29. April 2013

Sturzprophylaxe: Wie Ältere sicherer auf den Beinen werden

Mehr Kraft und Gleichgewicht durch Sturzprophylaxe – Viele Krankenkassen unterstützen ein gezieltes Training

Sturzprophylaxe-Training kann sich bei Älteren sehr positiv auf Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn und auch auf das Selbstbewusstsein auswirken. | © Imago

Mit zunehmendem Alter steigt auch das Risiko zu stürzen. Laut Bundesinitiative für Sturzprävention fallen mehr als ein Drittel der über 65-Jährigen mindestens einmal im Jahr. Oft hat das einschneidende körperliche und psychische Folgen. Um dem vorzubeugen, sollten ältere Menschen Balance und Kraft trainieren, um sich für den Alltag stark zu machen.

"Das rechte Bein nach hinten, und jetzt das linke. Gut so, Frau Will! Und der Rücken bleibt schön gerade." Zu flotten Schlagern trainieren Marja Will und die anderen Frauen und Männer in der "Villa Albrecht" Muskelkraft und Balance. Zweimal in der Woche steht im DRK-Seniorenzentrum in Berlin-Tempelhof das Kraft- und Balancetraining auf dem Programm. Es ist Teil eines Sturzpräventionsprogramms, das mittlerweile von vielen Krankenkassen unterstützt und in Sportvereinen oder Senioreneinrichtungen durchgeführt wird.

Professionelle Angebote

Der VdK Baden-Württemberg arbeitet beispielsweise mit Sportvereinen zusammen, die das Bewegungsprogramm "Fünf Esslinger" anbieten und VdK-Mitgliedern Sonderkonditionen gewähren. Durch die Übungen sollen Balance, Beweglichkeit, Leistung und Kraft trainiert und gestärkt werden.

Im Berliner DRK-Seniorenzentrum "Villa Albrecht" wird nach einem anderen Programm trainiert, das von der AOK Nordost entwickelt wurde. Es basiert auf wissenschaftlich fundierten Programmen des Geriatrischen Zentrums Ulm/Alb-Donau. Der Kraftteil besteht aus Übungen, die mit Gewichten absolviert werden. Die Belastung wird im Laufe der Zeit gesteigert. Ihre Beweglichkeit trainieren die Teilnehmer zum Beispiel, indem sie auf einem Bein balancieren und Bälle fangen. Außerdem lernen die Teilnehmer, wie sie auf unvorhergesehene Situationen reagieren, ohne aus dem Tritt zu kommen. Nicht nur die Gäste der Tagespflege und die Mieter des Senioren-Wohnens können mitmachen, sondern alle, die fitter für den Alltag werden wollen.

Elisabeth Hamann hat bereits erfahren, welche Vorteile das spezielle Training bringt. Die 92-Jährige übt schon seit mehr als drei Jahren regelmäßig. Als sie in ihrer Wohnung beim Aufräumen stürzte und sich den Oberschenkelhals brach, war sie schneller wieder auf den Beinen als andere in ihrem Alter. "Die Ärzte haben ganz schön gestaunt, weil ich schon am dritten Tag nach der Operation die ersten Gehversuche machte", sagt die Berlinerin stolz. Elisabeth Hamann ist sich sicher, dass sie ohne das Kraft- und Balancetraining nicht so schnell Fortschritte gemacht hätte. "Vielleicht wäre ich ja sogar ein Pflegefall geworden", meint die 92-jährige. Denn viele hochbetagte Menschen kommen nach einem Oberschenkelhalsbruch nicht mehr auf die Beine und brauchen danach dauerhaft fremde Hilfe. Laut Untersuchungen der Bundesinitiative Sturzprävention sind rund ein Drittel aller Pflegefälle auf vorangegangene Stürze zurückzuführen.

Doch ein Sturz hat nicht nur körperliche Folgen. Auch in der Psyche verändert sich einiges. "Wer einmal gestürzt ist, steckt das meist nicht so leicht wieder weg“, weiß Maria Glasauer, Leiterin des DRK-Senioren-Wohnens in Berlin-Tempelhof und Sturzprophylaxe-Trainingsgruppenleiterin. Gerade im fortgeschrittenen Alter falle es den meisten schwer, wieder sicherer auf den Beinen zu werden. "Sie haben Angst, erneut hinzufallen und bewegen sich deshalb weniger", weiß Maria Glasauer aus ihrer alltäglichen Arbeit. Das sei jedoch ein Teufelskreis. Denn durch weniger Bewegung bilden sich Muskeln zurück, die Kraft lässt nach, und die gesamte Konstitution wird immer schwächer. "Ich habe Senioren erlebt, die kaum noch selbstständig vom Stuhl aufstehen konnten und durch das Training wieder beweglicher geworden sind", so die Trainerin. Voraussetzung sei, dass regelmäßig und über einen langen Zeitraum trainiert werde, mindestens zweimal in der Woche. Dann würden sich schon bald die ersten Erfolgserlebnisse einstellen.

Selbstständig bleiben

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Programme wirken: Kam es in bayerischen Pflegeheimen vor dem Beginn der Sturzprophylaxe im ersten Quartal 2007 zu fast 9500 Stürzen, sank diese Zahl auf 8800 im dritten Quartal, nachdem das Präventionsprogramm umgesetzt worden war. Außerdem mussten weniger Heimbewohner infolge eines Sturzes ärztlich betreut werden oder ins Krankenhaus. "Stürze sind kein unabwendbares Schicksal", fasst Bettina Schubert, Projektkoordinatorin der AOK Nordost zusammen. Gezieltes kontinuierliches Training und eine Anpassung des Wohnumfeldes würden entscheidend dazu beitragen, die Lebensqualität älterer Menschen zu erhöhen.

Auch Marja Will ist von der Wirkung des Trainings überzeugt. Die 71-Jährige leidet an Parkinson und kommt mit den Symptomen der Krankheit besser zurecht, seitdem sie regelmäßig Kraft und Balance trainiert. "Ich fühle mich gar nicht wohl, wenn ich mal nicht mitmachen kann", sagt die Berlinerin. Und für Elisabeth Hamann steht fest: "Ich will so lange es geht selbstständig bleiben. Dafür muss ich auch etwas tun."

Tipp:

  • Die Bundesinitiative für Sturzprävention empfiehlt ein Gruppentraining zur Sturzprophylaxe. Denn dieses wird von ausgebildeten Trainern durchgeführt, die vorab die Teilnehmer hinsichtlich Beweglichkeit und Motorik testen. Außerdem gibt es Tipps, wie das Wohnumfeld sturzsicher gestaltet werden kann. Fragen Sie am besten bei Ihrer Krankenkasse nach, ob es entsprechende Angebote gibt.
  • Der VdK Baden-Württemberg bietet seinen Mitgliedern Kurse des Bewegungsprogramms "Fünf Esslinger" in Sportvereinen an. Im Internet kann man unter www.vdk.de/bawue nach Terminen suchen.

ikl

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