29. November 2012

Kommentar: Einfach abschieben?

Schlimm, wer alt und arm ist. Und schlimmer, wer dann noch pflegebedürftig wird. Weil immer mehr Menschen eine schmale Rente haben, kommen sie spätestens dann ins Straucheln, wenn die Heimkosten das Budget endgültig übersteigen.

411.000 Pflegebedürftige mussten 2011 die staatliche Leistung "Hilfe zur Pflege" beantragen, das sind fünf Prozent mehr als 2010. Drei Viertel der Bezieher leben in Pflegeheimen, die meisten davon sind weiblich. Und die Zahlen werden voraussichtlich in dem Maße steigen, wie die Renten in den kommenden Jahren sinken.

Es wäre zu erwarten, dass nun endlich die Bekämpfung der Altersarmut in Angriff genommen wird. Etwa durch vernünftige Löhne, um Arbeitnehmern ausreichende Rentenanwartschaften zu sichern. Oder mit einem Ausbau der Prävention und Rehabilitation, damit Pflegebedürftigkeit am besten gar nicht erst eintritt. Stattdessen wird im Moment erschreckend offen diskutiert, Menschen, die sich Pflege in Deutschland nicht leisten können, einfach ins nähere und fernere Ausland abzuschieben.

Noch sind das Einzelfälle. Statistiken dazu gibt es kaum, weil die Pflege derzeit in Eigenregie der Familien organisiert werden muss. Denn noch verhindert der Gesetzgeber direkte Verträge der Pflegekassen mit Pflegeheimen im Ausland. Man sei aber offen für solche Kooperationen, erfuhr eine Journalistin der "Welt am Sonntag" bei Recherchen in großen Krankenkassen. Schließlich habe man bereits gute Erfahrungen mit Rehakliniken im Ausland gemacht. Doch da gibt es einen ganz großen Unterschied: Wer zur Reha nach Ungarn, in die Slowakei oder nach Spanien fährt, hat die Rückfahrkarte im Gepäck. Ist die Maßnahme nach drei oder vier Wochen beendet, fährt man – hoffentlich wieder gesund und munter – nach Hause. Wer als alter Mensch die Reise in ein Pflegeheim ins Ausland antritt, kommt wahrscheinlich nie mehr zurück.

Hinter diesen Sparideen steckt schon ein großer Mangel an Einfühlungsvermögen. Sicher, Pflegekräfte außerhalb Deutschlands arbeiten auch professionell und gut. Doch "satt und sauber" alleine reicht nicht. Fern von der Familie und der eigenen Sprache, in völlig fremder Umgebung, möchte niemand von uns seine letzten Tage verbringen. Besonders nicht hochbetagte und vor allem demenziell erkrankte Menschen.

Wir schieben mit ihnen nicht nur ein Problem ab, wir rütteln an den Grundüberzeugungen einer humanen Gesellschaft. Ich möchte an die Anfänge der Pflegeversicherung erinnern. Sie wurde 1995 eingeführt, um dauerhaft zu verhindern, dass Pflege zum Armutsrisiko wird. Doch seither ist an den Leistungen kaum etwas verbessert worden. "Pflege geht jeden an" hieß das Motto der VdK-Kampagne 2011. Dieses Motto ist so aktuell wie nie. Deshalb ist eine zunehmende Privatisierung des Pflegerisikos, wie sie etwa der "Pflege-Bahr" vorsieht, der falsche Weg. Nach Meinung des Sozialverbands VdK gibt es nur eine Lösung: Wir müssen die solidarische gesetzliche Pflegeversicherung stärken, um für die Zukunft der Pflege gerüstet zu sein.

Ulrike Mascher

Schlagworte Ulrike Mascher | VdK-Präsidentin | Kommentar | Altersarmut | Pflege | Pflegebedürftige | Pflegeheim | häusliche Pflege | Armutsrisiko | Rente

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