26. Februar 2015

Von seiner Arbeit muss man leben können

3,1 Millionen Menschen kommen in Deutschland trotz einer festen Beschäftigung kaum über die Runden

Arm trotz Arbeit – das ist Realität für immer mehr Erwerbstätige in Deutschland, die ein Ein­kommen unterhalb der Armutsschwelle beziehen. Der Sozialverband VdK fordert Maßnahmen, damit jeder von seiner Arbeit leben und künftiger Altersarmut vorbeugen kann.

Der Einzelhandel ist eine der Branchen, in denen Beschäftigte oft niedrige Löhne bekommen. | © Imago/Geisser

Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Zahl derer, die trotz eines regelmäßigen Arbeitseinkommens unterhalb der Armutsschwelle leben, zwischen 2008 und 2013 von rund 2,5 Millionen auf 3,1 Millionen Menschen, also um rund ein Viertel, gestiegen ist. Für einen Allein­lebenden liegt die Armutsgefährdungsschwelle in Deutschland bei 979 Euro im Monat. Armuts­gefährdete Arbeitskräfte sind häufig im Einzelhandel, in der Gastronomie sowie unter Leiharbeitern zu finden.

Haushaltsbefragungen bei den Betroffenen offenbarten laut eines Berichts in der „Saarbrücker Zeitung“ weitere alarmierende Einzelheiten. 379.000 von ihnen waren im Jahr 2013 ihre Miete mindestens einmal schuldig geblieben. 417.000 sagten, dass sie aus Kostengründen ihre Wohnung im Winter nicht genug heizen. Und 538.000 gaben an, sich nur jeden zweiten Tag ein richtiges Essen leisten zu können. Rücklagen für Notfälle oder fürs Alter kann so gut wie niemand von ihnen bilden.

Wer knapp über der Grundsicherungsschwelle lebt, hat zwar die Möglichkeit, Zusatzleistungen wie Wohngeld zu beantragen. Für viele dieser Haushalte scheinen aber auch diese Maßnahmen nicht auszureichen. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, fordert: „Das Wohngeld muss den rasant steigenden Mietkosten angepasst werden. Außerdem muss der Heizkostenzuschuss endlich wieder eingeführt werden – es darf nicht sein, dass in Deutschland jemand friert.“

Bekannt war bisher schon die Zahl der so genannten „Hartz-IV-Aufstocker“, also derjenigen Erwerbstätigen, die wegen ihres geringen Einkommens Ergänzungsleistungen vom Jobcenter beziehen. Sie liegt bei 1,3 Millionen, davon sind 587.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Insgesamt macht der Anteil der „Aufstocker“ an den erwachsenen Arbeitslosengeld-II-Empfängern 30 Prozent aus. „Dieser Aspekt wird in den Hartz-IV-Debatten meist komplett übersehen“, kritisiert Ulrike Mascher. Aus Steuergeldern würde also oftmals der Niedriglohnbereich staatlich subventioniert.

In den vergangenen Jahren hat sich der Trend zu prekärer Beschäftigung mit Mini-Jobs, Leiharbeit und Teilzeitarbeitsverhältnissen extrem verschärft. Mascher warnt vor dieser Entwicklung: „Wer im Arbeitsleben dauerhaft auf staat­liche Zusatzleistungen angewiesen ist, läuft große Gefahr, in einen Armutsteufelskreis zu geraten. Aus Mini-Löhnen werden Mini-Renten. Aus Hartz IV wird Altersarmut.“

Der VdK begrüßt daher die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns zum 1. Januar 2015. Den Standpunkt des VdK bestätigen Einschätzungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), dass der Mindestlohn die Zahl der Aufstocker um etwa 60.000 verringern wird. Wie die BA teilt auch VdK-Präsidentin Ulrike Mascher die Bedenken aus Wirtschaftskreisen nicht, der Mindestlohn würde zum Verlust tausender Arbeitsplätze führen: „Diese Annahme ist nicht zu belegen. Ein riesiger Arbeitsplatzabbau oder ein Anwachsen der Schwarzarbeit sind auch aus anderen europäischen Ländern mit Mindestlohnregelungen nicht bekannt.“

Dennoch, so Mascher weiter, sei auch der Mindestlohn von derzeit 8,50 Euro pro Stunde nur ein Anfang: „Die Faust­regel für die Festsetzung der Mindestlohnhöhe sollte lauten, dass mit einer Vollzeitbeschäftigung eine Rente oberhalb des Grundsicherungs­niveaus erarbeitet werden kann.“ Dies müsse regelmäßig geprüft und angepasst werden.

bsc

Schlagworte prekäre Beschäftigung | Minijob | Armut | Altersarmut | Mindestlohn | Wohngeld | Aufstocker | Löhne | Beschäftigung | Arbeitsmarkt

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