein können, wie der Betroffene das vielleicht bräuchte. Zudem stellen wir fest, dass besonders diejenigen, die sich um ein Familienmitglied mit Demenz kümmern, an ihre Grenzen stoßen.

VdK-Zeitung: Wie machen sich die seelischen Belastungen bei den pflegenden Angehörigen bemerkbar?

Wolf: Viele bemerken Warnzeichen nicht oder nehmen sie nicht ernst. Die Symptome sind anfangs körperlicher Art wie Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Verspannungen. Zudem berichten Ratsuchende davon, dass ihre Gedanken ständig kreisen, dass sie nicht mehr abschalten können. Auf der Gefühlsebene zeigen sich Belastungen in einer zunehmenden Freud- und Hoffnungslosigkeit oder Gereiztheit.

VdK-Zeitung: Gibt es einen roten Faden der Belastung, den Sie in den meisten Fällen erkennen?

Wolf: Das ist der berühmte Wald, den die Betroffenen vor lauter Bäumen nicht mehr wahrnehmen. Viele wollen auch alles allein schaffen und keine Hilfe von außen annehmen. Sie sind so vollauf mit der Pflege beschäftigt, dass sie nicht erkennen, dass sie etwas verändern müssen. Denn wenn sie selbst krank werden, können sie sich auch nicht mehr um den Angehörigen kümmern. Für diese Erkenntnis brauchen die Ratsuchenden mehr Distanz zur eigenen Situation.

VdK-Zeitung: Sie haben auf Ihrer Seite im Internet einen „Notfallkoffer“ gepackt. Welche Erfahrungen machen pflegende Angehörige damit?

Wolf: Der Notfallkoffer ist für den Fall, wenn sozusagen die Nerven einmal blank liegen. Wir zeigen Schritt für Schritt auf, was pflegende Angehörige tun können, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es ist völlig normal, auch mal wütend zu sein. Jetzt kommt es nur darauf an, mit diesen Gefühlen richtig umzugehen.

VdK-Zeitung: Was hilft pflegenden Angehörigen in erster Linie?

Wolf: Meist ist es wichtig, die Pflege und damit auch die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Es braucht immer ein Netz von Unterstützern, sowohl aus dem privaten als auch aus dem professionellen Umkreis. Kein Mensch kann auf Dauer ganz allein für einen anderen Menschen da sein. Jeder braucht Entlastung und hin und wieder kleinere und größere Auszeiten.

VdK-Zeitung: Bei allen Problemen kann die Pflege eines Angehörigen durchaus auch mit positiven Erfahrungen verbunden sein. Von welchen hören Sie?

Wolf: Wir fragen Angehörige, warum die Pflege eines Angehörigen übernommen wurde. Die schönste und immer wieder sehr berührende Antwort ist, dass sie pflegen, weil sie ihrem Angehörigen gegenüber eine Verbundenheit und Dankbarkeit empfinden und sie trotz aller Strapazen wieder pflegen würden. Viele erfahren durch die Pflege auch eine Bereicherung, andere wollen etwas zurückgeben. Nicht selten vertieft sich die Beziehung zum Gepflegten, und sie lernen sich noch auf eine neue Art und Weise kennen.

Info:

Die kostenlose Online-Beratung www.pflegen-und-leben.de richtet sich ausschließlich an pflegende Angehörige, die im häuslichen Umfeld eine Person pflegen. Beruflich Pflegende können nicht beraten werden. Die Beratung wird von einem Psychologen-Team durchgeführt. Die Beratung kann und will keine Psychotherapie ersetzen.

ikl

Schlagworte Pflege | Hilfe | Beratung | pflegende Angehörige | Psyche | Belastung | Unterstützung | Pflege und Leben

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