28. Juni 2013

Armut macht krank und Krankheit arm - Neue Studie bestätigt, dass sich Lebensumstände auf die Gesundheit auswirken

Das deutsche Gesundheitswesen ist eines der besten der Welt. Doch Ärzte, Kliniken und Medikamente reichen nicht, um eine der größten Krankheitsursachen in den Griff zu bekommen – die Armut. Wer lange ohne Job ist, kein Einkommen hat oder mit einer kleinen Rente leben muss, ist häufiger krank als der Rest der Bevölkerung. Das bestätigt eine neue Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI).

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Die Gesundheitschancen sind trotz der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland nicht gerecht verteilt. Wo es an Einkommen, Bildung und Perspektiven fehlt, ist Krankheit ein häufiger Begleiter. Laut RKI-Studie haben Menschen, die von weniger als 800 Euro monatlich leben müssen, eine weit geringere Lebenserwartung als Menschen mit höherem Einkommen. Diese Personengruppe wird in Deutschland, das eines der reichsten Länder der Welt ist, immer größer: Von 1998 bis 2008 ist der Anteil der Menschen, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind, von elf auf 14 Prozent gestiegen. Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. In Deutschland lag diese Grenze 2011 für Einpersonenhaushalte bei 848 Euro netto im Monat.

Arme haben eine niedrigere Lebenserwartung

Bereits seit 30 Jahren belegen zahlreiche empirische Studien, dass Armut sich auch auf den Gesundheitszustand der Menschen auswirkt. Laut neuer RKI-Studie liegt die Lebenserwartung von Frauen aus der Armutsrisikogruppe acht Jahre unter der von Frauen mit höheren Einkommen. Bei Männern beträgt die Differenz sogar elf Jahre. Gerade die verbreiteten chronischen Erkrankungen sind es, die bei Menschen mit geringem Einkommen und geringer Bildung häufiger auftreten als beim Rest der Bevölkerung. Dazu zählen beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Bronchitis und bestimmte Krebsarten wie Lungen- oder Leberkrebs. Neben klassischen Risikofaktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum spielten aber auch andere Indikatoren eine Rolle, etwa schlechtere Wohnbedingungen, Lärmbelästigung oder eine stärkere psychische beziehungsweise Arbeitsbelastung, die häufiger bei Geringverdienern auftreten.

Armut macht krank – aber Krankheit kann auch arm machen. Viele Medikamente müssen aus eigener Tasche bezahlt werden, genauso Zuzahlungen für Krankenhausaufenthalte und ärztliche Behandlungen. Zudem droht bei sehr langwierigen und schweren Erkrankungen der Verlust des Arbeitsplatzes – oft der Beginn einer Spirale des sozialen Abstiegs.

Für den Sozialverband VdK eine besorgniserregende Entwicklung. "Gesundheit muss für alle bezahlbar bleiben", heißt eine der Kernforderungen des VdK. "Der gesundheitspolitische Kurs der Bundesregierung der letzten Jahre hat diese Entwicklung verschärft", so VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Solidarität sei das wichtigste Grundprinzip des Gesundheitssystems. Doch zunehmend würden bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Ältere, chronisch Kranke, Menschen mit Behinderung oder Einkommensschwache abgehängt. Auf deren Versorgung sei das Gesundheitssystem kaum eingestellt. Schon jetzt gebe es viele ältere Menschen, die von ihrer niedrigen Rente oder ihrem geringen Einkommen die Mittel für diverse Zuzahlungen bei Brillen, Zahnersatz, physiotherapeutischen und ärztlichen Leistungen nicht aufbringen können. "Auch für Prävention und Vorsorge wird zu wenig getan", kritisiert Mascher. Gerade einmal 3,87 Euro pro Versichertem werden von den Krankenkassen in vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen investiert. Die Politik müsse sicherstellen, dass es deutlich mehr und gezieltere Präventionsmaßnahmen vor allem für Arbeitnehmer, Kinder, Ältere und sozial benachteiligte Menschen gibt.

Armut ist in Mitte der Gesellschaft angekommen

Dass Armut krank macht, haben nicht nur Wissenschaftler belegt, sondern das erfahren auch zunehmend Ärzte in ihrer täglichen Arbeit. Mediziner engagieren sich vor allem in Großstädten mit Arztmobilen oder Krankenstuben freiwillig für arme Patienten. "Die ursprünglich für Obdachlose gedachten Angebote nehmen zunehmend auch Menschen mit festem Wohnsitz in Anspruch", so Gerhard Trabert, Obdachlosenarzt in Mainz und Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit. In die Wohnungslosen-Ambulanzen kämen vermehrt Selbstständige, die ihre Privatversicherung nicht mehr zahlen können, und Menschen mit geringen Einkünften, die sich Zuzahlungen für Medikamente und Hilfsmittel nicht mehr leisten können. 

ikl

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