27. August 2014

Mobilitätstraining für sehbehinderte Menschen: Alle Sinne auf Empfang gestellt

Sehbehinderte können trainieren, wie sie sicherer und selbstbestimmter durch den Alltag kommen und mobil bleiben

Ob durch eine Krankheit, einen Unfall oder altersbedingt: Menschen, deren Sehkraft schwindet, fürchten häufig um ihre Selbstständigkeit. Doch es gibt Möglichkeiten, weiter aktiv am Leben teilzuhaben und neue Wege einzuschlagen.

Menschen mit einer Sehbehinderung lernen, wie sie ihre Selbstständigkeit erhalten. | © woche-des-sehens.de

Renate Borchmann läuft aufrecht die Straße am Berliner Gendarmenmarkt entlang. Diesen Weg geht die stark sehbehinderte Frau heute zum ersten Mal ohne Begleitung. Mit ihrer rechten Hand führt sie den Stock, der im großen Bogen gleichmäßig von rechts nach links gleitet. Er zeigt an, wenn eine Stolperstelle auftaucht. „Der Stock ist wie ein drittes Auge für mich“, sagt die 66-Jährige, der noch eine Sehkraft von rund acht Prozent geblieben ist. Sie leidet unter einer angeborenen, hochgradigen Kurzsichtigkeit, in deren Folge es zu grauem Star und einer Netzhautablösung kam. Seit Kurzem hat die Rentnerin die Vorzüge eines Langstocks entdeckt. Wie sie mit dem wichtigen Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte richtig umgeht, lernte die Rentnerin unter fachmännischer Anleitung.

Individuelles Training

Spezielle Schulungen in Orientierung und Mobilität, die bei entsprechender Indikation von den Krankenkassen bezahlt werden, sollen Sehbehinderten wie Renate Borchmann helfen, sich sicher und selbstständig zu bewegen. Die Trainer gehen individuell auf die Bedürfnisse der Schulungsteilnehmer ein. Reha-Lehrerin Susanne vom Scheidt vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin e. V. (ABSV) behält ihre Schülerin fest im Blick.

Heute sind sie außerhalb des Wohnumfelds von Renate Borchmann in Berlin unterwegs. Das ist Teil der Schulung, die etwa 40 Stunden umfasst. Renate Borchmann hat in den ersten Stunden gelernt, mit dem Langstock umzugehen. Sie weiß, wie er in der Hand gehalten und locker aus dem Handgelenk heraus dirigiert werden muss. Nach Trockenübungen in Räumen und Gebäuden folgte das Training auf der Straße. Bewusst wählt Susanne vom Scheidt dafür Plätze aus, die ihre Schüler noch nicht im Gedächtnis abgespeichert haben. „Sie sollen lernen, sich auch dort zurechtzufinden, wo sie sich noch nicht auskennen“, erklärt die Reha-Lehrerin.

Renate Borchmann bleibt erst mal stehen, als sie die belebte Passage zwischen zwei Ausflugslokalen bewältigt hat. Hier stehen Tische und Stühle auf engstem Raum und ragen in den Fußgängerbereich hinein. „Ohne Stock wäre ich wohl öfter hängen geblieben und einfach wieder umgekehrt“, sagt die Berlinerin. Sie ist erleichtert, dass sie die Aufgabe ganz allein geschafft hat. Und auch ihre Lehrerin ist zufrieden. Doch nicht alle Schüler werden während des Trainings ganz eins mit dem Langstock und akzeptieren ihn als Hilfe. Hinzu komme die Scheu, sich im vertrauten Umfeld mit dem Stock zu zeigen. Das erfordere oft Überwindung und auch Mut.

So normal wie möglich

Neben den praktischen Tipps für den Umgang mit dem Stock lernen die Sehbehinderten, ihre Sinne zu schulen und die Sinneseindrücke zu interpretieren. „Wir arbeiten mit dem Gehör und dem Tastsinn, um die Raumwahrnehmung zu verbessern“, erklärt Susanne vom Scheidt. Dadurch sollen Sehschwächen ein Stück weit kompensiert werden. So kann beispielsweise der Nachhall von Schritten den richtigen Weg zum U-Bahn-Ausgang weisen. Auch der Wechsel von Asphalt auf Sand oder Rasen hilft, sich zu orientieren. Darüber hinaus lernen Betroffene, beim Gehen nach vorn zu schauen. „Den Blick vom Boden zu lösen, öffnet die Körperhaltung“, so die Reha-Lehrerin. Das stärke zudem das Selbstbewusstsein und signalisiere anderen Menschen Stärke und Entschlossenheit.

Viele Sehbehinderte erleben ihr Handicap zunächst als herben Schlag gegen ihre Eigenständigkeit und verdrängen die Einschränkungen im Alltag, solange es nur irgendwie geht. Das war auch bei Renate Borchmann nicht anders. „Bis zu meiner Ausbildung bin ich auf eine ganz normale Schule gegangen und habe mich irgendwie durchgemogelt. Wenn ich etwas nicht lesen konnte, haben es mir Mitschüler und Lehrer eben erklärt“, erinnert sie sich. Erst als sie mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin begann, fiel ihre Behinderung stärker auf und sie besuchte eine spezielle Schule für Sehbehinderte. Bis zu ihrem Renteneintritt arbeitete die Berlinerin in ihrem Beruf. „Es war mir immer wichtig, dass ich so normal wie möglich leben kann. Ich wollte mich durch meine Behinderung nicht einschränken lassen“, betont die Frau, die auch in ihrer Freizeit sehr aktiv ist. Sie geht gern ins Theater, treibt Sport und lernt Englisch an der Volkshochschule.

Aktive Menschen wie Renate Borchmann sind meist sehr motiviert, ihre Selbstständigkeit zu erhalten und weiter zu verbessern. So möchte die Berlinerin künftig öfter ohne sehende Begleitung allein unterwegs sein. Vor allem im Dunkeln geht sie bislang kaum aus dem Haus, weil sie zu unsicher ist. Ist sie doch einmal länger unterwegs, dann holt sie ihr Mann an der Haltestelle ab. Die Schulung, so hofft sie, soll ihr helfen, diese Unsicherheit in den Griff zu bekommen.

In mehreren Unterrichtseinheiten trainiert Lehrerin Susanne vom Scheidt auch die Orientierung im Dunkeln. „Im Herbst und Winter sind die Tage für Sehbehinderte noch kürzer als für andere“, weiß die Reha-Lehrerin. Wer beispielsweise noch Silhouetten wahrnehmen kann, werde unsicher, wenn er diese auch nicht mehr sieht. Das Training könne helfen, diese Ängste abzubauen. Denn nur wer sich sicher fühlt, ist auch sicherer unterwegs und tritt selbstbewusster auf. Zum Abschluss gibt Susanne Scheidt jedem Teilnehmer eine Orientierung mit auf den Weg. Stärken und Schwächen werden analysiert. „Jeder sollte nach der Schulung wissen, was er gut kann und welche Situationen er doch lieber meiden sollte“, erklärt die Reha-Lehrerin.

Kontakt:

  • Ein Rezept für ein Mobilitätstraining stellt der behandelnde Haus- oder Augenarzt aus. Die Kosten werden in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
  • Infos zu Schulungen erhalten Sie beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Die nächste Ortsgruppe ist unter Telefon (0 18 05) 66 64 56 zu erreichen (0,14 Euro/Minute aus dem Festnetz).

ikl

Schlagworte Mobilitätstraining | blind | sehbehindert | Sehbehinderung | Selbständigkeit | Training | Orientierung | Rezept | Augenarzt | Krankenkasse | Kosten

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