28. Oktober 2015

„Die Mannschaft ist für uns wie eine große Familie“

Fußballvereine integrieren Flüchtlinge aus aller Welt – Großes ehrenamtliches Engagement von Trainern und Betreuern

Viele Sportvereine in Deutschland zeigen, wie Integration funktionieren kann: Sie nehmen Flüchtlinge in ihre Mannschaften auf. Ein Spieler des Potsdamer Fußballteams „Welcome United 03“ war bereits Gast im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, genauso wie der Trainer der ersten Fußballmannschaft, die in Bayern am Ligabetrieb teilnimmt, Olaf Butterbrod. Die VdK-Zeitung hat sein Team besucht.

Trainer Olaf Butterbrod (links) mit der Herren-Mannschaft vom ESV München-Neuaubing. | © Lukas Schäfer/ESV Neuaubing

Wenn Jalil Rezai mit seinen Kollegen vom ESV Neuaubing trainiert, vergisst er für einige Stunden seine Sorgen. In dieser Zeit denkt er nicht an seine Familie, die getrennt von ihm in seiner Heimat Afghanistan lebt, an die Gräuel, die er erleben musste, und auch nicht daran, dass er wieder abgeschoben werden könnte, wenn er nicht bald eine Anstellung als Schreiner bekommt.

Traum verwirklicht

Rezai ist einer von etwa 35 Spielern der Herren-Mannschaft des ESV München-Neuaubing. Die Zahl variiert, da immer wieder neue Flüchtlinge hinzukommen, andere das Team aber wieder verlassen. Entweder, weil sie abgeschoben werden oder innerhalb Deutschlands umziehen müssen. Da jedoch viele der Flüchtlinge inzwischen feste Anstellungen haben, hat das Team einen stabilen Stamm an Spielern, die auch eine Spielberechtigung für den Ligabetrieb haben. So konnte sich Trainer Olaf Butterbrod im September einen Traum verwirklichen. Er startete mit seinem Team in der C-Klasse. Bisher schlägt sich Neuaubing sehr gut, steht oben in der Tabelle.

Bereits seit dreieinhalb Jahren spielt Butterbrod mit Flüchtlingen zusammen Fußball. Zunächst trainierte der 45-Jährige mit ihnen auf dem Fußballplatz seines Arbeitgebers, der BayernLB. Dann kam er in Kontakt mit Christian Brey, Fußball-Abteilungsleiter vom ESV Neuaubing. Dieser machte sich in dem traditionsreichen Münchner Sportverein stark für die Flüchtlinge, und so kamen sie nach Neuaubing. Es war für beide Seiten ein Gewinn: Der Verein hatte damit wieder eine Herren-Mannschaft, und Butterbrods Team kann nun Meisterschaftsspiele machen.

Zum Leitgedanken des ESV Neuaubing gehört es, „den Integrationsgedanken zu leben“. Das Team ist ja auch „keine reine Flüchtlingsmannschaft“, wie Butterbrod betont. Spieler mit deutschem Pass gehören ebenfalls zur Mannschaft. Ansonsten wäre es „ja auch keine Integration“, sagt der Trainer.

Genau wie Brey wendet er nicht nur einen Großteil seiner Freizeit für die Mannschaft auf, sondern auch eigenes Geld. Aber Butterbrod bereut das nicht. Im Gegenteil: „Ich bekomme so viel zurück“, sagt er, und meint damit persönliche Erfahrungen, Freundschaften. Über Spenden und Hilfe freut er sich dennoch.

Viele Vereine in der Bundesrepublik sehen dies ähnlich. Auch die Sportverbände unterstützen solchen Einsatz. Der Deutsche Fußball-Bund zahlt jedem Verein, der sich ähnlich wie Neuaubing engagiert, einmalig 500 Euro.

Neven Subotić, Fußballprofi bei Borussia Dortmund, sagte im ZDF-Sportstudio über den Einsatz von Menschen wie Butterbrod: „Das sind genau die Vorbilder, die Deutschland braucht.“ Auch er war einst als Kriegsflüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Bundesrepublik gekommen. Mittlerweile engagiert sich Subotić selbst für Flüchtlinge und für Menschen in Afrika. Andere Profivereine setzen sich ebenfalls ein. Der FC Bayern München gab an, eine Million Euro zu spenden. Die Nationalspieler Thomas Müller und Jerome Boateng trainierten mit Flüchtlingen.

Bei Babelsberg 03 spielen auch Flüchtlinge. | © Babelsberg 03


Abdihafid Ahmed, ein Spieler des Teams „Welcome United 03“, schätzt es, hier zu leben und zu spielen. „In Potsdam-Babelsberg fühlen wir uns sehr willkommen“, sagte der Somalier im „Sportstudio“. Er ist vor der islamistischen Schabab-Miliz geflohen, die seinen Vater und seine Schwester umgebracht haben. Ahmed schlug sich durch Nordafrika, die Sahara bis nach Libyen. Dort stieg er in ein Flüchtlingsboot. Er saß weit vorne, und hörte ständig, wie Menschen hinter ihm über Bord fielen und vermutlich ertranken. Irgendwann fiel auch er selbst ins Meer, als „guter Schwimmer“, wie er sagte, gelang es ihm jedoch, sich so lange über Wasser zu halten, bis er gerettet wurde. Jetzt lebt er in Potsdam, in Sicherheit, aber weit entfernt von seiner Familie.

Vielen Spielern in Neuaubing geht es ähnlich. Sie sind froh, hier in Sicherheit zu leben. Ihre Liebsten sind zum Teil jedoch unerreichbar weit weg. Umso wichtiger ist ihnen der Zusammenhalt im Team, wie auch Mikdad Hoshyar betont. Als Jeside wurde er in seiner Heimat Irak verfolgt. Seit fünf Jahren lebt er in München und hat inzwischen ein dauerhaftes Bleiberecht. Bei Neuaubing fühlt er sich wohl: „Die Mannschaft ist für uns wie eine große Familie.“

hei

Schlagworte Fußball | Flüchtlinge | Mannschaft | Integration | Sportverein | Ehrenamt | Welcome United 03 | Fußballmannschaft | Trainer | Olaf Butterbrod

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