24. Februar 2016

Gastkommentar: Eine Stadt für alle Lebensalter

Professorin Ursula Lehr unterstützt VdK-Forderungen zur Barrierefreiheit

In ihrem Gastbeitrag schildert die ehemalige Bundesfamilienministerin und langjährige Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO), die Gerontologin Professorin Ursula Lehr, wie wichtig Barrierefreiheit in einer älter werdenden Gesellschaft ist.

Prof. Dr. Ursula Lehr | © BAGSO

Immer mehr Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter – eine Tatsache, über die wir uns freuen sollten. Unsere Wirtschaft, unsere Märkte, unsere Produktionen, unsere Kommunen, unsere Stadtplanung muss sich aber auf die zunehmende Zahl von Hochaltrigen einstellen.

Ich freue mich, dass der VdK in seiner Kampagne die Problematik der unnötigen Barrieren aufgegriffen hat. Derartige Hindernisse schränken den Lebensraum älterer Menschen ein und tragen zur Unselbstständigkeit bei. Die meisten 75-Jährigen sind zwar noch lange nicht pflegebedürftig, aber die einen oder anderen kleinen Hemmnisse, wie eine eingeschränkte Beweglichkeit, Probleme beim Treppensteigen, sich schwer bücken können, Gleichgewichtsstörungen, Arthritis, rheumatische Finger oder Seh- und Hörprobleme, treten auf.

Tatsache ist: Je gesünder und kompetenter ein Mensch ist, umso weniger beeinflusst die dinglich- sachliche Umwelt sein Verhalten. Je beeinträchtigter ein Mensch allerdings ist, umso mehr bestimmt diese Umwelt sein Verhalten. Unselbstständigkeit und Abhängigkeit sowie eine Verengung des Lebensraumes sind die Folgen. Was wiederum zu einem weiteren Abbau der an sich noch vorhandenen Fähigkeiten führt: Man geht weniger hinaus, erhält weniger Anregung, zieht sich zurück und stellt körperliche, geistige und soziale Aktivitäten weitgehend ein. Im positiven Fall regt eine gut gestaltete Umwelt aber zu Aktivitäten an, was die noch vorhandenen Fähigkeiten erhält und steigert. So kann ein vorhandener Aufzug einen Senior unternehmungsfreudiger machen. Eine Treppe in den zweiten Stock verführt manchen aber dazu, seine Aktivitäten einzustellen.

Um Hinfälligkeit oder gar Pflegebedürftigkeit zu vermeiden, ist eine „präventive Umweltgestaltung“ oder eine „umweltbezogene Prävention“ nötig, die zum einen Stolpersteine oder Barrieren erkennen und ausräumen muss, zum anderen zu Aktivitäten motivieren und zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil anregen sollte. Handlungsfelder gibt es dafür genug.

Wie viele Kommunen haben heute noch Bahnhöfe, Behörden, Kirchen, Restaurants und Museen, die nur über Treppen zu erreichen sind? Vielleicht gibt es irgendwo einen Zugang für Rollstuhlfahrer, aber der ist nicht für eine große Masse gedacht. Und: Auch „Nicht-Rollstuhlfahrer“ leiden unter Treppen! Handläufe sind für rechts- oder linksseitig eingeschränkte Menschen unbedingt nötig, da sie sich festhalten müssen, um nicht zu stürzen. Allein das Gefühl der Unsicherheit führt häufig zum Stolpern. Wenn man bedenkt, dass jeder dritte Pflegefall die Folge von Stürzen ist, sieht man, wie wichtig solche Umweltbedingungen sind. Auch unlesbare Schilder, zu kurze Ampelphasen ohne Ton, fehlende Ruhebänke, Kopfsteinpflaster oder glatte Böden schränken ältere Menschen unnötig ein.

Augen nicht verschließen

Die Prozesse des demografischen Wandels, der zunehmenden Langlebigkeit, sind eine große Herausforderung für die Gesellschaft und die Kommunalpolitik. Es hat keinen Zweck, die Augen davor zu verschließen. Auch jene Städte und Gemeinden, die heute noch nicht so sehr vom demografischen Wandel und der Schrumpfung betroffen sind, werden in einem gewissen zeitlichen Abstand diese Veränderungen erleben.


Mehr zur VdK-Kampagne "Weg mit den Barrieren!":

www.weg-mit-den-barrieren.de

Als Hingucker mit Aha-Effekt präsentiert sich die aktuelle VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“. Historische Ereignisse wie die Mondlandung, die Besteigung des Mount Everest, die Erfindung des Tonfilms oder des Internets werden mit dem Alltag von Menschen mit Behinderung im Jahr 2016 kontrastiert. Die auffällig gestalteten Werbemittel wie Plakate, Postkarten oder Aufkleber werden von den Ehrenamtlichen der VdK-Kreis- und Ortsverbände verteilt.

Prof. Ursula Lehr

Schlagworte Ursula Lehr | Barrierefreiheit | Städte | demografischer Wandel

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